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1. ZUR
EINFÜHRUNG
Die
vorliegende Untersuchung ist sowohl eine freie Formulierung von Gedanken, die
durch das Konzilsdekret "De Oecumenismo" angeregt wurden, wie eine
durchgängige Kritik dieses Dekrets. Dieser Kritik geht es zugleich um die
Diskussion allgemeiner Prinzipien, die das Ökumenismusdekret aufstellt
oder voraussetzt. Diese Diskussion wird aber nur im Zusammenhang mit dem im
ersten Teil der vorliegenden kleinen Studie Enthaltenen
verständlich.
Doch
bevor wir uns an diese schwierige Aufgabe machen, sei hier im Vorwort folgendes
unterstrichen: Eingestandenermaßen fällt es uns schwer auszusagen,
was im Zusammenhang mit der heiligen Sache der Einheit der Herde Christi unser Herz
bedrückt. Wir bitten die Brüder um Verzeihung, die vielleicht durch
unsere bescheidenen Gedanken gekränkt werden. Wir versichern diesen
Brüdern, daß wir so geschrieben haben, weil wir die Einheit
überaus geliebt und an ihrem Fehlen gelitten haben. Bei Abfassung dieser
Schrift befallen uns "Furcht und Schrecken" (1 Kor 2,3), daß
wir uns vielleicht "unbewährt im Glauben" (2 Tim 3,8) erweisen
und unser "Wandel in Christus als nicht gut" befunden wird (1Petr
3,16), weil wir bei diesem Unterfangen nicht genügend bemüht sind,
nach der Ermahnung des Apostels Petrus zu handeln: "Seid vielmehr in eurem
ganzen Wandel heilig, es steht ja geschrieben: Seid heilig, weil ich heilig
bin" (1 Petr 1,15-16).
Das
Konzilsdekret "De Oecumenismo", das von Papst Pau1 VI. am 21.
November 1964 verkündet wurde, ist die Komponente der Tendenzen, die
innerhalb der beiden letzten Jahrzehnte in dem wahrhaft weiten Schoß der
römisch-katholischen Kirche in Zusammenhang mit dem Problem der
Einheit<1> der Kirchen vorherrschten. Vorkämpfer und
Wegbereiter der Abfassung dieses Konzilsdokuments, denen der Vatikan noch
wenige Jahre vor der Einberufung des Zweiten Vatikanums die kirchliche Lehr-
und Publikationserlaubnis entzogen hatte, hätten in dem Dekret gerne
ermutigendere Ansätze gesehen. Derselben Meinung war eine große Zahl
von Bischöfen auf dem Konzil. Aber eine andere Gruppe von Bischöfen
hielt das vorliegende Dokument für liberal in gefährlichem
Ausmaß, weil ihre Kirche darin -so argumentierten sie- das "mea
culpa" spreche und den anderen Kirchen entgegenkomme. Die römische
Kirche hat in dieser Notlage, die gegensätzlichen Strömungen in ihrem
lebendigen Schoß zu bewältigen, wieder einmal ihr Talent bewiesen,
zu vermitteln und ihre Zuflucht zum Gemeinsamen beider Richtungen und zu einem
Mittelweg zu nehmen.
Wir
wollen hier nicht zum Kritiker dieser Tendenz und Neigung der
römisch-katholischen Kirche werden. Was immer aber auch ein Orthodoxer am
Ökumenismus- dekret zu bemängeln hat, beharren wir doch darauf,
daß es sich um ein einsichtsvolles Dokument handelt, um so mehr, als es
sich an die Glieder der römisch- katholischen Kirche richtet, von denen
heute viele, sei es aus konservativer Einstellung, sei es aus dem Drängen
nach größerer Freiheit, in Aufruhr geraten sind und sich -im engeren
oder weiteren Sinne spielt keine Rolle- in einander bekämpfende Gruppen
gespalten haben, zu deren verschiedenartigster Befriedung der Vatikan keine
Mühe scheut. Und vielleicht handelt er damit auch richtig, da er genau
weiß, was kirchlicher Liberalismus und in seiner Folge der
Protestantismus, und was Traditionalismus und auf dessen Boden die
altkatholische Kirche für Rom bedeuten.
Nur
dann, wenn wir Orthodoxen das Ökumenismus- dekret im Licht der obigen
Faktoren sehen, werden wir bei all unserem Kummer Verständnis für
verschiedene ernste Merkmale und Tatsachen zeigen, wie z.B., daß
nirgendwo in dem Dokument die heilige, katholische und apostolische orthodoxe
Kirche apostolisch<2> oder orthodox genannt
wird, sondern allgemeine, herabsetzende und unglücklich gewählte
Begriffe wie "orientalische Kirchen"<3> oder
"patriarchale Kirchen"<4> zur Anwendung kommen.
Gleichzeitig freuen wir uns aber über die Vielzahl von Aussagen des Dokuments,
in denen der "Reichtum"<5> der "orientalischen
Kirchen" bejaht, und daß nirgends -zumindest unmittelbar- die alte
einheitsfeindliche Phrase anzutreffen ist: die Mutter Kirche (= Rom)
öffnet ihre Arme, um die Schismatiker aufzunehmen. Viele Konzilsväter
sprachen mit tiefer Aufrichtigkeit ergreifende Ansichten über die
orthodoxe Kirche aus -viel weitgehender als das, was sich im Text des
Ökumenismusdekrets findet- und brachten direkt ihre Unzufriedenheit mit
dem kirchenrechtlichen Charakter des Dokuments zum Ausdruck<6>.
Man
könnte zu Recht sagen, daß die Orthodoxen mit dem ihnen
gegenüber herrschenden Geist vieler Bischöfe und Konzilsteilnehmer
zufriedener sein können als mit dem Ökumenismusdekret als
solchem.
Weiters
haben wir auch darauf hinzuweisen, daß wir Orthodoxen noch nicht in der
Lage sind, wenn wir es auch wünschen, unsrerseits einem positiveren
Beitrag zu entsprechen, zu dem sich jedenfalls die römisch- katholische
Kirche auf ihrem letzten Konzil als unvermögend erwiesen hat.
Allgemein
beurteilt, haben wir aber auch nicht mehr erwartet, denn ein Konzil
bestätigt nur und besiegelt einfach in Form allgemein anerkannter Schemata
die von den Söhnen der das Konzil einberufenden Kirche in den letzten
Jahren aufgestellten Formulierungen. Das genannte Konzil faßte
überdies mit glücklicher Hand einfach zusammen, was von den Theologen
gelehrt und vom römisch-katholischen Volk zur Zeit des Konzils geglaubt
wurde. Eingestandenermaßen stellt diese Zusammenfassung ohne
Übertreibung einen gewaltigen Schritt nach vorne dar, wenn wir ihren
Inhalt zwar nicht an den orthodoxen Erwartungen, wohl aber an dem messen, was
von den offiziellen vatikanischen Kreisen aus römisch-katholischer Sicht
vor dem verewigten Papst Johannes XXÜI. gelehrt, geschrieben und
behauptet wurde.
So liegt
der Wert des Dekrets in letzter Analyse hauptsächlich in der Tatsache,
daß es in fester und klarer Weise die vor Papst Johannes XXÜI. anzutreffende
offizielle Haltung des Vatikan zum Thema der christlichen Einheit
überwunden hat.
Nach
Festlegung dieser grundsätzlichen orthodoxen Sicht von Inhalt und
Bedeutung des Ökumenismus- dekrets gehen wir zu den Gedanken über,
die sich uns bei dessen sorgfältigem Studium aufgedrängt haben.
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