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2. Zentrale Grundzüge
des Dienstes und Lebens der Priesters [8]
a) Die Identität
des Priesters
5. Die Identität
des Priesters muß im Rahmen des göttlichen Heilswillens betrachtet
werden, weil sie Frucht des sakramentalen Handelns des Heiligen Geistes,
Teilhabe am Heilshandeln Christi ist und weil sie vollständig auf den
Dienst dieses Handelns in der Kirche, in ihrer beständigen Entwicklung im
Lauf der Geschichte, ausgerichtet ist. Es handelt sich um eine dreidimensionale
Identität: eine pneumatologische, christologische und ekklesiologische.
Man darf diese ursprüngliche theologische Architektur des Geheimnisses des
Priesters, der zum Diener des Heils berufen ist, nicht aus den Augen verlieren,
um dann in entsprechender Weise die Bedeutung seines konkreten pastoralen
Dienstes in der Pfarre klären zu können [9]. Er ist der Diener
Christi, um, ausgehend von Christus, durch ihn und mit ihm, Diener der Menschen
zu sein. Sein ontologisch Christus gleichgestaltetes Wesen stellt die Grundlage
für seine Weihe für den Dienst an der Gemeinschaft dar. Die
völlige Zugehörigkeit zu Christus, die durch den heiligen
Zölibat gebührend verstärkt und hervorgehoben wird, bewirkt,
daß der Priester allen zu Diensten steht. Das wunderbare Geschenk des
Zölibats [10] erhält in der Tat Licht und Motivation von der
Gleichgestaltung an die bräutliche Hingabe des gekreuzigten und
auferstandenen Sohnes Gottes an die erlöste und erneuerte
Menschheit.
Das Sein und Handeln des
Priesters – seine geweihte Person und sein Dienst – sind theologisch
untrennbare Realitäten und haben den Dienst an der Entfaltung der Sendung
der Kirche zum Ziel [11]: das ewige Heil aller Menschen. Im Geheimnis der
Kirche – offenbart als mystischer Leib Christi und Volk Gottes, das in der
Geschichte unterwegs ist, und zum allumfassenden Heilssakrament bestimmt [12] –, findet und entdeckt
man den tiefen Grund des Amtspriestertums. „Die kirchliche Gemeinschaft
benötigt unbedingt das Priesteramt, damit in ihr Christus, Haupt und
Hirte, gegenwärtig ist“ [13].
6. Das gemeinsame
Priestertum oder Priestertum der Taufe der Christen bildet als wirkliche
Teilhabe am Priestertum Christi eine wesentliche Eigenschaft des Neuen Volkes
Gottes [14]. „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht,
eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein
besonderes Eigentum wurde…“ (1 Petr 2,9); „Er hat uns zu Königen gemacht
und zu Priestern vor Gott, seinem Vater“ (Offb 1,6); „Du hast sie für
unseren Gott zu Königen und Priestern gemacht (Offb 5,10) … sie werden
Priester Gottes und Christi sein und … mit ihnen herrschen“ (Offb 20,6). Diese
Stellen erinnern an das, was im Buch Exodus gesagt wurde, und übertragen
auf das Neue Israel, was dort vom Alten Israel ausgesagt wurde: „Ihr werdet
unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein … ihr aber sollt mir ein
Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören“ (Ex 19,5-6); und mehr
noch erinnern sie an das Buch Deuteronomium: „Denn du bist ein Volk, das dem
Herrn, deinem Gott, heilig ist. Dich hat der Herr, dein Gott, auserwählt,
damit du unter allen Völkern, die auf der Erde leben, das Volk wirst, das
ihm persönlich gehört“ (Dtn 7,6).
„Während das
allgemeine Priestertum sich aus der Tatsache ergibt, daß das christliche
Volk von Gott als Brücke zur Menschheitsfamilie gewählt wird und
jeden Gläubigen betrifft, insofern er in dieses Volk eingegliedert ist,
ist das Priesteramt hingegen Frucht einer Erwählung, einer besonderen
Berufung: ‚Jesus rief seine Jünger zu sich und wählte aus ihnen
zwölf aus‘ (vgl. Lk 6,13-16). Dank dem Priesteramt sind sich die
Gläubigen ihres allgemeinen Priestertums bewußt und üben es aus
(vgl. Eph 4,11-12); denn der Priester erinnert sie daran, daß sie Volk
Gottes sind, und er befähigt sie, jene ‚geistigen Opfer darzubringen‘
(vgl. 1 Petr 2,5), durch die Christus selbst uns zu einem ewigen Geschenk an
den Vater macht (vgl. 1 Petr 3,18). Ohne Christi Gegenwart, die vom Pfarrer,
dem sakramentalen Leiter der Gemeinschaft, vertreten wird, wäre diese
keine vollständige kirchliche Gemeinschaft“ [15].
