|
Kunst und Künstler
36. Die Verknüpfung der
Ästhetik mit dem Streben nach dem Gutem und der Suche nach dem Wahrem ist
sicherlich ein vorzügliches Feld der Kulturpastoral, um das Evangelium
unter Berücksichtigung der Zeichen der Zeit zu verkünden. Die
Künstlerpastoral erfordert ein ästhetisches Gespür sowie eine
nicht minder große christliche Sensibilität. In unserer Kultur, die
von einer Flut von oft banalen und brutalen Bildern, die Fernsehen, Film und
Videos täglich zeigen, geprägt ist, weckt das fruchtbare Bündnis
zwischen Evangelium und Kunst neue Epiphanien der Schönheit, die bei der
Betrachtung Christi, des menschgewordenen Gottessohnes, bei der Meditation
seiner Geheimnisse und ihrer Ausstrahlung im Leben Marias und der Heiligen
(vgl. Johannes Paul II., Brief an die Künstler, 4. April 1999)
entstehen.
Auf institutioneller Ebene machen
steigende Diversifizierung und Zersplitterung einen neuen Dialog der Kirche mit
den verschiedenen Kunsteinrichtungen oder Kunstverbänden erforderlich. Von
der Pfarr- bis zur Kategorialseelsorge, von den Diözesen bis zu den
Bischofskonferenzen, von den Seminaren bis zu den Ausbildungszentren und
Universitäten fördert diese Pastoral Verbände, die geeignet
sind, einen konstruktiven Dialog mit Künstlern und der Welt der Kunst
einzufädeln. Für die Ortskirchen, die manchmal ihnen gegenüber
auf Distanz gegangen sind, kann dieser dank geeigneter Orte der Begegnung neu
hergestellte Kontakt nur von Vorteil sein.
Auf kreativer Ebene hat die Erfahrung gelehrt: Unter
politischen Bedingungen, die für die wahre Kultur, welche die Freiheit
voraussetzt, ungünstig waren, hat sich die Kirche zur Verfechterin und
Beschützerin von Kunst und Kultur gemacht. Viele Künstler haben daher
in ihrer Mitte einen vorzüglichen Ort zur Entfaltung ihrer
persönlichen Kreativität gefunden. Diese Haltung und Rolle der Kirche
gegenüber der Kultur und den Künstlern sind höchst aktuell - vor
allem im Bereich der Architektur, Malerei und Kirchenmusik. Ruft man die
Künstler zur Beteiligung am Leben der Kirche auf, fordert man sie
gleichzeitig zur Erneuerung der christlichen Kunst auf. Eine vertrauensvolle
Beziehung zu den Künstlern, das heißt ihnen zuhören und mit
ihnen zusammenarbeiten, ermöglicht die Aufwertung all dessen, was den
Menschen bildet und seinem Menschsein ein höheres Niveau verleiht, und
zwar durch eine intensive Teilhabe am Geheimnis Gottes, dem schönsten und
höchsten Gut. Um konstruktiv zu sein, darf sich die Beziehung von Glaube
und Kunst nicht auf die Annahme der Kreativität beschränken. Vorschläge,
Konfrontationen und Unterscheidungen sind notwendig, denn Glaube ist Treue zur
Wahrheit. Die Liturgie stellt in dieser Hinsicht dank ihrer inspirativen Kraft
und vielfältigen Möglichkeiten, die sie den Künstlern in ihrer
Unterschiedlichkeit bietet, um die Weisungen des II. Vatikanischen Konzils zu
verwirklichen, ein außergewöhnliches Umfeld dar. Es ist wichtig,
eine einheimische und zugleich katholische Ausdrucksform des
Glaubens unter Beachtung der liturgischen Vorschriften anzuregen.(26) Die
Notwendigkeit, neue Kirchen zu bauen und auszustatten, macht eine eingehende
Reflexion über die Kirche als sakraler Ort und über die Bedeutung
der Liturgie erforderlich. Die Künstler sind aufgerufen, diesen spirituellen
Werten Ausdruck zu verleihen. Ihre Kreativität soll die Entwicklung von
Malereien und musikalischen Kompositionen ermöglichen, die eine
größtmögliche Zahl ansprechen, um ihnen die Transzendenz der
Liebe Gottes zu offenbaren und um sie ins Gebet einzuführen. Das II.
Vatikanische Konzil war sich in diesem Punkt sofort klar, und seine Weisungen
sind stets zu verwirklichen: "Durch angestrengtes Bemühen soll
erreicht werden, daß die Künstler das Bewußtsein haben
können, in ihrem Schaffen von der Kirche anerkannt zu sein, und daß
sie im Besitz der ihnen zustehenden Freiheit leichter zum Kontakt mit der
christlichen Gemeinde kommen. Auch die neuen Formen der Kunst, die
gemäß der Eigenart der verschiedenen Völker und Länder den
Menschen unserer Zeit entsprechen, sollen von der Kirche anerkannt werden. In
das Heiligtum aber sollen sie aufgenommen werden, wenn sie in einer dafür
angepaßten Aussageweise den Erfordernissen der Liturgie entsprechen und
den Geist zu Gott erheben" (Gaudium et spes, Nr. 62).
Auf der Ebene der Ausbildung: Eine auf die Kunst und die Künstler
zielende Pastoral setzt eine angemessene Ausbildung voraus,(27) um die
Schönheit der Kunst und die Epiphanie des Geheimnisses zu erfassen. Die
Verantwortlichen einer solchen Einführung in die Kunst in Verbindung mit
der theologischen, liturgischen und spirituellen Ausbildung sollen Priester und
Laien aussuchen, denen sie die Künstlerpastoral anvertrauen mit der
Aufgabe, in der christlichen Gemeinschaft klare Urteile zu fällen und
begründete Beurteilungen über die Botschaft der zeitgenössischen
Kunst abzugeben.
Die Handlungsmöglichkeiten
in diesem Bereich sind zahlreich und vielfältig. Verbände, Genossenschaften
von Künstlern, Schriftstellern und Akademikern zeigen, wie wichtig die
Rolle von Menschen mit katholischer Kultur ist, und können einen
konstruktiveren Dialog zwischen Kirche und Kunst fördern. Verschiedene
Formulierungen wie Kulturwoche oder Woche der christlichen Kultur weisen
auf regelmäßige Kulturveranstaltungen mit spezifisch christlichen
Angeboten hin, die für eine größtmögliche Zahl offen ist. Ein
internationales oder nationales Festival der sakralen Kunst oder ein
internationaler oder nationaler Preis für sakrale Kunst erlaubt es, der
Kirchenmusik, dem Film und dem religiösen Buch eine besondere Bedeutung zu
verleihen.
|