10. Natürlich ist es Gott gewesen, der die
Unterweisung gegeben hat, wie man Wolle mit Pflanzen saften und Muschelschleim
einkocht19). Es war ihm, als er das Weltall entstehen hieß, in
Vergessenheit geraten, die Entstehung purpur- und scharlachroter Schafe
anzuordnen. War es Gott, der die Fabrikation solcher Kleider ersonnen hat,
welche, an sich leicht und dünn, einzig durch ihren Preis gewichtig werden? Ist
Gott es, der solche Massen an Gold hervorgebracht hat, damit man die Edelsteine
darein fassen und sortieren könne? Hat Gott den Ohrläppchen mit Sorgfalt Wunden
beigebracht und auf die Verstümmelung seines Werkes und Marterung der Kinder,
die dabei zum ersten Male Schmerz empfinden, so viel Wert gelegt, damit in den
Narben dieser gleichsam für das Messer bestimmten Körperteile gewisse Körnlein
hängen sollten, welche die Parther als Knöpfe sogar an ihre Stiefel setzen?
Inbetreff des Goldes, dessen Schimmer Euch so sehr besticht, berichtet die
Literatur, daß es bei einem gewissen Volke zu Fesseln gebraucht werde. Also
sind diese
Dinge nicht aus sich wirklich
gut, sondern nur infolge ihrer Seltenheit. Nachdem aber die nötigen
Kunstfertigkeiten durch die Engel, welche auch auf die Stoffe selbst hinwiesen,
eingeführt waren, hat mühevoller Kunstfleiß in Verbindung mit der Seltenheit
dieser Dinge die Vorstellung von ihrer Kostbarkeit erregt, und infolge dessen
bei den Frauen das Verlangen, solche Kostbarkeiten zu besitzen, erweckt. Sind
nun aber dieselben Engel, welche die genannten Stoffe und Lockmittel, ich meine
das Gold und die Edelsteine, entdeckt, sowie auch die Bearbeitung derselben
gezeigt und unter ändern auch das Mittel, die Augenbrauen zu färben, sowie die
Schönfärberei gelehrt haben, von Gott verworfen worden, wie Henoch berichtet, wie
können wir dann Gott wohlgefällig sein, wenn wir uns an Sachen erfreuen, die
denen zugehören, welche dadurch Zorn und Strafe von Seiten Gottes
herausgefordert haben?
Doch gesetzt auch,
Gottes Vorsehung habe das alles bestimmt, er habe gestattet, daß Isaias gar
nicht auf purpurne Kleider schelte, keine Haarfrisur eintreibe und die kleinen
Halbmonde nicht mißbillige20), dann dürfen wir uns doch darum noch
keine Einbildungen machen wie die Heidinnen, und Gott bloß für den Schöpfer,
nicht auch für den Beaufsichtiger seiner Schöpfungen halten. Viel
ersprießlicher und vorsichtiger würden wir handeln, wenn wir annehmen, Gott
habe allerdings das alles hergerichtet und ins Dasein gerufen, aber in der
Absicht, damit es Gelegenheiten gebe, woran sich die Sittenstrenge seiner
Diener erproben könne, und damit bei der Erlaubtheit des Genusses Proben der
Enthaltsamkeit abgelegt würden. Geben nicht weise Hausväter manchmal ihren
Sklaven absichtlich Gelegenheit und Erlaubnis zu diesem oder jenem, bloß um zu
sehen, ob und wie sie sich der gegebenen Erlaubnis bedienen werden, ob in der
rechten Weise und mit Maß? Wie viel löblicher aber handelt der, welcher sich
ihrer gänzlich enthält und die Nachsicht des Herrn mit Besorgnis betrachtet!
„Alles", heißt