Im Schoß dieses
priesterlichen Volkes hat der Herr also ein Priestertum des Dienstes
eingesetzt, zu welchem einige Gläubige berufen sind, um allen anderen in
Hirtenliebe und mittels der heiligen Vollmacht zu dienen. Das gemeinsame
Priestertum und das Priestertum des Dienstes unterscheiden sich dem Wesen nach
und nicht bloß dem Grade nach [16]: Es handelt sich nicht nur um eine größere
oder geringere Intensität der Teilhabe am einzigen Priestertum Christi,
sondern um dem Wesen nach verschiedene Arten der Teilhabe. Das gemeinsame
Priestertum beruht auf dem Taufcharakter, dem geistlichen Siegel der
Zugehörigkeit zu Christus, das „die Christen befähigt und
verpflichtet, in lebendiger Teilnahme an der heiligen Liturgie der Kirche Gott
zu dienen und durch das Zeugnis eines heiligen Lebens und einer
tatkräftigen Liebe das Priestertum aller Getauften auszuüben“ [17].
Das Amtspriestertum
hingegen beruht auf dem vom Weihesakrament eingeprägten Charakter, der
eine Gleichgestaltung mit Christus, dem Priester, vornimmt, und dadurch
befähigt, in der Person Christi, des Hauptes, mit der heiligen Vollmacht
handeln zu können, um das Opfer darzubringen und die Sünden zu vergeben
[18]. Den Getauften, die später die Gabe des
Priestertums des Dienstes empfangen haben, wurde sakramental eine neue und
besondere Sendung verliehen: im Schoß des Volkes Gottes das dreifache Amt
– Prophet, Priester, König – Christi selbst, insofern er Haupt und Hirte
der Kirche ist, darzustellen [19]. Deswegen handeln sie in der Ausübung ihrer
spezifischen Funktionen in persona Christi capitis und folglich ebenso in
nomine Ecclesiae [20]
7. „Unser sakramentales
Priestertum ist nun zugleich ein ‚hierarchisches Priestertum‘ und ein ‚Priestertum
des Dienstes‘. Es bildet ein besonderes ‚Ministerium‘, d.h. es ist ein ‚Dienst‘
in bezug auf die Gemeinschaft der Gläubigen. Es nimmt aber nicht seinen
Ausgang von dieser Gemeinschaft, als wäre es diese, die ‚beruft‘ oder
‚delegiert‘, sondern es ist fürwahr ein Geschenk für diese
Gemeinschaft und geht von Christus selbst aus, von der Fülle seines
Priestertums. (…) Dieser Realität bewußt, verstehen wir, auf welche
Weise unser Priestertum ‚hierarchisch‘, d. h. verbunden mit der Vollmacht, das
priesterliche Volk zu formen und zu leiten, und eben deswegen ein ‚Priestertum
des Dienstes‘ ist. Wir führen dieses Amt aus, durch welches Christus
selbst unaufhörlich dem Vater beim Werk unseres Heiles ‚dient‘. Unsere
ganze priesterliche Existenz ist und muß tief von diesem Dienst
durchdrungen sein, wenn wir auf angemessene Weise das eucharistische Opfer ‚in
persona Christi‘ vollbringen wollen“ [21].
In den letzten
Jahrzehnten hat die Kirche Erfahrung gemacht mit Problemen der „priesterlichen
Identität“, die mitunter von einer weniger klaren theologischen Anschauung
hinsichtlich der beiden Arten der Teilhabe am Priestertum Christi
herrühren. In einigen Bereichen ist man dazu gelangt, jenes tiefe
ekklesiologische Gleichgewicht zu zerstören, das dem authentischen und
ständigen Lehramt eigen ist.
Heute bieten sich alle
Bedingungen, um sowohl die Gefahr der „Klerikalisierung“ der Laien [22] als auch jene der „Säkularisierung“ der
geistlichen Amtsträger zu überwinden.
Der
großmütige Einsatz der Laien in Bereichen des Kultes, der
Glaubensvermittlung und der Pastoral auch in Momenten des Priestermangels, hat
mitunter einige geistliche Amtsträger und Laien in die Versuchung
geführt, weiter zu gehen, als es die Kirche zugesteht, als auch was ihre
ontologisch-sakramentale Befähigung übersteigt. Daraus folgte auch
eine theoretische und praktische Unterbewertung der spezifischen Sendung der
Laien, die Strukturen der Gesellschaft von innen zu heiligen.
