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20. Wie leer, oder vielmehr wie
hoffnungslos ist die Sophistik derer, welche — ohne Zweifel als bloße
Ausflucht, um sich das Vergnügen nicht nehmen zu lassen — vorschützen, es komme
in der Hl. Schrift keine Vorschrift einer derartigen Enthaltung speziell oder
an einem bestimmten Orte vor, wodurch es dem Diener Gottes direkt untersagt
würde, solchen Zusammenkünften anzuwohnen. Da habe ich nun von einem
Theaterfreunde kürzlich eine ganz neue Verteidigung gehört. „Die Sonne",
sagte er, „oder vielmehr Gott selbst schaut vom Himmel herunter und wird nicht
verunreinigt." — Fürwahr, die Sonne sendet ihre Strahlen auch in Kloaken,
ohne befleckt zu werden. O, daß doch Gott gar keine Schandtaten der Menschen
schaute, damit alle dem Gerichte entgingen! Indessen, er sieht auch die
Räubereien, Fälschungen, Ehebrüche, Betrügereien, götzendienerischen
Handlungen, sogar die Schauspiele selbst. Eben deshalb also sollen wir bei
letztern nicht zuschauen, damit wir nicht von dem gesehen werden, der alles
sieht. Du bringst da, o Mensch, den Richter und den Angeklagten in Vergleich,
den Angeklagten, der, weil er gesehen wird, schuldig ist, und den Richter, der,
weil er sieht, Richter ist! Sind wir denn auch außerhalb des Zirkus von der
Raserei eingenommen, beschäftigen wir uns auch außerhalb der Gänge des Theaters
mit Schamlosigkeit, mit übermütigem Gebahren außerhalb des Stadiums und mit
Unmenschlichkeit außerhalb des Amphitheaters? Gott hat ja auch außerhalb der
Kammern, der Sitzreihen und Schattendächer28) Augen. - 127 -
Wir irren uns. Was Gott einmal verdammt
hat, läßt sich nie und nirgends entschuldigen. Nie und nirgends ist erlaubt,
was immer und überall unerlaubt ist. Darin besteht eben die Fülle der wahren
Lehre und die ihr entsprechende, nach allen Seiten hin vollkommene
Sittlichkeit, die gleichmäßige Furcht und der zuverlässige Gehorsam: daß man in
seiner Meinung nicht wetterwendisch und in seinem Urteile nicht wandelbar ist.
Was einmal wirklich wahr, beziehungsweise falsch ist, das kann nichts anderes
sein.
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