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1.
Die
Grundsünde des Menschengeschlechts, der Inbegriff aller seiner Verschuldungen,
der ausschließliche Gegenstand für das Weltgericht ist eigentlich die
Idololatrie. Wenn auch jedwede Sünde ihre Eigenart behält, wenn sie gleich um
ihretwillen allein schon das Gericht zu erwarten hat, so läuft sie doch
schließlich auf die Sünde der Idololatrie hinaus. Sieht man von den Benennungen
ab und hat nur die Handlungen im Auge, so ist der Götzendiener auch ein Mörder,
Du fragst, wen er denn gemordet habe? Sollte eine aktenmäßige Feststellung
gewünscht werden, so antworte ich, nicht einen Fremden, nicht einen Gegner,
sondern sich selbst. Welches war der Hinterhalt? Sein Irrtum. Mit welcher Mordwaffe?
Durch die Beleidigung Gottes, Mit wievielen Wunden? Mit so vielen, als er
götzendienerische Handlungen beging. Nur wer leugnet, daß der Götzendiener tot
sei, kann leugnen, daß ein Mord begangen worden sei. Ebenso dürfte man auch
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Ehebruch und Hurerei darin erkennen. Wer falschen Göttern dient, der
begeht ohne Zweifel einen Ehebruch an der Wahrheit, weil jeder Betrug ein
Ehebruch ist. In gleicher Weise steckt er tief in der Hurerei. Denn jeder, der
sich mit den Werken der unreinen Geister abgibt, ist mit Unflätereien und
Hurereien beladen. Und so bedient sich denn die Hl. Schrift des Wortes Hurerei,
wenn sie ihren Tadel gegen den Götzendienst ausspricht! Das Wesen des Betruges
besteht nach meiner Meinung darin, daß jemand fremdes Gut raubt oder einem
ändern eine Schuld ableugnet. In jedem Falle kennzeichnet sich schon der gegen
einen bloßen Menschen begangene Betrug als ein sehr großes Verbrechen. Nun aber
enthält die Idololatrie einen Betrug gegen Gott, indem sie die ihm zukommende
Ehre verweigert und sie ändern zuwendet. So wird zum Betrüge auch noch Schmach
hinzugefügt. Wenn nun der Betrug sowohl als die Hurerei und der Ehebruch
todbringend sind, dann ist die Idololatrie ebenso wenig von der Schuld des
Menschenmordes freizusprechen.
Neben diesen
Verbrechen, die so verderblich und heilsgefährlich sind, treten in der
Idololatrie in gewisser Weise auch alle übrigen, jedes für sich und ebenso
behandelt, mit seiner Eigenart zutage. Keine feierliche Begehung des
Götterdienstes geschieht ohne Putz und Pomp. Es gibt dabei Ausgelassenheiten
und Trunkenheit, da sie so häufig nur wegen des Genusses von Speisen und Trank,
um der Schlemmerei und Lust willen angestellt werden. In ihr findet sich
Ungerechtigkeit Denn was gibts Ungerechteres, als wenn man den Vater der
Gerechtigkeit nicht kennt? In ihr ist Torheit, da ihr ganzes Wesen ein
törichtes ist. In ihr findet sich Lüge, da ihr ganzes Wesen auf Lüge beruht. So
kommt es, daß alles sich in der Idololatrie und die Idololatrie sich in allem
wiederfindet. Aber auch sonst begeht Idololatrie ohne Zweifel jeder, der sich
versündigt; denn sämtliche Sünden sind gegen Gott gerichtet. Alles, was gegen
Gott gerichtet ist, muß den Dämonen und unreinen Geistern zugeschrieben werden.
Der Sünder tut, was sich für Götzendiener schickt.
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