- 155 -
12. Es nützt nichts, sich mit der
Notwendigkeit des Lebensunterhaltes trösten zu wollen und sich nach Annahme des
Glaubens noch sagen zu wollen: Ich habe nichts zu leben. Ich will nämlich auf
die oben abgebrochene Proposition31) nunmehr vollständiger
antworten, Die Ausrede kommt zu spät. Das wäre zu überlegen gewesen nach dem
Beispiel jenes umsichtigen Hauserbauers32), der erst die Kosten des
Baues und seine Mittel überrechnet, um nicht, wenn er angefangen hat, nachher
abstehen und sich schämen zu müssen. Es gibt auch jetzt für dich noch
Aussprüche und Gleichnisse des Herrn, die dich jeder Entschuldigung berauben.
Wie sagst du? Ich werde Mangel leiden! Aber der Herr nennt die Armen glücklich.
Ich werde keinen Lebensunterhalt haben! -- Aber es heißt: „Seid nicht besorgt
wegen eures Unterhalts", und als Gleichnis inbetreff der Kleidung haben
wir die Lilien, Vermögen wäre mir nötig! -- Ich soll ja alles verkaufen und es
unter die Armen verteilen. Jedoch ich werde für Kinder und Nachkommenschaft
sorgen müssen! -- Niemand, der die Hand an den Pflug legt und zurückblickt, ist
tüchtig - 156 -
für das Werk, Ich bin vielleicht
kontraktlich verpflichtet! -- Niemand kann zweien Herren dienen. Wenn du ein
Schüler des Herrn sein willst, so mußt du dein Kreuz auf dich nehmen und
ihm nachfolgen, d. h. deine Mühsale und Leiden, vielleicht auch bloß deinen
Leib, der Form und Gestalt eines Kreuzes hat. Eltern, Gatten und Kinder wird
man Gottes wegen verlassen müssen, und du hast inbetreff der Kunstfertigkeiten,
Geschäfte und Berufsarten noch Zweifel, -- sogar der Kinder oder Eltern wegen?!
Wie man Kontrakte, Gewerbe und Geschäfte um des Herrn willen im Stich lassen
muß, wurde uns bereits damals gezeigt, als Jakobus und Johannes auf den Ruf des
Herrn Vater und Schiff verließen, als Matthäus aus der Zollbude geholt wurde
und der Glaube sogar für das Begraben eines Vaters keine Zeit übrig ließ.
Niemand von denen, welche der Herr berief, sagte: Ich habe nichts zu leben.
Gläubige Gesinnung
fürchtet keinen Mangel. Denn sie weiß, daß sie den Hunger Gottes wegen ebenso
sehr verachten muß, als jede andere Todesart. Sie hat gelernt, nicht einmal das
Leben zu achten, viel weniger den Lebensunterhalt, Wie wenige haben diese
Forderung erfüllt! Allein, was bei den Menschen für schwer gilt, ist bei Gott
leicht. Wenn wir uns jedoch der Milde und Sanftmut Gottes getrösten, so tun wir
es ja nicht in der Weise, daß wir etwa bis über die Grenznachbarschaft der
Idololatrie hinaus unseren Bedürfnissen nachgeben, sondern wir fliehen jeden
Anhauch derselben, wie den der Pest, von weitem, nicht bloß in den zuvor
erwähnten Dingen, sondern auf der ganzen Stufenleiter des menschlichen
Wahnglaubens, mag er den Göttern, den Verstorbenen oder den Königen erwiesen
werden. Denn er hat zu denselben unreinen Geistern Beziehung bald durch
Opferdiensle und Priesterhandlungen, bald durch Schauspiele und dergleichen
Dinge, bald durch die Festtage.
|