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Evangelisierung und Inkulturation 4. Die Evangelisierung im eigentlichen Sinn besteht in der expliziten Verkündigung des Heilsgeheimnisses Christi und seiner Botschaft, denn Gott "will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen" (1 Tim 2,4). "So ist es nötig, daß sich alle zu ihm, der durch die Verkündigung der Kirche erkannt wird, bekehren sowie ihm und seinem Leib, der Kirche, durch die Taufe eingegliedert werden" (Ad gentes, Nr. 7). Die unaufhörlich sprudelnde Neuheit der Offenbarung Gottes "in Wort und Tat, die innerlich miteinander verknüpft sind" (Dei Verbum, Nr. 2), macht die Wahrheit über Gott und das Heil des Menschen kund und wird durch den in der Kirche wirkenden Geist Christi mitgeteilt. Die Verkündigung Christi, "der zugleich der Mittler und die Fülle der ganzen Offenbarung ist" (ebd.), bringt die semina Verbi ans Licht, die in den Kulturen verborgen und manchmal gleichsam begraben sind; sie entfaltet sie nach Maßgabe ihrer Ausrichtung auf das Unendliche, die der Schöpfer in sie hineingelegt hat und in der wunderbaren Herablassung der ewigen Weisheit (vgl. Dei Verbum, Nr. 13) befriedigt, indem sie deren Sinnentwurf auf die Transzendenz hin umgestaltet, und macht jene festen Erwartungen zu Ansatzpunkten für die Aufnahme des Evangeliums. Durch das ausdrückliche Zeugnis ihres Glaubens durchdrangen die Jünger Jesu die vielfältigen Kulturen mit dem Evangelium. "Evangelisieren besagt für die Kirche, die Frohbotschaft in alle Bereiche der Menschheit zu tragen und sie durch deren Einfluß von innen her umzuwandeln und die Menschheit selbst zu erneuern [...] Für die Kirche geht es [...] darum, [...] zu erreichen, daß durch die Kraft des Evangeliums die Urteilskriterien, die bestimmenden Werte, die Interessenpunkte, die Denkgewohnheiten, die Quellen der Inspiration und die Lebensmodelle der Menschheit, die zum Wort Gottes und zum Heilsplan im Gegensatz stehen, umgewandelt werden. [...] Es gilt - und zwar nicht nur dekorativ wie durch einen oberflächlichen Anstrich, sondern mit vitaler Kraft in der Tiefe bis zu ihren Wurzeln - die Kultur und die Kulturen des Menschen im vollen und umfassenden Sinn, den diese Begriffe in Gaudium et spes haben, zu evangelisieren, wobei man immer von der Person ausgeht und dann stets zu den Beziehungen der Personen untereinander und mit Gott fortschreitet. Das Evangelium und somit die Evangelisierung identifizieren sich natürlich nicht mit der Kultur und sind unabhängig gegenüber allen Kulturen. Dennoch wird das Reich, welches das Evangelium verkündet, von Menschen gelebt, die zutiefst an eine Kultur gebunden sind, und kann die Errichtung des Gottesreiches nicht darauf verzichten, sich gewisser Elemente der menschlichen Kultur und Kulturen zu bedienen. Unabhängig gegenüber den Kulturen, sind Evangelium und Evangelisierung jedoch nicht notwendig unvereinbar mit ihnen, sondern fähig, sie alle zu durchdringen, ohne sich einer von ihnen zu unterwerfen. Der Bruch zwischen Evangelium und Kultur ist ohne Zweifel das Drama unserer Zeitepoche [...]. Man muß somit alle Anstrengungen machen, um die Kultur, genauer die Kulturen, auf mutige Weise zu evangelisieren. Sie müssen durch die Begegnung mit der Frohbotschaft von innen her erneuert werden" (Evangelii nuntiandi, Nr. 18-20). Dafür ist es notwendig, das Evangelium in der Sprache und in der Kultur der Menschen zu verkündigen. Die Frohbotschaft richtet sich an die menschliche Person in ihrer geistigen und moralischen, wirtschaftlichen und politischen, kulturellen und sozialen Ganzheit und Komplexität. Die Kirche scheut sich daher nicht, von einer Evangelisierung der Kulturen, das heißt der