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Dringlichkeitshilfe:
eine Übergangslösung
45. Die
Dringlichkeitshilfe (in Form von Nahrungsmitteln) sollte einmal näher
betrachtet werden: Sie wird sehr uneinheitlich bewertet, vor allem, weil sie
nicht die Wurzel des Hungers beseitigt. Manchen ist sie ein Hebel für eine
gute Entwicklung, andere wiederum eine Handelswaffe. Kritisiert wird unter anderem,
daß sie den Landwirten vor Ort keine Chance läßt; daß
sie die Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung ändert; daß
sie als Mittel politischen Drucks benutzt wird, da sie in die Abhängigkeit
führt; daß sie zu spät greift; daß sie geradezu eine
Mentalität der Abhängigkeit schafft und nur den Vermittlern zugute
kommt; daß sie die Korruption fördert und teilweise noch nicht
einmal bis zu den Ärmsten vordringt. In einigen Ländern wird die
Dringlichkeitshilfe - oft zu recht - permanent und sie wird zu einer strukturellen
Hilfe: Sie senkt in der Handelsbilanz das staatliche Defizit. Sie kann also
eine Art begleitende Maßnahme sein, wenn
Strukturanpassungsmaßnahmen stocken und die Subventionen für
Grundnahrungsmittel abgeschafft werden.
Die
Dringlichkeitshilfe muß eine Übergangshilfe bleiben; ihr Ziel ist
es, eine Bevölkerung in einer Krisensituation vor dem Verhungern zu
bewahren. Als humanitäre Hilfe kann man sie nur bejahen. Nur die
Mißbräuche rufen Kritik hervor. Oft erreicht etwa die Hilfe die Bevölkerung
zu spät, oder sie entspricht nicht deren echten Bedürfnissen; die
Verteilung wird schlecht organisiert; politische oder ethnische Faktoren oder
Klientelwirtschaft leiten sie fehl. Diebstähle und Korruption führen
dazu, daß die Nahrungsmittel nicht bis zu den Ärmsten kommen.
Dringlichkeitshilfe ist eher eine dauerhafte strukturelle Hilfe, die von den
einen als Hebel für Entwicklung und von den anderen als Handelswaffe, als
Destabilisierungsfaktor für die Produktion und die Nahrungsgewohnheiten,
als Ursache für Abhängigkeit gesehen wird. Tatsächlich kann sie
gute wie schlechte Folgen haben. Zunächst einmal rettet sie ganze
Bevölkerungsgruppen vor dem Hungertod. Darüber hinaus dürfen
aber auch andere positive Aspekte nicht vergessen werden, z.B.
Infrastrukturprojekte, die sie ermöglicht; Dreiecksgeschäfte; die
Schaffung von Reserven im Entwicklungsland. Auch wenn es sich um ein
zweischneidiges Schwert handelt, kann nicht darauf verzichtet werden.
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