1. Als Gottes Geist und Gottes Wort und
Gedanke Gottes hat er, das Wort des Gedankens und der Gedanke des Wortes und Geistes1), — und beides ist ja Jesus
Christus, unser Herr — uns, den Jüngern des neuen Bundes, auch eine neue
Gebetsform vorgeschrieben. Er mußte nämlich auch in dieser Hinsicht den neuen
Wein in neuen Schläuchen verwahren und einen neuen Flicken auf das neue Kleid
setzen. Im übrigen aber ist das Frühere entweder gänzlich abgeschafft worden,
wie die Beschneidung, oder ergänzt, wie das sonstige Gesetz, oder erfüllt, wie
die Weissagung, oder zur Vollendung gebracht, wie der Glaube selbst. Alles hat die
neue Gnade Gottes aus dem fleischlichen Stande zum geistigen erneuert durch
Hinzufügung des Evangeliums, welches das gesamte frühere Altertum abschließt,
in welchem sich unser Herr Jesus Christus als der Geist Gottes und als das Wort
Gottes und als die Vernunft Gottes bewährte, als der Geist Gottes dadurch, daß
er stark war; als das Wort Gottes dadurch, daß er lehrte; als die Vernunft
Gottes dadurch, daß er kam. So besteht denn auch die von Christus angeordnete
Art zu beten aus drei Dingen: aus dem Worte, weil es ausgesprochen wird, aus
dem Geiste, wodurch es so viel Kraft hat, und aus dem Gedanken, womit es
gelehrt wird2).
Wohl hatte auch
Johannes seine Schüler beten gelehrt; aber alles Tun des Johannes arbeitete nur
Christo vor, bis daß mit dessen Wachstume — nach der Weissagung eben desselben
Johannes3) „mußte er abnehmen, jener aber wachsen", — das
ganze Werk des Vorläufers und Dieners mit dem Geiste selbst auf den Herrn
überging. Mit welchen Worten Johannes sie beten lehrte, ist darum nicht
aufbewahrt, weil sich das Irdische vor dem Himmlischen zurückgezogen hat. Wer
von der Erde ist, heißt es, redet Irdisches, und wer vom Himmel ist, der sagt,
was er gesehen hat4). Und was von dem, was Christi, des Herrn ist, wäre
nicht himmlisch? So auch die Anweisung zum Gebet.
Laßt uns also, ihr
Gesegneten, seine himmlische Weisheit betrachten, erstlich auf Grund des
Gebotes, im geheimen zu beten. Damit fordert er vom Menschen den Glauben daran,
daß Äuge und Ohr des allmächtigen Gottes auch im geheimen und verborgenen
zugegen sei, und damit wünscht er auch jene Eingezogenheit des Glaubens, kraft
deren man ihm allein seine Huldigung darbringt, obwohl man glaubt, daß er
überall sieht und hört. Auf den Glauben und die Bescheidenheit im Glauben
bezieht sich auch die folgende Weisheitsäußerung in der Vorschrift, wir sollen
nicht glauben, uns mit einem Wortschwall dem nahen zu müssen, der, wie wir
gewiß wissen, für die Seinigen im voraus sorgt. Und doch ist auch — was den
dritten Grad der Weisheit bildet — selbst diese Kürze auf einen Vorrat von
tiefen und nützlichen Auslegungen basiert und greift dem Inhalt nach um so
weiter, je knapper die Worte sind. Denn sie umfaßt nicht bloß das dem Gebete
wesentlich Eigene, d. i. Verehrung gegen Gott und Bitten seitens des Menschen,
sondern fast das ganze Wort Gottes, den ganzen Inhalt der Sittenlehre, so daß
in dem Gebete wirklich ein kurzer Inbegriff des ganzen Evangeliums enthalten
ist.