- 141 -
3. Früher gab es lange Zeit hindurch
keine Idole. Bevor die Verfertiger dieser Ungetüme wie die Pilze
hervorschossen, gab es bloß Tempel und leere Gotteshäuser, wie sich denn
auch bis auf den heutigen Tag an manchen Orten noch Spuren des alten Gebrauches
erhalten haben. Dennoch wurde darin Idololatrie betrieben, wenn auch nicht
unter diesem Namen, so doch in der Sache selbst. Man kann sie ja auch jetzt
noch außerhalb des Tempels und ohne ein Idol treiben. Als aber der Teufel
Bildhauer, Maler und Verfertiger von Bildnissen aller Art in die Welt gesetzt
hatte, da empfing jenes noch in rohen Anfängen befindliche Treiben menschlichen
Elends seinen Namen und Fortgang von den Idolen. Von dieser Zeit an ist jeder
Kunstzweig, welcher in irgend einer Weise Idole hervorbringt, zu einer Quelle
der Idololatrie geworden. Denn es macht keinen Unterschied, ob der Töpfer das
Idol formt oder der Bildhauer es ausmeißelt, ob es in Feinstücken hergestellt
ist -- denn auch an der Materie ist nichts gelegen -- oder ob es von Gips,
Farbe, Stein, Bronze, Silber oder Ton3) gemacht wird. Denn da auch
ohne Idol Idololatrie stattfinden kann, so macht es sicherlich, wofern nur ein
Idol vorhanden ist, keinen Unterschied, wie es beschaffen sei, aus welchem
Stoff und von welcher Gestalt. Deshalb darf niemand glauben, für ein Idol nur
das halten zu müssen, was unter menschlicher Gestalt dargestellt ist. Hierbei
ist eine Deutung des Wortes erforderlich, Eidos bedeutet im Griechischen
Gestalt, und das davon durch die Verkleinerungsform abgeleitete Eidolon (Idol)
entspricht dem, was wir ein - 142 -
Bildchen nennen. Folglich hat
jede Figur und jedes Bildchen auf die Bezeichnung Idol Anspruch. Daher ist
jeder Kultus und jeder Dienst eines beliebigen Idols Idololatrie, Die
Verfertiger eines Idols begehen ganz das gleiche Verbrechen; es müßte sich denn
das Volk, welches das Bild eines Kalbes verehrt, weniger versündigen, als das,
welches das Bild eines Menschen heilig hält!
|