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b)
Die Theologie als Ausdruck des Lebens in Christus
Die
Existenz vieler und verschiedenartiger Differenzen darf jedoch die
Einheitsbemühungen um keinen Preis aufschieben. Was dabei aber eine
erstrangige Rolle spielt, ist die Methode der Annäherung an die Einheit,
die nach unserer Ansicht nur durch dynamische Überwindung<10>
der Unterschiede, und nicht einfach durch deren Überbrückung zu
erreichen ist, wie von den meisten Theologen bis heute gefordert
wurde.
Bevor
wir zur Diskussion über die Theologie schreiten, die zu einer dynamischen
Überwindung der Differenzen imstande ist, halten wir es für
zweckmäßig, folgendes zu unterstreichen: Häufig gerät die
Tatsache in Vergessenheit, daß die Theologie nicht nur Ausdruck des
Lebens der Kirche, sondern auch selbst Leben der Kirche ist, im selben
Maße wie Liturgie, Diakonie und Verkündigung. Daher werden wir im
folgenden unter Theologie eine der Formen des Lebens der Kirche verstehen,
deren Gründer und Haupt Christus ist, "in dessen Namen" der
Vater "den Beistand, den Heiligen Geist" ( Jo 14,26) sendet, um die
Kirche zu bewahren und zu mehren, zu deren Leben auch die Theologie
gehört. Der Theologe hat die Pflicht, ein "heiliger und weiser
Mann"<11> zu sein, seine Theologie hingegen ist
"geistliche Wissenschaft" in weiterem Sinne und "wie das
Priestertum eine theologische Diakonie"<12>, um an dieser
Stelle weise und heilige Worte eines orthodoxen Bischofs in Erinnerung zu
rufen. In diesen Begriff der Theologie beziehen wir alle ihre Stadien
ein.
Damit
eine Theologie der obigen Anforderung, Leben der Kirche zu sein, gerecht wird,
hat sie den besonderen Problemen jeder Epoche zu antworten und sich in den
jeweiligen Theologen als Geschenk des Heiligen Geistes zu entfalten, der von
einer bestimmten Sprache und geistigen Veranlagung Gebrauch macht. Die
Geschichte der Theologie vor dem 10. Jahrhundert beweist, wie begründet
das oben über die Theologie Gesagte ist. Die Höhepunkte der
Theologie, wie die Lehre und die Auseinandersetzungen über das
Verhältnis der drei Personen in der Heiligen Dreifaltigkeit (=
Triadologie), über die Person des Erlösers Christus ( = Christologie)
und über den Heiligen Geist (= Pneumatologie) lassen sich nur als Versuch
einer Antwort auf die drängenden und konkreten Probleme einer bestimmten
Zeit erklären. Da aber die Antworten, die diesen Fragen von den
Kirchenvätern erteilt wurden, göttlich inspiriert waren, verblieben sie
der Kirche als unveränderliche Regel geistlicher Erfahrung, die für
dieselben Probleme immer gültig bleibt und Licht auf die Bewältigung
neuer Fragen wirft. Parallel dazu setzt auch die nach schweren
Auseinandersetzungen erfolgte Annahme der Beschlüsse der Allgemeinen Konzilien
durch die Mehrheit der Ortskirchen die Erleuchtung des Heiligen Geistes bei der
Entstehung und Ausprägung dieser Theologie voraus. Die Väter und
Theologen<13> der sieben Allgemeinen Konzilien waren Zungen
Gottes, die aus der Erfahrung ihres Lebens in Christus sprachen. Ihre Theologie
war eine Fortsetzung des Evangeliums, eine Fortsetzung der Prophetie.
Dieser
prophetische Charakter garantierte die Einheit ihrer Standpunkte und Lehren,
die Ausdruds des Lebens in dem "neuen" Menschen Christus waren, das
in seinem Wesen in jedem bewußten Glied der Kirche ein und dasselbe ist.
Aber die wesentliche Einheit dieser prophetischen Darlegung des Lebens in
Christus schließt keineswegs Verschiedenheit der Formen aus, da die
Menschen, die ihr als Werkzeuge dienen, über verschiedene Mentalität
und einen unterschiedlichen Vollkommenheitsgrad verfügen. Die
Verschiedenheit der menschlichen Charaktere und der unterschiedliche
Vollkommenheitsgrad, die beide wie alles der absoluten Einheit Zuwiderlaufende
auf die Sünde Adams und den aus dieser resultierenden tiefen und
weitreichenden Einfluß des Satans zurückzuführen sind, bilden
das Drama der Kirche, deren Glieder nicht immer zwischen Wesen und Form zu
unterscheiden verstehen, mit der Folge, daß sie formale Gesichtspunkte
für wesentlich halten (der Fehler des Traditionalismus) oder die zentrale
Wesenheit relativieren (der Fehltritt des Reformismus).
Der
theologische Ausdruck des "Lebens in Christus", wie wir der
Kürze halber den Zustand des "Nicht mehr ich lebe, sondern Christus
lebt in mir"<14> ckarakterisiert haben, stellt aus
verschiedenen Gründen ein überaus schwieriges Unterfangen dar, unter
anderem wegen des gleichzeitigen Anspruches vieler theologischer Systeme, als
einzig authentische Interpretation des Lebens in Christus anerkannt zu werden.
Was also von den Allgemeinen Konzilien festgesetzt und vom Volk der einen,
heiligen, katholischen und apostolischen Kirche geglaubt wurde, kam aus der
feurigen Esse gegenteiliger Anschauungen und Lehren, die von der Kirche
schließlich in der Kraft des Heiligen Geistes als irrig aufgezeigt,
abgelehnt und verurteilt wurden.
Was die
Verurteilung der Irrlehren, die von Zeit zu Zeit im Schoß der Kirche
auftreten, betrifft, ind wir zur Feststellung verpflichtet, daß das
Fehlen oder die Seltenheit dieses Verfahrens das Fehlen echten kirchlichen
Lebens aufzeigt. Die Kirche von heute verurteilt nicht oder wenig. Warum? Ist
sie etwa nicht mehr im Bewußtsein ihrer Authentizität, gibt es in
ihrem Schoß keine verurteilungswürdigen Lehren mehr, oder fehlt es
ihr an Theologie für all dieses? Die Realität läßt diese
Fragen leider nur allzu berechtigt erscheinen.
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