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b) Die Einheit des
Lebens
10. Die sakramentale
Gleichgestaltung an Jesus Christus legt dem Priester ein neues Motiv auf, die
Heiligkeit zu erlangen [31], aufgrund des Amtes, das ihm auferlegt wurde, das in
sich heilig ist. Dies heißt nicht, daß die Heiligkeit, zu der die
Priester berufen sind, subjektiv größer sei als die Heiligkeit, zu
der alle Gläubigen aufgrund der Taufe berufen sind. Die Heiligkeit ist
immer die gleiche [32], wenn auch in verschiedenen Ausdrucksformen [33], der Priester aber muß wegen eines neuen Motivs
nach ihr streben: um jener neuen Gnade, die ihn geformt hat, die Person
Christi, des Hauptes und Hirten, darzustellen, als lebendiges Werkzeug im
Heilswerk zu entsprechen [34]. In Erfüllung seines Amtes also muß sich
derjenige, der „sacerdos in aeternum“ ist, bemühen, in allem dem Beispiel des
Herrn zu folgen, indem er sich mit ihm vereint „in der Entdeckung des Willens
des Vaters und in der Hingabe seiner selbst an die Herde“ [35]. Auf dieser Grundlage der Liebe zum göttlichen
Willen und der Hirtenliebe baut man die Einheit des Lebens [36], d. h. die innere Einheit [37] zwischen geistlichem Leben und priesterlicher
Aktivität auf. Das Wachstum dieser Einheit des Lebens gründet auf der
pastoralen Liebe [38], genährt von einem festen Gebetsleben, so
daß der Priester auf unzertrennliche Weise Zeuge der Liebe und Meister
des inneren Lebens sei.
11. Die ganze Geschichte
der Kirche ist von leuchtenden Beispielen wirklich radikaler pastoraler Hingabe
erhellt. Es handelt sich um eine zahlreiche Schar heiliger Priester, wie der
heilige Pfarrer von Ars, der Patron der Pfarrer, die durch großherzige
und unermüdliche Hingabe an die Seelsorge, begleitet von einer tiefen
Askese und geistlichem Leben, zu einer anerkannten Heiligkeit gelangt sind.
Diese Hirten, verzehrt von der Liebe zu Christus und der daraus folgenden
Hirtenliebe, stellen ein gelebtes Evangelium dar.
Manche Strömungen
der gegenwärtigen Kultur mißversteht die innere Tugend, die
Abtötung und die Spiritualität als Formen eines Intimismus, einer
Entfremdung und schließlich eines Egoismus, der unfähig ist, die
Probleme der Welt und der Leute zu verstehen. Es erfolgte an manchen Orten auch
ein vielfältiges Erscheinungsbild von Priestern: vom Soziologen zum
Therapeuten, vom Arbeiter zum Politiker, zum Manager, … bis zum „pensionierten“
Priester. In diesem Zusammenhang muß erinnert werden, daß der
Priester Träger einer ontologischen Weihe ist, die sich auf die ganze Zeit
seines Lebens ausdehnt. Seine Grundidentität muß im Charakter gesucht
werden, der ihm im Weihesakrament verliehen wurde und auf welchem sich die
pastorale Gnade reich entfaltet. Daher müßte der Priester es
verstehen, alles , was er tut, immer als Priester zu tun. Wie der heilige
Johannes Bosco sagt, ist er Priester am Altar und im Beichtstuhl, wie auch in
der Schule, auf der Straße und überall. Mitunter sind die Priester
selbst in einigen aktuellen Situationen verleitet, gleichsam zu denken,
daß sich ihr Amt am Rande des Lebens abspielt, während es sich in
Wirklichkeit in dessen Herzen selbst befindet, denn es besitzt die
Fähigkeit zu erleuchten, zu versöhnen und alles neu zu machen.
Es kann vorkommen,
daß einige Priester, obwohl sie das eigene Amt mit einem Enthusiasmus
voller Ideale begonnen hatten, Entfremdung und Enttäuschung verspüren
und bis zum Fehlschlag gelangen können. Die Gründe sind
vielfältig: von unzureichender Ausbildung bis zum Mangel an
Brüderlichkeit im diözesanen Presbyterium, von persönlicher
Isolierung bis zu fehlendem Interesse und Unterstützung seitens des
Bischofs [39] selbst und der Gemeinschaft, von persönlichen
Problemen – auch gesundheitlicher Natur – bis zur bitteren Erfahrung, keine
Antworten und Lösungen zu finden, vom Mißtrauen gegenüber der
Askese und dem Aufgeben des geistlichen Lebens bis hin zum Glaubensmangel.
Tatsächlich
würde sich der Dynamismus des Amtes ohne eine feste priesterliche
Spiritualität in einen leeren Aktivismus bar jedes Prophetismus
verwandeln. Es steht eindeutig fest, daß der Bruch der inneren Einheit im
Priester vor allem Folge des Erkaltens seiner Hirtenliebe ist, d.h. des
Erkaltens der „wachsamen Liebe zum Mysterium, das er in sich trägt, zum
Wohl der Kirche und der Menschheit“ [40]
In Anbetung und innerem
Gespräch vor dem Guten Hirten zu verweilen, der im allerheiligsten
Sakrament des Altares gegenwärtig ist, bildet eine pastorale
Priorität, die weit größer ist als jedwede andere. Der
Priester, Leiter einer Gemeinde, muß diese Priorität verwirklichen,
um nicht innerlich auszutrocknen und um sich nicht in einen trockenen Kanal zu
verwandeln, der niemanden mehr etwas geben könnte.
Die pastorale Arbeit von
herausragender Bedeutung ist mit Sicherheit die Spiritualität. Jeder
Pastoralplan, jedes Missionsprojekt, jeder Dynamismus in der Evangelisierung,
der vom Vorrang der Spiritualität und des Gottesdienstes absähe,
wäre zum Untergang bestimmt.
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