Anschauungen, Sitten und Gebräuche, zu sprechen. "Die Neuevangelisierung erfordert eine hellsichtige, ernsthafte und geordnete Bemühung, um die Kultur zu evangelisieren" (Ecclesia in America, Nr. 70). Während die Kulturen, die als ganze aus uneinheitlichen Elementen bestehen, sich ständig wandeln und vergehen, sind der Vorrang Christi und die Universalität seiner Botschaft eine unversiegbare Quelle des Lebens (vgl. Kol 1,8-12; Eph 1,8) und der Gemeinschaft. Die Missionare des Evangeliums bringen Christus als absolute Neuheit in die Kulturen ein und gehen unaufhörlich über die Grenzen jeder Kultur hinweg, ohne sich dabei für irdische Vorstellungen von einer besseren Welt vereinnahmen zu lassen. "Da aber das Reich Christi nicht von dieser Welt ist (vgl. Joh 18,36), so entzieht die Kirche oder das Gottesvolk mit der Verwirklichung dieses Reiches nichts dem zeitlichen Wohl irgendeines Volkes. Vielmehr fördert und übernimmt es Anlagen, Fähigkeiten und Sitten der Völker, soweit sie gut sind. Bei dieser Übernahme reinigt, kräftigt und erhebt es sie aber auch" (Lumen gentium, Nr. 13). Wer das Evangelium verkündet, dessen Glaube ist selbst an eine Kultur gebunden. Er muß den einzigartigen Platz Christi, die Sakramentalität seiner Kirche, die Liebe seiner Jünger zu jedem Menschen und zu allem, "was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist" (Phil 4,8), immer klar bezeugen. Das impliziert, daß er alles zurückweist, was in den Kulturen Ursache von Sünde und Folge von Sünde ist. 5. "Ein weiteres Problem ergibt sich aus der heute stark vernehmbaren Forderung nach Evangelisierung der Kulturen und nach der Inkulturation der Glaubensbotschaft" (Pastores dabo vobis, Nr. 55). Beide gehen einher, vollziehen sich im gegenseitigen Austausch, der ständig eine genaue Prüfung und Unterscheidung im Licht des Evangeliums verlangt. Es gilt, die in den Kulturen vorhandenen Werte und Anti-Werte zu erkennen, um auf den ersten aufzubauen und die zweiten energisch zu bekämpfen. "Durch die Inkulturation macht die Kirche das Evangelium in den verschiedenen Kulturen lebendig und führt zugleich die Völker mit ihren Kulturen in die Gemeinschaft mit ihr ein und überträgt ihnen die eigenen Werte, indem sie aufnimmt, was in diesen Kulturen an Gutem ist, und sie von innen her erneuert. Ihrerseits wird die Kirche durch die Inkulturation ein immer verständlicheres Zeichen von dem, was geeigneteres Mittel der Mission ist" (Redemptoris Missio, Nr. 52). "Für notwendig und wesentlich gehalten" (Pastores dabo vobis, Nr. 55) und sowohl von nostalgischem Archäologismus als auch von intramondäner Nachahmung weit entfernt, soll die Inkulturation "die Kraft des Evangeliums mitten in die Kultur und die Kulturen einbringen". "Bei dieser Begegnung wird den Kulturen nichts aberkannt; sie werden sogar ermuntert, sich dem Neuen zu öffnen, das die Wahrheit des Evangeliums enthält, um daraus Ansporn zu weiteren Entwicklungen zu gewinnen" (Fides et ratio, Nr. 71). Im Einklang mit den objektiven Forderungen des Glaubens und dem Evangelisierungsauftrag trägt die Kirche folgender Grundgegebenheit Rechnung: Die Begegnung des Glaubens mit den Kulturen ereignet sich zwischen zwei Wirklichkeiten, die nicht zur gleichen Ordnung gehören. Ebenso bilden die Inkulturation des Glaubens und die Evangelisierung der Kulturen gleichsam eine Zweiheit, die jede Form von Synkretismus ausschließt(8): Das ist "der authentische Sinn der Inkulturation: Sie will angesichts der verschiedensten und manchmal gegensätzlichen Kulturen, die es in den verschiedenen Teilen der Welt gibt, gehorsam gegenüber dem Gebot Christi sein, allen Völkern bis an die äußersten Grenzen der Erde das Evangelium zu verkünden. Ein