- s137/483 -
37. Wenn uns, wie eben gesagt, die Feinde
zu lieben befohlen ist, wen gibt es da noch, den wir hassen könnten? Ebenso,
wenn wir Beleidigungen nicht mit Gleichem vergelten dürfen, um nicht faktisch
dasselbe zu tun, wen können wir denn da überhaupt beleidigen? Befragt darüber
nur euch selber! Wie oft wütet ihr gegen die Christen, teils aus eigenem
Antriebe, teils infolge der bestehenden Gesetze! Wie oft auch fällt uns mit
Übergehung eurer Person218) der feindselige Pöbel auf eigene
Faust mit Steinwürfen und Brandlegung an! In der Raserei bei den Bacchanalien
schont man nicht einmal der verstorbenen Christen, man reißt sie aus der Ruhe
des Grabes, aus dem Asyle des Todes heraus, obwohl sie schon verändert, obwohl
sie nicht mehr ganz sind, zerschneidet, zerstückelt sie. Welche Kränkung habt
ihr jemals von Leuten erfahren, die so eng miteinander verbunden sind, welche
Wiedervergeltung für das erlittene Unrecht habt ihr erlebt von Leuten, die von
solchem Mute, einem Mute bis in den Tod beseelt sind, während doch eine einzige
Nacht und ein paar armselige Fackeln schon genügen würden, um reichliche Rache
zu üben, wenn es bei uns erlaubt wäre, Böses mit Bösem zu vergelten?! Doch fern
sei es von uns, - s138/484 -
daß unsere, Gott angehörige
Genossenschaft durch irdisches Feuer sich räche, oder auch nur ungern das
leide, wodurch sie bewährt wird. Sogar dann, wenn wir nicht bloß die heimlichen
Rächer, sondern die offenen Staatsfeinde spielen wollten, würde uns dann etwa
die nötige Zahl von Regimentern und Hilfstruppen fehlen? Fürwahr, die Mauren,
Markomannen und auch sie, die Parther, oder andere, wenn auch noch so
ansehnliche, aber doch nur auf einen einzigen Raum und auf ihre Landesgrenzen
beschränkte Völker, sind sie zahlreicher als das Weltvolk?219) Von gestern erst sind wir,
und doch haben wir schon den Erdkreis und all das eurige erfüllt220), die Städte, Inseln,
Kastelle, Munizipalstädte, Ratsversammlungen, sogar die Heerlager, Zünfte,
Dekurien, den Palast, den Senat und das Forum; wir haben euch nur die Tempel
gelassen. Gibt es einen Krieg, für welchen wir, wenn auch ungleich in bezug auf
militärische Macht, nicht bereit wären, wir, die wir uns so gern töten lassen,
wenn es nicht bei dieser unserer Lehre eher erlaubt wäre, sich töten zu lassen,
als selbst zu töten? Wir wären imstande gewesen, auch ohne Waffen, auch ohne
Aufstand, als bloße Unzufriedene schon durch Haß und Absonderung gegen euch zu
kämpfen. Denn, wenn wir -- eine solche Anzahl von Menschen -- uns von euch
losgerissen und nach irgendeinem abgelegenen Winkel des Erdkreises begeben
hätten, so hätte eure ganze Regierung vor Scham erblassen müssen; bei dem
Stillstande des Verkehrs und dem unheimlichen Anblick des gleichsam
ausgestorbenen Erdkreises hättet ihr euch nach Leuten umsehen müssen, über
welche ihr befehlen könntet221). Es wären auch mehr Feinde als
Bürger - s139/485 -
zurückgeblieben. Jetzt nämlich ist die Zahl der Feinde,
die ihr habt, geringer als die Zahl der Bürger, wegen der Menge der Christen,
die fast die Gesamtzahl der loyalen Bürger ausmachen222). Und indem ihr in den
Christen beinahe alle Bürger für Feinde haltet, wolltet ihr sie doch lieber
Feinde des menschlichen Geschlechts nennen, als Feinde der menschlichen
Irrtümer. Aber wer würde euch dann jenen verborgenen, euch die geistige und
körperliche Gesundheit beständig verwüstenden Feinden entreißen, ich meine, den
Angriffen der Dämonen, welche wir von euch ohne Belohnung, ohne Bezahlung
vertreiben? Es wäre schon eine hinreichende Rache für uns gewesen, daß ihr von
da an223) den unreinen Geistern wie ein freiliegender Besitz
offen gestanden hättet. Ihr habt es aber vorgezogen, anstatt auf eine
angemessene Belohnung für solchen Schutz Bedacht zu nehmen, eine
Menschenklasse, die euch nicht nur nicht lästig, sondern sogar unentbehrlich
ist, für Feinde anzusehen, was wir fürwahr sind -- aber nicht des menschlichen
Geschlechts, sondern vielmehr des menschlichen Irrtums.
|