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Gibt es eine überbrückende Theologie und vorurteilsf reie
Forschung?
Nach
diesem Einschub über die Theologie als Ausdruck des Lebens in Christus
kommen wir auf die Problematik des Theologen in der Kirche zurück, der
sich mit dem Wunsch des Hohenpriesters Christus, "daß alle eins
seien", konfrontiert sieht. Wir haben schon gesagt, daß es dazu keiner
Theologie bedarf, die die bestehenden Gegensätze
"überbrückt", sondern diese dynamisch
"überwindet". Eine überbrückende Theologie, von der
die zuwiderlaufenden Ansichten harmonisiert werden, wagen wir in letzter
Analyse als inexistent zu bezeichnen. Freilich können in verschiedenen
Fällen der Erforschung und Überprüfung einer historischen Frage
Theologen verschiedener Kirchen zu einer Übereinkunft gelangen, die
zweitrangige historische Fakten, aber nie Bekenntnisprobleme berühren
wird. Wenn ein historisches Phänomen auf beliebige Weise mit der
Konfessionsfrage verbunden ist, dann wird der mit seiner Interpretation
Beschäftigte dieses aus dem Blickwinkel seiner Konfession zu erklären
suchen. Und das wird um so mehr der Fall sein, als es für jeden beliebigen
Forscher überaus schwierig ist, sich über sich selbst und seine
Umgebung zur Anwendung objektiver - wenn es sie gibt! - Forschungskriterien zu
erheben, und zweitens jeder Forscher, der sich zu einer Kirche bekennt, dieser
treu bleiben will, und bei jeder seiner Untersuchungen deren Bekenntnisinhalt
voraussetzt. Der Glaubensinhalt eines jeden gläubigen Forschers ist
für diesen höchstes Kriterium, durch das er die Tatsachen sieht und
interpretiert, aus denen sich die Geschichte seiner Konfession zusammensetzt,
die für ihn die "Eine", "Heilige" und
"Apostolische" ist. Für den gläubigen Forscher einer Kirche
fällt überhaupt deren Geschichte in vielem mit der Geschichte des
Wirkens des Heiligen Geistes in der Gesamtkirche zusammen. Von da her wird
verständlich, wie schwierig es für den Gläubigen ist, das Wirken
des Heiligen Geistes unter seiner Kirche fremden Voraussetzungen entsprechend
zu deuten, mag er sich auch klar der Fehler bewußt sein, in die seine
Kirche verfiel oder verfallen sein könnte.
Um so mehr
verlangt auch die Kirche als Konfession<15> - und sie muß
es verlangen - von seiten der Forscher, die ihr angehören, getreue Wahrung
ihrer eigenen Voraussetzungen, die Faktoren der einzelnen Stationen ihrer
Geschichte waren, und zu deren Neuwertung die Gläubigen jeweils gerufen
sind. Wenn diese konfessionellen Voraussetzungen nicht beachtet werden, dann
"wird der letzte Irrtum schlimmer als der erste
sein"<16>, denn das wäre mit dem Versuch
vorurteilsfreier Betrachtung einer Geschichte gleichzusetzen, die nicht
"Geschichte", sondern "Heilsgeschichte" ist, die Gott Vater
als Schöpfer, Christus als Erlöser des Menschengeschlechts und den
Heiligen Geist als den Wahrer und Mehrer der Kirche voraussetzt.
