- 143 -
5. Ich will nun auf die Ausreden
derartiger Künstler recht ausführlich antworten, die niemals in das Haus Gottes
zugelassen werden dürfen, wenn einer diese Lehre kennen gelernt hat. Dann
pflegt die Redensart vorgeschützt zu werden: „Ich habe anders nichts, wovon ich
lebe". Sie kann entschieden zurückgewiesen werden mit der Frage: Also du
hast doch zu leben? Was hast du mit Gott gemein, wenn du deinen eigenen
Gesetzen lebst? Eine zweite Ausflucht, welche sie aus der Hl, Schrift zu
entnehmen wagen, lautet, der Apostel habe gesagt: „Wie jeder gefunden worden,
so soll er bleiben"9). Nach dieser Interpretation
können - 144 -
wir alle in unsern Sünden
verbleiben. Denn jeder von uns wurde als Sünder angetroffen, und Christus ist
aus keiner ändern Ursache herniedergestiegen, als um die Sünder zu erlösen.
Sodann schützt man vor, Paulus habe vorgeschrieben, daß nach seinem Beispiele
jeder durch seiner Hände Arbeit sich seinen Lebensunterhalt verdienen
soll10). Wenn mit dieser Vorschrift alle und jede Hantierung in
Schutz genommen wird, dann leben vermutlich auch die Badediebe von ihrer
Handarbeit, und sogar die Räuber verschaffen sich ihren Lebensunterhalt mit den
Händen, ebenso machen die Fälscher falsche Schriftstücke nicht mit den Füßen,
sondern mit ihren Händen, die Schauspieler aber erarbeiten sich nicht bloß mit
ihren Händen, sondern mit allen ihren Gliedern das tägliche Brot. Der Eintritt
in die Kirche möge also allen offen stehen, welche sich durch ihre Handarbeit
und ihr Schaffen ernähren, wofern keine Ausnahme gemacht wird für Fertigkeiten,
welche die christliche Sittenzucht nicht duldet.
Doch, man bemerkt
gegen den Vorhalt des Verbotes eines Bildnisses: Warum hat denn also Moses in
der Wüste das Bild einer Schlange verfertigt? -- Ich antworte, die
Figuren [des Alten Testamentes] sind eine Sache für sich; sie wurden damals zum
Zwecke irgend eines geheimen Ratschlusses hergestellt; nicht zur Beseitigung
des Gesetzes, sondern als Abbild ihres jedesmaligen Motivs. Andernfalls würden
wir, wollten wir dergleichen Dinge anders, nämlich wie die Gegner des Gesetzes,
auslegen, dem Allmächtigen Unbeständigkeit schuldgeben müssen, wie die Marcioniten.
Sie verwerfen ihn unter dem Vorwande, er sei veränderlich, indem er hier etwas
verbiete, dort es befiehlt. Wofern aber jemand übersieht, daß das genannte
Bild, die eherne Schlange, die in einer ganz bestimmten Weise aufgehängt war,
das Sinnbild des Kreuzes Christi vorstellte, welches uns von den Schlangen, d.
h. den Engeln des Teufels, befreien soll, indem es in sich selbst den Teufel,
d. i. die getötete Schlange, aufhängt -- oder was sonst noch für eine andere
Auslegung dieses Vorbildes - 145 -
würdigeren Personen etwa
geoffenbart worden sein mag, indem der Apostel lehrt, daß alle dem Volk damals
zustoßenden Geschicke figürlich waren, denn der Apostel behauptet, daß alle
damaligen Schicksale des Volkes vorbildlich gewesen seien -- wenn also, wie
gesagt, die eherne Schlange ein Vorbild des Kreuzes war, so ist alles in
Ordnung. Denn derselbe Gott war es, der im Gesetze verbot, ein Bild zu
verfertigen, aber durch ein außerordentliches Gebot das Bild einer Schlange zu
errichten anbefahl11). Wenn du einem und demselben Gott
gehorchest12), dann hast du als sein Gesetz: „Mache dir kein
Bildnis"13), Wenn du aber auch auf das spätere
Gebot hinsichtlich der Verfertigung einer Schlange Rücksicht nimmst, dann sei
auch ein Nachahmer des Moses und verfertige dir kein Bild gegen die Vorschrift
des Gesetzes, d, h. es sei denn, wenn es dir Gott ausdrücklich befehlen sollte.
|