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III.
Die Erholung in ihren vielfältigen
Entwicklungen ist in unserer Zeit um so notwendiger geworden, je mehr sich die
Menschen plagen müssen in den Geschäften und Sorgen des Lebens; aber sie muß
anständig sein und darum gesund und moralisch, sie muß sich zum Rang eines
positiven Faktors und zu edlen Empfindungen erheben. Ein Volk, das sich in den
Stunden seiner Ruhe Zerstreuungen hingibt, die das gesunde Gefühl der
Schicklichkeit, der Ehre, der Moral verletzen, Zerstreuungen, die Gelegenheit
zur Sünde geben, besonders bei der Jugend, befindet sich in großer Gefahr,
seine Größe und seine nationale Kraft zu verlieren.
Ohne Zweifel hat unter den Unterhaltungen
der neueren Zeit das Kino in den letzten Jahren sich einen Platz von
universaler Bedeutung erobert.
Es erübrigt sich, auf die Tatsache hinzuweisen,
daß Millionen von Menschen Tag für Tag an Filmvorführungen teilnehmen; daß
Räume für solche Schauspiele in stets wachsender Zahl bei zivilisierten und
halbzivilisierten Völkern eröffnet werden; daß das Kino die volkstümlichste
Form der Unterhaltung geworden ist; daß es in Stunden der Muße nicht nur den
Reichen, sondern allen Klassen der Gesellschaft offensteht.
Anderseits gibt es heute kein stärkeres
Mittel als das Kino, um die Massen zu beeinflussen, sei es wegen der Natur des
Bildes selbst, das auf die Leinwand geworfen wird, sei es wegen der Popularität
des Schauspiels oder wegen der Umstände, die es begleiten.
Die Macht des Films beruht auf der Tatsache,
daß er durch das Bild spricht, lebendig und anschaulich. Es wird aufgenommen
von der Seele mit Lust und ohne Ermüdung, auch von einer ungebildeten und
primitiven Seele, die nicht die Fähigkeit hat und nicht einmal das Verlangen
spürt, sich mit den Abstraktionen oder Deduktionen des Denkens abzumühen; auch
das Lesen und das Zuhören verlangt noch eine gewisse Anstrengung, die dagegen
beim Film ersetzt wird durch das ununterbrochene Lustgefühl beim Anblick der
einander folgenden und sozusagen lebendigen Bilder. Im Tonfilm verstärkt sich
diese Macht, da die Deutung der Geschehnisse noch leichter wird und der Zauber
der Musik sich mit dem Schauspiel verbindet. Sodann erhöhen Tänze und
Varieté-Spiele, die man mitunter willkürlich in den Zwischenstücken einlegt,
die Erregung der Leidenschaften.
Es ist tatsächlich eine Lektüre, die sich
einprägt, sei es zum Guten, sei es zum Bösen, die viel wirksamer ist für den
größten Teil der Menschen als abstrakte Erörterungen. Es ist darum notwendig,
daß sich die Filmkunst zu der Höhe des christlichen Gewissens erhebe und daß
sie sich befreie von herabwürdigender und zersetzender Effekthascherei.
Es ist allen bekannt, welch üble Wirkungen
unmoralische Filme im Geiste des Menschen hervorbringen. Sie bieten
Gclegenheiten zur Sünde; sie führen die Jugend auf schlechte Wege, denn sie
sind eine Verherrlichung böser Leidenschaften; sie stellen das Leben. unter
eine falsche Beleuchtung; sie trüben die Ideale; sie zerstören die reine Liebe,
die Achtung vor der Ehe, die Verehrung für die Familie. Sie können ebenfalls
leicht Vorurteile schaffen zwischen einzelnen Menschen und Mißverständnisse
zwischen den Nationen, den sozialen Klassen und ganzen Rassen.
Auf der anderen Seite können gute Filme aber
auch tiefgehenden moralischen Einfluß auf die Zuschauer ausüben. Über die
Unterhaltung hinaus können sie hinweisen auf hohe Lebensideale, wertvolle
Kenntnisse vermitteln, weiteres Wissen um die Geschichte und die Schönheit des
eigenen Landes fördern, Wahrheit und Tugend in anziehender Form darstellen,
gegenseitiges Verständnis unter den Nationen, den sozialen Klassen und den
Rassen schaffen oder wenigstens begünstigen, die Sache der Gerechtigkeit
verteidigen, für die Schönheit und Tugend eintreten und in jeder Weise wirken
für eine gerechte soziale Ordnung in der Welt.
Diese Erörterungen erhalten ein noch
größeres Gewicht dadurch, daß der Film nicht zu einzelnen, sondern zu den
Massen spricht, und das zu einer Zeit, in einem Raum und in einer Umgebung, die
wie nie etwas geeignet sind, Begeisterung für das Gute wie für das Böse zu
wecken und zu jener Massensuggestion zu führen, die leider, wie die Erfahrung
lehrt, geradezu krankhafte Formen annehmen kann.
Die Lichtbilder des Filmstreifens werden ja
dem Volk vorgeführt, während es in einem dunklen Theater sitzt und während seine
geistigen, physischen und oft auch geistlichen Fähigkeiten herabgesetzt sind.
Man braucht nicht weit zu gehen, um ein Kino zu finden; sie stoßen an unsere
Häuser, Kirchen und Schulen, sie tragen den Film bis mitten ins Volksleben
hinein.
Ferner werden die Bildspiele dargeboten von
Männern und Frauen, die etwas Bezauberndes haben durch ihre Kunst, durch ihre
natürlichen Gaben und durch die Anwendung jener Mittel, die besonders für die
Jugend auch ein Anreiz der Verführung werden können.
Dazu hat der Film meist in seinen Dienst
genommen die Musik, luxuriöse Räume, realistische Kraft und jeden Einfall
extravaganter Laune. Eben dadurch fasziniert er in ganz besonderer Weise die
Jugend, die Halbwüchsigen und selbst die Kinder. Also gerade in dem Alter, in dem
sich der moralische Sinn zu bilden pflegt, in dem sich die Begriffe und die
Empfindungen von Gerechtigkeit und Rechtlichkeit, von Aufgaben und Pflichten,
überhaupt von Lebensidealen entwickeln, nimmt der Film mit seiner unmittelbaren
Wirkung eine besondere Stellung ein.
Leider, wie die Dinge heute stehen, häufig
zum Bösen. So kommt einem bei dem Gedanken an die schrecklichen Verheerungen in
den Seelen der Jugend und der Kinder, an soviel Unschuld, die gerade in den
Filmtheatern verloren geht, das schreckliche Wort unseres Meisters über die
Verführung der Kleinen in den Sinn: "Qui autem scandalizaverit unum de
pusillis istis qui in me credunt, expedit ei, ut suspendatur mola asinaria in
collo eius et demergatur in profundum maris" (Mt 18, 6-7), (Wer
aber eines von diesen Kleinen ärgert, die an mich glauben, es wäre für ihn
besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres
versenkt würde).
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