Voraussetzungslose
Forschung im Raum der heiligen Geschichte - und in weiterem Sinne ist alle
Geschichte heilig für jene, die anerkennen, daß die Welt von einem
persönlichen Gott erschaffen wurde, der sich in den Propheten und durch
den um der Erlösung aller willen fleischgewordenen Retter Christus
geoffenbart hat - können in letzter Analyse nur der Kirche nicht
bewußt angehörende Historiker und Philosophen betreiben, deren
Ergebnisse jedoch - wie wir nur zu gut wissen - dem Geist der Offenbarung
zutiefst fremd sind. Und das deshalb, weil die Forscher "draußen vor
der Tür" nicht imstande sind und sich weigern, das Wirken des
Heiligen Geistes in der Geschichte anzuerkennen. Wenn wir als Glieder der
Kirche eine Fülle von Ereignissen als Ergebnisse des Eingreifens des Heiligen
Geistes auffassen, und zwar sowohl in die Ordnung der Welt wie der
Natur<17>, so werden die Außenstehenden, wie wir annehmen
müssen, diese Tatsachen entweder fehlinterpretieren, ableugnen oder
für einen Mythos halten, da sie nicht an den Heiligen Geist glauben. In
dieser Weise ist aber wesentlich die "vorurteilsfreie" Forschung
beschaffen. Wir könnten auch ins Treffen führen, daß selbst
diese Vorurteilslosigkeit ganz und gar nicht voraussetzungslos ist, da es
keinen Forscher gibt, der ohne bestimmte Orientierung wäre. Ein Forscher,
mag er auch nicht Christ sein, wird eben einer anderen Religion oder
Weltanschauung angehören, die nichts anderes als Religionsersatz ist.
Folglich stellen die Forderungen nach objektiver Erklärung und Betrachtung
der Geschichte in der Tat eine Utopie ersten Ranges und nichts anderes als
einen Glaubensartikel der wissenschaftlichen Religion des Historismus dar, der
die Theologie ernsthaft bedroht. Was der Historismus Objektivität der
Untersuchung nennt, muß von der Kirche durch den Begriff Wahrheitserkenntnis
im Licht des Heiligen Geistes ersetzt werden.
In der
Praxis erweist sich die Übung einer historischen Phänomenologie als
unmöglich, und jede Kirche hat ihren mit theologischer und historischer
Forschung beschäftigten Mitgliedern immer und in jeder Beziehung die
Wahrung ihres Bekenntnisgehaltes bei aller Ehrbarkeit der Absichten und
Methoden zu empfehlen. Die Aufforderung einer Kirche zu utopistischer
Objektivität wäre mit der Selbstwiderlegung dieser Kirche
gleichbedeutend, da sie auf diese Weise ihr einziges Vorrecht, alles in
Christus durch den Heiligen Geist werten zu können, leugnen würde.
Diese Wertung ist christusförmig, da der Gesichtswinkel, unter dem die
Glieder der Kirche alles betrachten, christusbezogen ist.
Gegen
eine solche Verurteilung des unerreichbaren Objektivitätsstrebens
können viele Einwände geltend gemacht werden, da für jeden
geistigen Menschen unserer Zeit die Achtung vor der Objektivität einfach
selbstverständlich ist. Wir stemmen uns auch gegen dieses Tabu, da es voraussetzungslose
Forschung beinhaltet und fordert, folglich vom Menschen die Übersteigung
seiner selbst verlangt, was ihm aber mit seinen eigenen Kräften
unmöglich ist. Von dieser Utopie und von der Gefahr einer solchen Utopie
müssen wir gerade den außerhalb der Kirche stehenden Menschen
befreien, und nicht umgekehrt selbst ihre Opfer werden. In einer Zeit, in der
die Kirche unter der Last der äußeren Einflüsse gebeugt ist und
die Verweltlichung ihre Existenz bedroht, ist es vorzuziehen, daß sie
selbst durch Schaffung neuer Begriffe Widerstand leistet, statt die Begriffe
der Gegner einfach zu übernehmen. Angesichts der Gegebenheit, daß
das Werk dieser Erfüllung, zumindest in unseren Tagen, alles andere als
erfolgreich ist, was auf das Unvermögen der theologisierenden Glieder der
Kirche zurückzuführen ist, geben wir im konkreten Fall der alten
Taktik der Kirche den Vorzug, die bei Bedrohung durch eine bestimmte Lehre
heftig gegen diese reagierte und alles ablehnte, was nur irgendwie an diese
erinnerte. War im Gegenteil die Kirche nicht in Gefahr, sondern fühlte
sich stark, waren die betreffende Lehre oder der Zeitgeist jedoch schwach, dann
übernahm sie mit Leichtigkeit die fremden Elemente, denen sie jedoch neuen
Geist in Christus einhauchte.
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