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II. Einige
Kernpunkte in der gegenwärtigen kulturellen und politischen Debatte
2. Die
Gesellschaft befindet sich heute in einem komplexen kulturellen Prozess, der
das Ende eines Zeitabschnittes und die Unsicherheit über die neue am
Horizont stehende Epoche anzeigt. Die großen Errungenschaften, die
offenkundig sind, fordern dazu heraus, den Weg zu überdenken, den die
Menschheit im Fortschritt und in der Aneignung von menschlicheren
Lebensbedingungen gegangen ist. Die wachsende Verantwortung gegenüber den
Entwicklungsländern ist gewiss ein Zeichen von
großer Bedeutung, an dem die wachsende Sensibilität für das
Gemeinwohl deutlich wird. Daneben dürfen aber nicht die großen
Gefahren verschwiegen werden, auf die einige Geistesströmungen die
Gesetzgebungen und infolgedessen das Verhalten der kommenden Generationen
hinlenken möchten.
Heute
kann man einen gewissen kulturellen Pluralismus feststellen, der mit der
Theorie und Verteidigung des ethischen Pluralismus deutliche Zeichen an sich
trägt, die den Verfall und die Auflösung der Vernunft und der Prinzipien
des natürlichen Sittengesetzes anzeigen. In Folge dieser Tendenz ist es
leider nicht unüblich, dass in öffentlichen Erklärungen
behauptet wird, der ethische Pluralismus sei die Bedingung für die Demokratie12. So kommt es, dass die Bürger einerseits
für ihre eigenen moralischen Entscheidungen die totale Autonomie
einfordern und die Gesetzgeber andererseits meinen, diese Entscheidungsfreiheit
zu respektieren, wenn sie Gesetze beschließen, die von den Prinzipien der
natürlichen Ethik absehen und kulturellen oder moralischen Einstellungen
nachgeben, die mehr oder weniger in Mode sind13,
als ob alle möglichen Auffassungen über das Leben den gleichen Wert
hätten. Zugleich wird mit irrtümlicher Berufung auf den Wert der
Toleranz von einem guten Teil der Bürger - auch von den Katholiken -
gefordert, darauf zu verzichten, am sozialen und politischen Leben der eigenen
Länder gemäß der Auffassung über die Person und das
Gemeinwohl mitzuwirken, die sie als menschlich wahr und gerecht ansehen und die
sie durch die legitimen Mittel umsetzen möchten, welche die demokratische
Rechtsordnung allen Mitgliedern der politischen Gemeinschaft in gleicher Weise
zur Verfügung stellt. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt
hinreichend, dass jene Bürger Recht haben, die die relativistische These
für vollkommen falsch halten, nach der es keine moralische Norm gibt, die
in der Natur des Menschseins selbst wurzelt und der jede Auffassung vom
Menschen, vom Gemeinwohl und vom Staat zu unterwerfen ist.
3.
Diese relativistische Auffassung des Pluralismus hat nichts gemein mit der
legitimen Freiheit der katholischen Bürger, unter den politischen
Meinungen, die mit dem Glauben und dem natürlichen Sittengesetz vereinbar
sind, jene auszuwählen, die gemäß dem eigenen Urteil den
Erfordernissen des Gemeinwohls besser gerecht wird. Die politische Freiheit
gründet mitnichten in der relativistischen Idee, gemäß der alle
Auffassungen über das Wohl des Menschen dieselbe Wahrheit und denselben
Wert besitzen, sondern in dem Umstand, dass die politischen Aktivitäten
von Fall zu Fall auf die ganz konkrete Verwirklichung des menschlichen und
sozialen Wohles hinzielen, und zwar in einem genau umschriebenen
geschichtlichen, geographischen, ökonomischen, technologischen und kulturellen
Zusammenhang. Von der konkreten Verwirklichung und den verschiedenen
Umständen hängen im Allgemeinen die unterschiedlichen Einstellungen
und Lösungen ab, die allerdings moralisch annehmbar sein müssen. Es
ist nicht Aufgabe der Kirche, konkrete Lösungen - oder gar
ausschließliche Lösungen - für zeitliche Fragen zu entwickeln,
die Gott dem freien und verantwortlichen Urteil eines jeden überlassen
hat. Es ist freilich Recht und Pflicht der Kirche, moralische Urteile über
zeitliche Angelegenheiten zu fällen, wenn dies vom Glauben und vom
Sittengesetz gefordert ist14. Der Christ ist
gehalten, "berechtigte Meinungsverschiedenheiten in Fragen der Ordnung
irdischer Dinge"15
anzuerkennen. Zugleich ist er gerufen, sich von einer
Auffassung des Pluralismus im Sinn eines moralischen Relativismus zu
distanzieren, die für das demokratische Leben selbst schädlich ist.
