Aber der Ausspruch
ist auch ganz deutlich: „Jedes Weib", heißt es, „welches beim Beten und
Prophezeien sein Haupt nicht bedeckt, verunehrt sein Haupt", Was bedeutet
der Ausdruck „jedes Weib", wenn nicht die Weiber jedes Alters, jedes
Standes, jeder Stellung? Wenn er sagt: Jedes, so nimmt er keine Person
weiblichen Geschlechts aus, so wenig wie eine Person männlichen Geschlechts von
dem Gebot, sich nicht zu verschleiern; denn er sagt ebenso: „Jeder Mann".
Wie also in Ansehung des männlichen Geschlechts mit dem Ausdruck Mann die
Verschleierung auch des kleinsten Knaben verboten wird, so ist in Ansehung des
weiblichen durch den Ausdruck Weib die Verschleierung auch der Jungfrau
geboten. Bei beiden Geschlechtern muß in gleicher Weise das jüngere Alter der
Ordnung des höhern folgen, oder es dürften auch die jungfräulichen Männer
verschleiert werden, wenn die jungfräulichen Weiber nicht verschleiert werden;
denn auch jenen wird keine namentliche Vorschrift gegeben. Wenn Frau und
Jungfrau etwas verschiedenes ist, so müßte es auch Mann und Knabe sein. Denn es
heißt, sie müssen sich „wegen der Engel" verschleiern, weil nämlich die
Engel um der Töchter der Menschen willen von Gott abfielen. Wer könnte also behaupten,
die Frauen, d. h. die verheirateten, die bereits ihre Jungfrauschaft der
Begierlichkeit zum Opfer gebracht haben, seien allein gemeint? Das ginge nur
dann, wenn nicht auch die Jungfrauen imstande wären, durch ihre Schönheit zu
glänzen und Liebhaber zu finden. Sehen wir vielmehr zu, ob nicht gerade die
Jungfrauen allein Gegenstand des Begehrens waren, da die Schrift sich
ausdrückt: „Töchter der Menschen", während sie selbe ja Gattinnen der
Menschen oder ganz unbestimmt Weibspersonen hätte nennen können. Auch daß sie
sagt: „Und sie nahmen sie zu Gattinnen"57), das tut sie deswegen, weil
nur solche zu Gattinnen genommen werden, welche ledig sind. Von nicht ledigen
hätte sie anders gesprochen. Darum sind sie ledig sowohl hinsichtlich der
Witwenschaft als der Jungfrauschaft. Indem sie das Geschlecht mit
allgemeinem Ausdrucke „Töchter"
nennt, faßt sie in der Gattung die Arten zusammen.
Wenn es heißt, die
Natur selbst lehre die Notwendigkeit der Verschleierung der Weiber, da sie
ihnen das Haar als Decke und Schmuck angewiesen hat58), ist dann nicht ganz
dieselbe Decke und Zierde des Hauptes den Jungfrauen angewiesen? Wenn es für
ein Weib schimpflich ist, sich kahl zu scheren, dann ebenso gut für eine
Jungfrau, Wo also die Beschaffenheit des Hauptes die gleiche ist, da wird
gleiche Behandlung des Hauptes erfordert, auch hinsichtlich der Jungfrauen, bei
denen es die Jugend zu verwehren scheint; denn vom ersten Augenblicke an heißt
sie ein weibliches Wesen. So hält es z. B. auch das Volk Israel. Aber auch,
wenn das nicht der Fall wäre, so würde unser Gesetz, da es ein erweitertes und
vervollständigtes ist, einen Zusatz erheischen. Wer auch den Jungfrauen eine
Verhüllung gibt, der möge als entschuldigt gelten. Nur das Alter, welches sein
Geschlechtsverhältnis noch nicht kennt, möge noch ein Privileg seiner
kindlichen Einfalt besitzen. Denn auch Eva und Adam bedeckten erst, als sie zur
Erkenntnis kamen, sogleich das, was sie kennen gelernt hatten. Sicher aber
müssen die, deren Kindheit bereits abgelaufen ist, wie die natürlichen, so auch
die sittlichen Obliegenheiten ihrer Altersstufe vollziehen. Denn sie werden
sowohl hinsichtlich ihrer Körperbildung als ihrer Pflichten zu den Weibern
gezählt. Keine ist von dem Augenblicke an, wo sie heiratsfähig wird, noch
Jungfrau, weil sie durch ihre Altersentwicklung schon ihrem Manne zur Ehe
gegeben ist, d. h. der Zeit.
