9. Daher müßt Ihr auch hinsichtlich der
Kleidung und der übrigen belastenden Teile Eures Putzes ebenso sehr auf
Einschränkung und Ablegung des allzu geschniegelten Wesens bedacht sein. Denn
was hilft es, im Angesicht zwar eine bürgerliche und nicht zeitraubende
Einfachheit, wie sie der göttlichen Sittenlehre angemessen ist, zur Schau zu
tragen, die übrigen Teile des Körpers aber mit dem läppischen Plunder der
Putzsucht und Weichlichkeit zu belasten? Wie sehr dieser Pomp das Werk der.
Sinnenlust fördert und wie er den Grundsätzen der Sittlichkeit widerspricht,
das kann man leichtlich erkennen. Er stellt nämlich Wohlgestalt
und Anmut in Verbindung mit Putz zur
Schau; wenn der Putz aufhört, wird die Schönheit wirkungs- und reizlos, sie ist
gleichsam ihrer Waffen und Segel beraubt. Wenn dagegen die Gestalt mangelhaft
ist, so ersetzt der Putz als Hilfsmittel sozusagen gleichsam aus seinen Kräften
den fehlenden Liebreiz, Endlich werden auch die bereits gesetzteren und in den
Hafen der Entsagung eingelaufenen Altersstufen durch Staat und ausgesuchten
Putz abgelenkt und in ihrem Ernste durch Begierden beunruhigt, indem bei ihnen
die Reizmittel des Putzes ersetzen, was der kälteren und wenig reizbaren
Altersstufe fehlt.
Also, meine
Verehrtesten, vor allem begeht keine Sünde gegen Euch selbst, indem Ihr
Kleidung und Putz kupplerisch und buhlerisch zur Schau stellt, zweitens, wenn
Rücksichten auf Reichtum, Abkunft und frühere Stellung die eine oder die andere
zwingen, so aufgedonnert zu erscheinen, wie wenn sie noch nicht zur Weisheit
gelangt wäre, so sorgt dafür, daß dieses Übel möglichst eingeschränkt werde,
damit Ihr nicht unter dem Verwände, es nicht vermeiden zu können, der Freiheit
alle Zügel schießen lasset. Denn wie könnt Ihr das Versprechen der Demut,
welches wir ablegen, erfüllen, wenn Ihr nicht den Gebrauch Eurer Reichtümer und
verfeinerten Gewohnheiten einschränkt, welche so leicht zum Renommee verhelfen?
Hoffart pflegt zu bewirken, daß man gefeiert wird, nicht Demut.
Sollen wir uns denn
aber dessen, was uns zukommt, nicht bedienen? — Wer verbietet uns denn das? —
Gut, es geschehe, aber nur in Gemäßheit des Ausspruches des Apostels, der
mahnt, diese Welt zu gebrauchen, als gebrauchten wir sie nicht18). Denn die Gestalt dieser
Erde vergeht. Und die, welche kaufen, sollen so handeln, als besäßen sie
nichts. Warum denn das? Weil er die Worte vorausgeschickt hatte: „Die Zeit ist
in der Enge", Wenn er also gelehrt hat, sogar die Weiber in einer Weise zu
besitzen, als hätte man sie nicht, wegen der Enge der Zeiten, was wird er wohl
von solchen Hilfsmitteln ihrer Eitelkeit halten? Gibt es nicht viele, die
so handeln, die sich selbst dem
Eunuchentum weihen und wegen des Reiches Gottes dem so starken und auch
erlaubten Triebe freiwillig entsagen? Versagen sich manche nicht sogar, was
Gott erschaffen hat, indem sie sich des Weines und der Fleischspeisen
enthalten, deren Genuß keine Gefahr oder Besorgnis verursacht, und bringen sie
nicht selbst in der Entsagung von Speise die Demut ihrer Seele Gott zum Opfer
dar. Ihr habt Euch lange genug Eurer Reichtümer und feinen Genüsse bedient, Ihr
habt genug von den Früchten Eurer Mitgift gepflückt, bevor Ihr zur Kenntnis der
Heilslehren gelangt seid. Wir sind es, auf deren Lebenszeit das Ende der Zeiten
trifft. Wir sind von Gott vor Erschaffung der Welt für das Ende der Zeiten
bestimmt. Daher werden wir von Gott unterwiesen zur Züchtigung und
Verstümmelung der Welt, Wir sind die geistige und leibliche Beschneidung aller.
Denn wir beschneiden im Geiste und im Fleische die Dinge dieser Welt.