Dieses braucht wahre und solide Fundamente, das heißt ethische
Prinzipien, die auf Grund ihrer Natur und ihrer Rolle als
Grundlage des sozialen Lebens nicht "verhandelbar" sind.
Auf
der Ebene der konkreten politischen Auseinandersetzung muss man beachten, dass
einige Entscheidungen in sozialen Fragen kontingenten Charakter haben, dass
moralisch oft unterschiedliche konkrete Strategien möglich sind, um
denselben Grundwert zu verwirklichen oder zu garantieren, dass einige
politische Grundprinzipien auf verschiedene Weise interpretiert werden
können und dass ein guter Teil der politischen Fragestellungen komplexer
Natur sind. Dies erklärt, weshalb es im Allgemeinen mehrere Parteien gibt,
in denen die Katholiken aktiv mitarbeiten können, um - insbesondere durch
die parlamentarische Vertretung - ihr Recht und ihre Pflicht beim Aufbau der
Gesellschaft ihres Landes auszuüben16. Diese offenkundige Feststellung
darf allerdings nicht verwechselt werden mit einem unterschiedslosen
Pluralismus in der Wahl der moralischen Prinzipien und Grundwerte, auf die
Bezug genommen wird. Die legitime Vielfalt der zeitlichen Optionen lässt
den Mutterboden unversehrt, aus dem der Einsatz der Katholiken in der Politik
kommt, und dieser bezieht sich direkt auf die christliche Moral- und
Soziallehre. Mit dieser Lehre müssen sich die katholischen Laien immer
auseinandersetzen, um Sicherheit darüber zu haben, dass ihre eigene
Mitwirkung am politischen Leben von einer kohärenten Verantwortung
für die zeitlichen Dinge geprägt ist.
Die
Kirche ist sich bewusst, dass der Weg der Demokratie einerseits die direkte
Mitwirkung der Bürger an den politischen Entscheidungen am besten zum
Ausdruck bringt, andererseits aber nur in dem Maß möglich ist, in
dem er ein richtiges Verständnis über die Person zur Grundlage
hat17. Der Einsatz der Katholiken kann
bezüglich dieses Prinzips keinem Kompromiss nachgeben, denn sonst
würden das Zeugnis des christlichen Glaubens in der Welt und die innere
Einheit und Kohärenz der Gläubigen selbst aufgegeben. Die
demokratische Struktur, auf die sich der moderne Staat aufbaut, wäre
ziemlich schwach, wenn sie nicht die zentrale Bedeutung der Person zu ihrem
Fundament machen würde. Es ist in der Tat die
Achtung vor der Person, die die demokratische Teilnahme ermöglicht. Das
Zweite Vatikanische Konzil lehrt, dass "der Schutz der Personenrechte die
notwendige Bedingung dafür ist, dass die Bürger einzeln oder im
Verbund am Leben und an der Leitung des Staates tätig Anteil nehmen
können"18.
4.
Davon ausgehend gibt es ein komplexes Netz von aktuellen Problemen, die nicht
mit den Fragestellungen vergangener Jahrhunderte verglichen werden können.
Wissenschaftliche Errungenschaften haben es nämlich ermöglicht, Ziele
zu erreichen, die das Gewissen der Menschen erschüttern und die
Lösungen verlangen, welche die ethischen Prinzipien in kohärenter und
vollständiger Weise respektieren. Ohne die Folgen für das Leben und
die Zukunft der Völker in der Formung der Kultur und der sozialen
Verhaltensweisen zu beachten, gibt es in der Gesetzgebung Versuche, die
Unantastbarkeit des menschlichen Lebens zu verletzen. In dieser schwierigen
Lage haben die Katholiken das Recht und die Pflicht einzugreifen, um den
tiefsten Sinn des Lebens und die Verantwortung, die alle dafür besitzen,
in Erinnerung zu rufen. In Kontinuität der beständigen Lehre der
Kirche hat Johannes Paul II. mehrmals unterstrichen,
dass jene, die direkt in den gesetzgebenden Versammlungen tätig sind, die
"klare Verpflichtung" haben, sich jedem Gesetz zu widersetzen, das
ein Angriff auf das menschliche Leben ist. Für sie, wie für jeden
Katholiken, ist es nicht erlaubt, sich an einer Meinungskampagne für solche
Gesetze zu beteiligen oder sie mit der eigenen Stimme zu unterstützen19. Das hindert nicht daran -
wie Johannes Paul II. in der Enzyklika Evangelium vitae für den
Fall lehrte, in dem eine vollständige Abwendung oder Aufhebung eines
bereits geltenden oder zur Abstimmung gestellten Abtreibungsgesetzes nicht
möglich wäre -, "dass es einem Abgeordneten, dessen
persönlicher absoluter Widerstand gegen die Abtreibung klargestellt und
allen bekannt wäre, … gestattet sein könnte, Gesetzesvorschläge
zu unterstützen, die die Schadensbegrenzung eines solchen Gesetzes
zum Ziel haben und die negativen Auswirkungen auf das Gebiet der Kultur und der
öffentlichen Moral vermindern"20.