Aber die eine oder
die andere verlobt sich Gott59).
— Von der Zeit an trägt sie
dann auch schon eine andere Haartour und ändert ihre ganze Tracht in die der
Frauen. Sie sollte dann auch das Ganze beibehalten und ganz die Erscheinung
einer Jungfrau darbieten; was sie aus Rücksicht auf Gott verbirgt, das sollte
sie auch gänzlich verhüllen. Es ist zu unserem Vorteile, einzig dem Mitwissen
Gottes anzuvertrauen, was die Gnade Gottes in uns bewirkt, damit wir nicht den
Lohn, den wir erst von Gott hoffen, zum Teil von den Menschen hinnehmen. Warum
entblößest du vor Gott60), was du vor den Menschen
verschleierst? Willst du in der Kirche weniger eingezogen erscheinen als auf
der Straße? Wenn es eine Gnade Gottes ist und du es empfangen hast, was prahlst
du damit, als wenn du es nicht empfangen hättest61)! Warum setzest du andere herunter,
indem du dich zur Schau stellst? Oder willst du vielleicht die ändern durch
dein Prahlen zum Guten aneifern62)? Wenn du prahlst, so bist du
in Gefahr und treibst die ändern in dieselbe Gefahr. Was man sich aus bloßer
Liebe zur Prahlerei aneignet, das ist sehr hinfällig. Verschleiere dich wie
eine Jungfrau, wenn du eine Jungfrau bist; denn du mußt erröten! Wenn du eine
Jungfrau bist, so wolle nicht den Augen vieler ausgesetzt sein! Niemand möge
bewundernd in dein Antlitz blicken, niemand von deiner List eine Ahnung haben.
Es ist eine löbliche Verstellung, wenn du die Verheiratete spielst, wenn du
dein Haupt verschleierst. Oder richtiger, es ist keine Verstellung; du bist
nämlich Christo vermählt; ihm hast du deinen Leib zu eigen gegeben, handle nun
auch der Anleitung deines Bräutigams entsprechend. Wenn er den Bräuten anderer
sich zu verschleiern befiehlt, um wieviel mehr noch den seinigen! Aber der eine
oder andere glaubt vielleicht, die Einrichtungen seines Amtsvorgängers nicht
ändern zu dürfen; viele bringen ihre Einsicht und die Beharrlichkeit in
derselben einer fremden Gewohnheit zum Opfer.
Sie sollen nicht gezwungen
werden, sich zu verhüllen. Aber sicher darf man die, welche es freiwillig tun,
nicht daran verhindern63). Diese können ja doch nicht in
Abrede stellen, daß sie auch Jungfrauen sind. Da sie sicher sind, von Gott
gekannt zu werden, so sind sie's zufrieden, bei der Fama ein Mißverständnis zu
bewirken64).
In betreff derer
hingegen, welchen Bräutigamen zugesagt sind65), kann ich mit Bestimmtheit
und mit höherem Ansehen, als meine Wenigkeit mir verleiht, versichern und
bezeugen, daß sie von dem Tage an verschleiert werden müssen, an welchem sie
zuerst vor dem Körper des Mannes, sei es bei Kuß oder Händedruck, erbebten.
Denn bei solchen ist dann alles so gut wie schon verheiratet, das Alter durch
die Geschlechtsreife, das Fleisch durch die Jahre, der Geist durch sein Wissen
um die Sache, die Schamhaftigkeit durch den erhaltenen Kuß, die Hoffnung durch
die Erwartung der Ehe und der Geist durch die Einwilligung. Als ein
ausreichender Beleg dafür dient uns Rebekka, welche schon, nachdem ihr
Bräutigam ihr bloß gezeigt worden, sich verhüllte, da sie ihn kennen
lernte66).