Andererseits ergibt sich
in dieser Identitätskrise auch die „Säkularisierung“ einiger
geistlicher Amtsträger durch eine Verdunkelung ihrer spezifischen, absolut
unersetzbaren Aufgabe in der kirchlichen Gemeinschaft.
8. Der Priester, alter
Christus, ist in der Kirche der Diener der wesentlichen Heilstaten [23]. Durch seine Opfergewalt über Leib und Blut des
Erlösers, durch seine Vollmacht, das Evangelium mit Autorität zu
verkünden, das Böse der Sünde mittels der sakramentalen
Vergebung zu besiegen, ist er – in persona Christi capitis – Quelle des Lebens
und der Lebenskraft in der Kirche und in seiner Pfarre. Der Priester ist nicht
der Urquell dieses geistlichen Lebens, sondern derjenige, der es an das ganze
Gottesvolk austeilt. In der Salbung des Heiligen Geistes ist er der Diener, der
zum sakramentalen Heiligtum hintritt: zum gekreuzigten (vgl. Joh 19, 31-37) und
auferstandenen Christus (vgl. Joh 20, 20-23), aus dem das Heil hervorspringt.
In Maria, der Mutter des
Ewigen Hohenpriesters, wird sich der Priester bewußt, mit ihr „Werkzeug
der Heilsmitteilung zwischen Gott und den Menschen“ zu sein, wenn auch auf
verschiedene Weise: die heilige Jungfrau aufgrund der Menschwerdung, der
Priester aufgrund der Vollmacht des Ordo [24]. Die Beziehung des Priesters zu Maria ist nicht nur
das Bedürfnis nach Schutz und Hilfe; es handelt sich vielmehr um die
Gewahrwerdung eines objektiven Faktums: „die Nähe der Gottesmutter“ als
eine „tatkräftige Gegenwart, mit welcher zusammen die Kirche das Geheimnis
Christi leben will“ [25].
9. Der Priester,
insofern Teilhaber an der Leitungstätigkeit Christi, des Hauptes und
Hirten, über seinen Leib [26], ist auf besondere Weise befähigt, auf
pastoralem Gebiet der „Mann der Gemeinschaft“ [27], der Leitung und des Dienstes an allen zu sein. Er
ist gerufen, die Gemeinschaft der Glieder mit dem Haupt und untereinander zu
fördern und zu erhalten. Aufgrund der Berufung vereint und dient er in der
zweifachen Dimension derselben Hirtenfunktion Christi. (vgl. Mt 20, 28; Mk 10,
45; Lk 22, 27). Das Leben der Kirche verlangt für seine Entfaltung
Energien, die nur dieses Amt der Gemeinschaft, der Leitung und des Dienstes
bieten kann. Es erfordert Priester, die Christus vollständig
gleichgestaltet und Verwahrer einer ursprünglichen Berufung zur vollen
Identifizierung mit Christus sind und „in“ und „mit“ ihm die Gesamtheit der
Tugenden leben, die in Christus, dem Hirten, in Erscheinung treten. Es
erhält unter anderem Licht und Motivation durch die Gleichgestaltung an
die bräutliche Hingabe des gekreuzigten und auferstanden Gottessohnes an
die erlöste und erneuerte Menschheit. Das Leben der Kirche verlangt
Priester, die Quellen der Einheit und der brüderlichen Hingabe an alle –
besonders an die Bedürftigsten – sein wollen, Männer, die ihre
priesterliche Identität im Guten Hirten [28] erkennen mögen; es verlangt weiters, daß
ein solches Bild nach innen gelebt und nach außen gezeigt wird, derart,
daß es alle überall erfassen können [29].
Der Priester
vergegenwärtigt Christus, das Haupt der Kirche, durch den Dienst des
Wortes, der Teilhabe an seinem prophetischen Amt [30]. In persona et in nomine Christi ist der Priester
Diener des Wortes der Verkündigung, das alle zur Umkehr und zur Heiligkeit
einlädt, Diener des Wortes der Liturgie, das die Größe Gottes
lobpreist und für seine Barmherzigkeit Dank sagt, und Diener des Wortes
der Sakramente, das wirksamer Quell der Gnade ist. Auf diese vielfachen Weisen
führt der Priester mit der Kraft des Heiligen Geistes den Lehrauftrag des
göttlichen Meisters im Schoß seiner Kirche weiter.
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