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45. Wir sind also die einzigen
sittenreinen Menschen. Was Wunder, wenn es so sein muß? Und in der Tat, es muß
so sein. Da uns die Sittenreinheit von - s156/502 -
Gott gelehrt worden ist, so
kennen wir sie einerseits vollkommen, da sie uns von einem vollkommenen Lehrer
geoffenbart worden ist, und anderseits bewahren wir sie getreulich, da sie uns
von einem Wächter vorgeschrieben ist, der sich nicht verachten läßt. Euch aber
hat nur menschliche Abwägung und Wertschätzung den Begriff der Sittenreinheit
beigebracht, und ebenso ist es nur die Kundgebung menschlicher Herrschaft,
welche sie euch zum Gebot gemacht hat. Daher besitzt ihr weder eine vollkommene,
noch eine genügenden Respekt einflößende Anleitung zur wahren Moralität. Die
Autorität des Menschen, die Erfüllung des sittlich Guten zu fordern, ist nicht
größer als seine geistige Fähigkeit, aufzuzeigen, was wahrhaft sittlich gut
ist266); ebenso leicht wie diese getäuscht, kann jene verachtet
werden. Wohlan denn, welcher Ausspruch ist von tieferem Gehalt267): D u sollst nicht töten,
oder aber: Du sollst nicht einmal zürnen ? Was ist vollkommener, den Ehebruch
verbieten, oder sogar von der Begierlich-keit der Augen, auch wenn sie im
Herzen verborgen bleibt, zurückhalten? Was verrät größere Weisheit, die böse
Tat oder auch schon die böse Rede verbieten? Was dringt tiefer ein, Unrecht
nicht gestatten, oder nicht einmal das Wiedervergelten des Unrechts zuzulassen?
Wenn ihr doch nur einsähet, daß eure Gesetze selber, die auf die Pflege der
Sittlichkeit hingerichtet sind, vom göttlichen Gesetze ihre ältere Form
entlehnt haben!268) Es ist ja schon vom Alter des Moses
die Rede gewesen. Wie gering aber ist oft das Ansehen - s157/503 -
menschlicher
Gesetze, da es zutrifft, daß der Mensch, da seine begangenen Taten verborgen
bleiben, sich ihnen entzieht, und manchmal daß er sie, sei es freiwillig sei es
genötigt, verachtet. Beurteilt ihr Ansehen269) auch nach der Kürze jedweder
Strafe, die ja doch nicht über den Tod hinaus fortdauert! Auf diese Weise
schätzt selbst Epi-kur jede Qual und jeden Schmerz nur gering ein, indem er den
Ausspruch tut, ein mäßiger Schmerz sei zu verachten, ein großer aber dauere
nicht lange. Wir aber, die wir unter der Aufsicht Gottes, des Beobachters
aller, stehen und gegen seine ewige Strafe Vorsorge treffen, wir streben
notwendig nach wahrer Sittenreinhelt, indem Wir entsprechend der Fülle unserer Erkenntnis
und der Schwierigkeit, sich zu verbergen, und ebenso wegen der Größe der
Strafe, die nicht bloß lange, sondern ewig dauert, den fürchten, den auch jener
fürchten muß, der selbst über solche zu Gericht sitzt, die ihn fürchten, indem
wir mit einem Wort Gott fürchten, nicht den Prokonsul.
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