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16. Denn nach dem Vorbild gewisser
Leute92) habt - s84/430 -
ihr geträumt, ein Eselskopf
sei unser Gott. Diesen Verdacht eines solchen (Gottes) hat Cornelius Tacitus
aufgebracht. Im vierten93) Buche seines Geschichtswerkes über
den jüdischen Krieg beginnt er mit dem Ursprung besagten Volkes, und, nachdem
er über Ursprung, Namen und Religion des Volkes nach Willkür berichtet hat,
erzählt er, daß die Juden, aus Ägypten befreit oder, wie er glaubt,
ausgewiesen, in den wüsten und wasserlosen Gegenden Arabiens von Durst ermattet
sich der Waldesel, von welchen sie vielleicht vermuteten, daß sie nach der
Weide zur Tränke liefen, zur Auffindung einer Quelle bedienten, und daß sie
wegen dieser Wohltat das Abbild eines verwandten Tieres zur Gottheit machten.
Daher ist, meine ich, die Vermutung entstanden, daß wir, als der jüdischen
Religion nahestehend, zum Dienste desselben Götterbildes eingeweiht würden.
Aber derselbe Cornelius Tacitus -- er ist wirklich in seinen Lügen sehr
redselig -- erzählt doch selbst in demselben Geschichtswerke, daß Gnäus
Pompejus, da er Jerusalem eingenommen hatte und, um die Heimlichkeiten des
jüdischen Kultus aufzuspüren, den Tempel betrat, dort kein Götterbild gefunden
habe. Wenn aber etwas bildlich Darstellbares verehrt wurde, so hätte es sich
doch gewiß nirgends sicherer als in diesem seinem Heiligtum vorfinden müssen,
um so mehr, als jener Kultus, mochte er noch so töricht sein, gar nicht einmal
zu fürchten brauchte, fremde Lauscher zu haben. Denn nur den Priestern war der
Zutritt gestattet, den übrigen war durch einen vorgespannten Vorhang sogar der
Einblick versagt. Was euch betrifft, so werdet ihr doch wohl nicht leugnen, daß
ihr alle Arten von Zugtieren und ganze Gäule mit ihrer Göttin Epona göttlich
verehrt. Vielleicht ist das der Grund eures Mißfallens, daß wir mitten unter
Anbetern sämtlichen zahmen und wilden Viehes bloß Eselsverehrer sind. - s85/431 -
Aber auch jeden, der uns für Verehrer des Kreuzes hält, werden wir als
unsern Religionsgenossen ansprechen können94). Wenn zu einem Holze um
Erbarmen gerufen wird, so liegt nichts an der äußeren Bekleidung, da ja die Materie
dieselbe ist, und auch nichts an der äußeren Form, wenn das Holz selbst der
Körper eines Gottes ist. Und doch, wie wenig unterscheiden sich die Pallas von
Attica oder die Ceres von Pharos von einem Kreuzesholze, da sie sich ohne
Menschenantlitz nur unter einem rohen Pfahl und gestaltlosen Holz darbieten?
Denn jedes Holz, das in aufrechter Stellung befestigt ist, bildet ja einen Teil
eines Kreuzes; wir beten darum im schlimmsten Falle doch noch einen
vollständigen und ganzen Gott an. Wir haben oben gesagt, daß die Bildner den
Anfang zu euren Göttern an einem Kreuze machen. Aber ihr betet ja auch die
Siegesdenkmale an, trotzdem daß Kreuze die inneren Gestelle der Trophäen
bilden. Die ganze römische Soldatenreligion besteht in der Verehrung der
Feldzeichen, schwört bei den Feldzeichen und stellt die Feldzeichen über alle
Götter. Der ganze Aufputz von Bildern an den Feldzeichen ist nur ein Behang für
Kreuze; die Tücher der Reiter- und Prachtfahnen95) sind nur eine Bekleidung für
Kreuze. Ich finde darin eine löbliche Gewissenhaftigkeit von eurer Seite. Ihr
wollt keine unverzierten und nackten Kreuze für geheiligt erklären.
Andere haben wenigstens eine menschlichere und wahrscheinlichere Ansicht
von uns, sie glauben, die Sonne sei unser Gott. So werden wir am Ende wohl gar
noch zu den Persern gerechnet werden, obwohl wir keine auf Leinwand abgebildete
Sonne anbeten, da wir sie selbst ja überall gegenwärtig haben an ihrem
Him-melsrund. Um es kurz zu sagen, der Verdacht rührt daher, weil es bekannt geworden,
daß wir nach Osten - s86/432 -
gewendet beten. Allein auch sehr viele
von euch bewegen nach Sonnenaufgang hingewendet die Lippen, indem sie manchmal
das Verlangen haben, auch himmlische Dinge anzubeten. Ebenso kommen wir, wenn
wir den Sonntag der Freude widmen, und zwar aus einem ganz anderen Grunde als
wegen Verehrung der Sonne, ja gleich nach denen, welche den Samstag dem
Müßiggange und den Mahlzeiten widmen, wobei übrigens auch sie von der jüdischen
Sitte, die sie nicht recht kennen, abweichen.
Aber da ist ja in hiesiger Stadt kürzlich eine neue Mitteilung über unsern
Gott öffentlich zur Schau gestellt worden, seitdem ein Verbrecher, der für Geld
das Geschäft betreibt, die wilden Tiere zu necken96), ein Bild zum Vorschein
brachte mit der Inschrift: „Der Christengott Onokoites"97). Er hatte Eselsohren, einen
Fuß von Huf, trug ein Buch und eine Toga. Wir lachten sowohl über den Namen als
über die Gestalt. Unsere Gegner aber hätten sofort die zweigestaltige Gottheit
anbeten müssen, weil sie Wesen, die mit dem Hundsund Löwenkopfe versehen sind,
gehörnt wie ein Ziegenbock und Widder, von den Lenden an Böcke, von den Knieen
an Schlangen, die an den Sohlen und auf dem Rücken mit Flügeln versehen sind,
zu Göttern angenommen haben. Soviel zum Überflusse, damit wir nur nichts von
all dem Gerede, gleichsam wie mit Absicht übergehen möchten! Von dem allem
werden wir uns reinigen, indem wir uns zur Darlegung unserer Religion
hinwenden.
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