solcher Gehorsam bedeutet weder Synkretismus noch einfache Anpassung der Verkündigung des Evangeliums, sondern meint die Tatsache, daß das Evangelium voller Lebenskraft in die Kulturen eindringt, in sie hineinwächst, indem es deren kulturelle Elemente, die mit dem Glauben und mit dem christlichen Leben nicht vereinbar sind, überwindet und ihre Werte in das Heilsmysterium, das von Christus kommt, integriert" (Pastores dabo vobis, Nr. 55). Die Bischofssynoden betonten unaufhörlich die besondere Bedeutung dieser Inkulturation im Lichte der großen Heilsgeheimnisse Christi für die Evangelisierung: seine Menschwerdung, seine Geburt, seine Passion und seine glorreiche Auferstehung sowie das Geschehen am Pfingsttag, durch das jeder kraft des Geistes Gottes große Taten in seiner Muttersprache hört.(9) Die am Pfingsttag versammelten Nationen haben in ihrer Muttersprache nicht eine Rede über ihre eigenen menschlichen Kulturen gehört, sondern waren darüber erstaunt, daß jeder die Apostel in der eigenen Sprache die Großtaten Gottes verkünden hörte. "Einerseits kann man die Botschaft des Evangeliums nicht einfach und schlechthin von der Kultur trennen, in der sie sich zuerst eingeprägt hat; ebenso kann man sie auch nicht ohne schwerwiegende Verkürzungen von jenen Kulturen trennen, in denen sie sich schon im Verlauf der Jahrhunderte ausgeprägt hat; andererseits wirkt die Kraft des Evangeliums überall umgestaltend und erneuernd" (Catechesi tradendae, Nr. 53). "Die Verkündigung des Evangeliums in den verschiedenen Kulturen verlangt von den einzelnen Empfängern das Festhalten am Glauben; sie hindert die Empfänger aber nicht daran, ihre kulturelle Identität zu bewahren. [...] wodurch die Weiterentwicklung des in ihr implizit Vorhandenen hin zu seiner vollen Entfaltung in der Wahrheit begünstigt wird" (Fides et ratio, Nr. 71). "In Anbetracht der engen, organischen Beziehung, die zwischen Jesus Christus und dem von der Kirche verkündeten Wort besteht, kann die Inkulturation der geoffenbarten Botschaft gar nicht umhin, der dem Geheimnis der Erlösung eigenen "Logik" zu folgen. [...] Diese Selbstentäußerung, diese Kenosis, derer es für die Verherrlichung bedarf, der Weg Jesu und jedes seiner Jünger (vgl. Phil 2, 6-9) ist Leuchtkraft für die Begegnung der Kulturen mit Christus und seinem Evangelium. Jede Kultur muß von den Werten des Evangeliums im Lichte des Ostergeheimnisses umgewandelt werden" (Ecclesia in Africa, Nr. 61). Der Säkularismus, der als vage Dominante die Kulturen durchzieht, idealisiert oft mit der suggestiven Wirkung der Medien Lebensmodelle, die im Gegensatz zur Kultur der Seligpreisungen und der Nachfolge des armen, keuschen, gehorsamen und von Herzen demütigen Christus stehen. Es gibt in der Tat große kulturelle Leistungen, die von der Sünde inspiriert sind und zur Sünde verleiten können. "Wenn die Kirche die Frohbotschaft verkündet, verurteilt sie auch gleichzeitig die in den Kulturen anwesende Sünde und befreit sie davon. Sie prangert die Anti-Werte an und bannt sie. Sie ist demnach kulturkritisch, götzenkritisch, das heißt, sie kritisiert die zu Götzen erhobenen Werte oder Werte, die eine angebliche Kultur für absolut erklärt".(10)
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8) Vgl. Indiferentismo y sincretismo. Desafíos y propuestas pastorales para la Nueva Evangelización de América Latina, Symposium, San José de Costa Rica, 19.-23. Januar 1992, Bogotà, Celam, 1992. 9) Vgl. Santo Domingo: Neue Evangelisierung - Förderung des Menschen - Christliche Kultur, a.a.O., Nr. 230. 10) Puebla: Die Evangelisierung Lateinamerikas in Gegenwart und Zukunft, a.a.O., Nr. 405. |
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