Die Begierlichkeit
des Fleisches schützt die Triebe des blühenden Alters vor; sie wünscht, daß
jemand die Blüte ihrer Reize pflücke; sie freut sich ihrer Schmach; sie gibt
vor, daß ein Mann für das schwache Geschlecht als Autorität und zur Stütze
notwendig sei, schon um als Schutz gegen böse Zungen zu dienen. Und Du nun? —
Gegenüber solchen Einflüsterungen halte Dir die Beispiele unserer Schwestern
vor, deren Namen beim Herrn aufgezeichnet sind, die, nachdem sie ihre Männer
verloren, bei keiner Gelegenheit, die ihnen Schönheit oder blühendes Alter bot,
der Heiligkeit untreu geworden sind. Sie wollen lieber mit Gott vermählt sein;
lieblich vor Gott, Mägde Gottes sind sie. Mit ihm leben sie in Gemeinschaft,
mit ihm unterhalten sie sich, mit ihm gehen sie Tag und Nacht um, ihm bringen
sie ihr Gebet als Mitgift zu, von ihm begehren sie oftmals sein Wohlgefallen
als Brautgeschenk und erhalten es. So haben sie sich in den ewigen Besitz der
guten Gabe des Herrn gesetzt und werden schon auf Erden um ihrer Ehelosigkeit
willen der Familie der Engel beigezählt. Durch die Beispiele solcher Frauen
wirst Du Dich in der Nachahmung der Enthaltsamkeit üben, durch geistige
Begierden die fleischliche Begierlichkeit unterdrücken und die zeitlichen und
vorübergehenden Wünsche der Jugend und Gestalt durch die unsterblichen Güter
aufwiegen und ausrotten.
Die Begierlichkeit
der Welt aber bedient sich der Beweggründe des Ehrgeizes, der Habsucht, der
Ruhmsucht und der Unzulänglichkeit der eigenen Mittel, um dadurch die
Notwendigkeit einer Heirat nahezulegen, und stellt es als Seligkeit hin, in
einer ändern Familie Einfluß zu haben, sich auf das Vermögen des ändern zu
stützen, seinen Putz aus fremdem Besitz zu bestreiten und Aufwand machen zu
können, ohne daß man es spüre10). Solche Berechnungen liegen
uns Christen fern, weil wir uns keine Sorgen über den Lebensunterhalt machen;
es müßte denn sein, daß wir den Verheißungen Gottes, seiner Fürsorge und
Vorsehung mißtrauten,
trotzdem er die Lilien des
Feldes mit solcher Anmut kleidet, die Vögel des Himmels ohne deren eigene
Anstrengung ernährt, obschon er verbietet, um Nahrung und Kleidung für den
morgigen Tag besorgt zu sein, und zu wissen versichert, was jeder von seinen
Dienern bedarf, nämlich nicht etwa schwere Halsgeschmeide, Unwillen erregende
Kleiderpracht, gallische Maulesel und deutsche Sänftenträger, was alles den
Ehrgeiz nach Heiraten anfacht, sondern Genügsamkeit, welche sich für die
Einfachheit und Sittsamkeit schickt. Denke an das Himmlische, und Du wirst das
Irdische verachten. Für eine vor Gott besiegelte Witwenschaft ist weiter nichts
nötig als Ausharren.