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I. BUCH.
1. Ich habe es, meine teuerste
Mitdienerin im Herrn, schon jetzt für angemessen erachtet, festzusetzen, wie Du
Dich nach meinem Hintritt aus dieser Zeitlichkeit, für den Fall, daß ich eher
abgerufen würde, einrichten sollst, und Deiner Gewissenhaftigkeit
anzuempfehlen, daß Du diese Festsetzung beobachtest. Haben wir doch schon mit
den zeitlichen Dingen so viel zu tun und wollen wir, daß für jedes von uns
beiden gesorgt sei. Wenn wir für solche Angelegenheiten Urkunden errichten,
warum sollten wir nicht noch viel mehr in Betreff der göttlichen und
himmlischen Dinge für die nach uns kommende Zeit Vorsorge treffen und sozusagen
zum voraus ein Legat bestimmen? Ich meine eine Ermahnung und einen Fingerzeig
in Betreff dessen, was zu den unsterblichen Gütern und zur himmlischen
Erbschaft gerechnet wird. Daß Du die ganze Erbschaft antreten könntest, diesen
Fideikommiß meiner Ermahnung, das gebe Gott, dem Ehre, Ruhm, Herrlichkeit,
Würde und Macht sei jetzt und in der Ewigkeit der Ewigkeiten!
Ich schreibe Dir also
vor, nach meinem Hinscheiden mit aller Enthaltsamkeit, deren Du fähig bist,
jeder - 62 -
ehelichen Verbindung zu
entsagen. Mir wirst Du dadurch nichts geben, als nur, daß Du Dir nützest.
Übrigens wird den Christen, die aus der Zeitlichkeit geschieden sind, keine
Wiederherstellung ihrer Ehen für den Tag der Auferstehung verheißen; denn sie
sind zu engelhafter Natur und Heiligkeit umgewandelt. Mithin gibt es dann keine
Bekümmernis mehr, welche aus der Eifersucht von Fleisch und Blut ihren Ursprung
hätte. Selbst jenes Weib, welches, wie angenommen wurde, nacheinander sieben
Brüder geheiratet haben soll, wird am Tage der Auferstehung von keinem ihrer
vielen Ehemänner gekränkt werden und niemand wird ihr auflauern, um sie zu
beschämen1). Die Sadduzäer mit ihrem Casus mußten vor der
Entscheidung des Herrn das Feld räumen2). Glaube also nicht, daß ich
in Vorausahnung einer empfindlichen Beschimpfung, nur um mir die Integrität
Deines Leibes zu sichern, Dir schon aus diesem Grunde den Vorschlag mache,
Witwe zu bleiben! Wir werden in jener Zeit von den weniger ehrbaren Freuden
nichts wieder aufnehmen. So wertlose und schnöde Dinge verheißt Gott den Seinen
nicht. Jedoch es steht Dir frei, zu untersuchen, ob mein Rat Dir und jedem Gott
angehörigen Weibe von Nutzen ist.
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