- 128 -
22. Was Wunder? Ungleichmäßig ist das
Verhalten der Leute29), welche infolge von Unbeständigkeit
des Sinnes und schwankendem Urteil Gute und Böse verwechseln und vertauschen,
in Folgendem: Die Personen, die als Veranstalter und Darsteller der Schauspiele
dienen, die so heißgeliebten Wagenlenker, Bühnenhelden, Boxer und Klopffechter,
welchen die Mannsleute ihre Seelen, die Weiber auch noch sogar ihre Leiber
preisgeben, denen zu Liebe sie Dinge an ihren Leibern begehen, die sie sonst
tadeln — die schätzt man gering, und setzt sie herab wegen derselben Kunst,
weshalb man sie hochhält. Ja, man verdammt sie sogar zur Infamie und zum
Nichtbesitz der bürgerlichen Rechte, und schließt sie von der Ratsversammlung,
der Rednertribüne, dem Senat, dem Ritterstand, von sämtlichen Ehrenstellen und
gewissen Auszeichnungen aus. Welche Verkehrtheit! Man liebt die Leute und
beeinträchtigt sie; man entehrt sie und zollt ihnen Beifall; den Künstler
brandmarkt man, seine Kunstfertigkeit hält man hoch. Welch wunderliches Urteil:
jemand kommt in Verruf durch das, worin sein Verdienst besteht! Oder richtiger,
was liegt nicht für ein Zugeständnis der Verwerflichkeit dieser Dinge darin,
daß deren Veranstalter, obwohl höchst beliebt, doch in Verruf sind.
|