2. Zur vollkommenen, d, h, christlichen
Sittlichkeit, müßt Ihr wissen, gehört, daß man nicht nur niemals wünsche, ein
Gegenstand des Verlangens zu werden, sondern dies sogar verabscheue. Denn
erstens kommt der Wunsch, durch Anmut zu gefallen, nicht mehr aus einem ganz
unverdorbenen Gemüt, da wir wissen, daß Anmut das natürliche Reizmittel zur
Sinnenlust wird. Warum also erregst du in dir dieses große Übel? Was ladest du
zu Dingen ein, denen du deinem Bekenntnis nach fern stehen solltest? Zweitens
dürfen wir keine Gelegenheit zu Versuchungen eröffnen, welche zwar bisweilen
durch ihre Heftigkeit, wovor Gott die Seinigen bewahren möge, zur
Vollkommenheit führen, aber doch sicher den Geist durch Ärgernis beunruhigen.
Wir
müssen in solcher Heiligkeit,
so in der ganzen Fülle des Glaubens wandeln, daß wir in unserem Gewissen ruhig
und sicher sind in dem Wunsche, so zu bleiben, ohne vermessen darauf zu bauen.
Denn wer zuversichtlich ist, der ist weniger besorgt, wer weniger besorgt ist,
ist weniger vorsichtig, wer aber weniger vorsichtig ist, der ist in größerer
Gefahr, Die Furcht ist die Grundlage des Seelenheils, Zuversichtlichkeit aber
ein Hindernis der Furcht. Nützlicher also ist es zu hoffen, daß wir imstande
sein werden, die Sünde zu meiden10), als sich dessen zu
vermessen. Denn haben wir diese Hoffnung, so werden wir besorgt sein; sind wir
besorgt, so werden wir vorsichtig sein; sind wir vorsichtig, so werden wir
gerettet werden. Wenn wir dagegen vermessentlich vertrauen, werden wir aus
Mangel an Besorgnis und Vorsicht zugrunde gehen. Wer sich in Sicherheit wiegt,
ist nicht besorgt und besitzt darum keine feste und zuverlässige Sicherheit,
Aber wer besorgt ist, der kann wirklich sicher sein.
Zwar sorgt der Herr
in seiner Barmherzigkeit für seine Diener, und sie dürfen hinsichtlich ihrer
Wohlfahrt glücklicherweise sogar Vertrauen hegen. Warum aber wollen wir eine
Gefahr für andere werden? Warum ihnen Begierden einflößen? Als ob Gott das
Gesetz nicht erweitert und in Hinsicht der Strafe zwischen der unzüchtigen Tat
und der Begierde danach einen Unterschied gemacht hätte? Ich weiß nicht, ob der
straflos bleiben kann, der einem ändern zur Ursache des Unterganges wird. Der
Nächste geht nämlich zugrunde, sobald er nach deiner Gestalt begehrt, und hat
in seinem Herzen schon vollbracht, was er begehrt, du aber bist dann ihm zum
Dolch des Todes geworden; und wenn du auch von Schuld frei sein solltest, so
bist du doch nicht frei von Vorwurf, Wenn z. B. auf jemandes Acker ein Raubmord
vollbracht wird, so wird das Verbrechen den Besitzer allerdings nicht berühren;
wenn aber das Landgut dadurch in Verruf kommt, so wird auch seine Person durch
die Schande mit betroffen. Wollten wir uns etwa schminken, damit andere dadurch
zugrunde
gehen? Wo bleibt da der
Ausspruch: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst?" Wollet
nicht bloß an Euch denken, sondern auch an den Nächsten! Kein Ausspruch des Hl.
Geistes darf bloß auf die augenblickliche Veranlassung, sondern muß auf jeden
gelegentlichen Nutzen gehen und bezogen werden. Da also sowohl unsere eigene
als auch des Nächsten Wohlfahrt bei Pflege des so gefahrvollen Liebreizes auf
dem Spiele steht, so möget Ihr wissen, daß Ihr nicht bloß den Pomp geborgter
und studierter Anmut zu verschmähen habet, sondern auch die von der Natur
verliehenen Reize durch Verheimlichung und Vernachlässigung derselben
zurückdrängen müsset, weil sie in gleichem Grade die Blicke belästigen. Wenn
man auch die Anmut als ein körperliches Glück, als eine Beigabe der göttlichen
Bildnerkunst, gewissermaßen als eine gute Hülle der Seele nicht anklagen darf,
so ist sie doch mit Besorgnis zu betrachten wegen etwaiger Eingriffe und
Angriffe von Lüstlingen, Solche hatte sogar der Vater des Glaubens, Abraham,
bei der Schönheit seiner Gattin zu fürchten, und Isaak erkaufte sich sein Leben
durch Schande, indem er Rebekka lügnerisch für seine Schwester ausgab11).