|
2. ZUR
THEOLOGIE DER EINHEIT
a)
Differenzierende Theologie und gespaltener Mensch
Jene
Theologie, die von der Mehrzahl christlicher Theologen seit dem 9. Jahrhundert
geübt wird, wagen wir als differenzierende Theologie zu bezeichnen.
Jahrhundertelang
stand diese beflissen im Dienste de Vervielfältigung der
Differenzen zwischen den Kirchen Legionen von Theologen der römischen und
der orthodoxen katholischen Kirche haben in ihren Werken die Haltung der beiden
altchristlichen Kirchen unter einander so klar und verschiedenartig
differenziert daß sich diese heute fremd, wenn nicht sogar feindlich
gegenüberstehen. Die Kirchengeschichte gibt davon unwiderruflich Zeugnis.
Diese Theologie hat nicht nur die zwischen Ost und West bestehenden
Unterschiede bewußt gemacht, sondern sie auch erheblich vermehrt.
Besonders die Geschichte der Kontroverstheologie ist ein Beleg dafür. Das
soll natürlich nicht bedeuten, daß wir uns der Ansicht
anschließen, nach der die bestehenden Differenzen zwischen den
christlichen Gruppen unerkannt bleiben können. Wenn wir dem Verbleiben in
Irrtum zustimmten, würden wir den Irrtum als solcher bejahen, den wir
jedoch aufzeigen und immer und überall vermeiden müssen. Um nicht im
Irrtum zu leben und uns unbewußt in Irrtümern zu bewegen müssen
wir die Differenzen auf jeden Fall aufzeigen. Wir gestehen ein, daß diese
Aufgabe uns überaus leicht fällt, da sie der inneren Struktur des
Menschen entspricht, der seit Adams Sündenfall ein zutiefst gespaltenes
Wesen zu sein scheint, das unaufhaltsam Trennungen und Spaltungen zuneigt und
imstande ist, die Mücke zu sehen und das Kamel zu
verschludcken<7>; denn die göttliche Vorsehung hat dem Satan
gestattet, den Menschen temporär gefangen zu halten und nach seinem
dämonischen Willen über den Verstand, das Herz und die vitale und
instinktive Kraft des Menschen zu verfügen, mit dem Ergebnis, daß
dieser seiner existentiellen Einheit verlustig ging.
Diese
existentielle Einheit war ein rein dynamischer Zustand, Abbild und Charakter
der Einheit zwischen den drei Personen der Heiligen Dreifaltigkeit. Wie das
Bestehen dieser Einheit ihr Gefäß, d. h. den Menschen, zur Einheit
mit Gott in Gedanken und Werken führt, so stehen bei ihrem Fehlen die
menschlichen Kräfte unter dem einheitszersetzenden spaltenden Einfluß
des Satans, des Fürsten dieser Welt<8>. Diese
Überlegungen bieten die Grundlage zum Verständnis des starken
Strebens im Menschen, das diesen zu ständiger Differenzierung treibt, zur
Unterscheidung und Trennung von allem, und seine materielle und geistige Umwelt
nach Bild und Gleichnis des Menschen ohne Einheit gestaltet und
beeinflußt.
Aber die
Erklärung der Neigung zur Schaffung und Auffindung immer zahlreicherer
Verschiedenheiten und Unterschiede als Ergebnis des Verlustes der
existentiellen Einheit des Menschen ist gleichzeitig keine zureichende
Rechtfertigung und Legalisierung der fortwährenden differenzierenden
Theologie vom 9. Jahrhundert an <9>. Vielmehr bedeutet die
Tatsache, daß die christliche Theologie fortwährend differenziert,
den weitgehenden Verlust ihrer Ausrichtung und zutreffenden Zielsetzung.
|