In
diesem Zusammenhang muss hinzugefügt werden, dass das gut gebildete
christliche Gewissen niemandem gestattet, mit der eigenen Stimme die Umsetzung
eines politischen Programms zu unterstützen, in dem die grundlegenden
Inhalte des Glaubens und der Moral durch alternative oder diesen Inhalten
widersprechende Vorschläge umgestoßen werden. Weil der Glaube eine
untrennbare Einheit bildet, ist es nicht möglich,
auch nur einen seiner Inhalte herauszulösen, ohne der ganzen katholischen
Lehre zu schaden. Der politische Einsatz für einen
isolierten Aspekt der Soziallehre der Kirche würde der Verantwortung
für das Gemeinwohl nicht gerecht. Auch darf der Katholik nicht
meinen, anderen die christliche Verpflichtung überlassen zu können,
die ihm durch das Evangelium Jesu Christi zukommt, damit die Wahrheit über
den Menschen und die Welt verkündet und verwirklicht werde.
Wenn
die politische Tätigkeit mit moralischen Prinzipien konfrontiert wird, die
keine Abweichungen, Ausnahmen oder Kompromisse
irgendwelcher Art zulassen, dann ist der Einsatz der Katholiken deutlicher
sichtbar und mit größerer Verantwortung verbunden. Geht es um diese grundlegenden,
unaufgebbaren ethischen Forderungen, müssen die Gläubigen wissen,
dass der Kern der moralischen Ordnung auf dem Spiel steht, der das Gesamtwohl
der Person betrifft. Dies ist der Fall bei den zivilen
Gesetzen im Bereich der Abtreibung und der Euthanasie (nicht zu
verwechseln mit dem Verzicht auf therapeutischen Übereifer, der -
auch moralisch - erlaubt ist), die das vorrangige Recht des Menschen auf Leben
von seiner Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende schützen
müssen. In gleicher Weise ist an die Pflicht
zu erinnern, die Rechte des menschlichen Embryos zu achten und zu
verteidigen. In analoger Weise muss der Schutz und die Förderung der Familie
gewährleistet werden, die auf der mongamen Ehe zwischen Personen
verschiedenen Geschlechts gründet und die in ihrer Einheit und
Stabilität gegenüber den modernen Gesetzen über die Ehescheidung
zu schützen ist. Andere Formen des Zusammenlebens können der Familie
in keiner Weise rechtlich gleichgestellt werden noch als
solche eine gesetzliche Anerkennung erhalten. Auch die Freiheit der Eltern in
der Erziehung ihrer eigenen Kinder ist ein unaufgebbares Recht, das
zudem von den internationalen Erklärungen der Menschenrechte anerkannt
ist. In gleicher Weise muss an den sozialen Schutz der Minderjährigen
und an die Befreiung der Opfer von den modernen Formen der Sklaverei
(zum Beispiel der Droge oder der Ausnützung durch die Prostitution)
gedacht werden. Nicht fehlen darf in dieser Aufzählung das Recht auf Religionsfreiheit
sowie die Entwicklung einer Wirtschaftsordnung, die im Dienst der Person
und des Gemeinwohls steht und die soziale Gerechtigkeit und die Prinzipien der
menschlichen Solidarität und der Subsidiarität beachtet,
gemäß denen "die Rechte aller Personen, Familien und
gesellschaftlichen Gruppen und deren Ausübung anerkannt werden
sollen"21. Schließlich ist unter diesen Beispielen das große Thema des Friedens
zu nennen. Eine irenische und ideologische Sichtweise neigt manchmal dazu, den
Wert des Friedens zu säkularisieren, während man sich in anderen
Fällen mit einem zusammenfassenden ethischen Urteil begnügt und die
Komplexität der in Frage stehenden Ursachen vergisst. Der Friede ist immer
"das Werk der Gerechtigkeit und die Wirkung der Liebe"22. Er verlangt, dass Gewalt und
Terrorismus radikal und absolut zurückgewiesen werden. Er fordert den
beständigen und wachsamen Einsatz jener, die in der Politik Verantwortung
tragen.
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