|
d)
Der "Rest" der Theologie
Im
obigen haben wir unterstrichen, soweit das Raum, Zeit und unser Vermögen
erlaubten, daß die zur Aufnahme des Dialogs Bereiten ehrfürchtig die
konfessionellen Voraussetzungen ihrer Kirchen zu wahren haben. Es ist nur die
Folge davon, daß eine eventuelle Überprüfung von Geschichte und
Lehre nicht nur der nach dem 9. Jahrhundert getrennten Kirchen, sondern auch
der einen, Alten Kirche der sieben Allgemeinen Konzilien, keine wesentlichen
Neuklassifizierungen und Vorteile zu bieten vermag, da genau auch in diesem
Stadium die konfessionellen Voraussetzungen ihren Einfluß ausüben
werden, auf deren Basis die Vertreter der Kirchen urteilten und zu ihren
Entschlüssen gelangten. Ein neues Element, das zweitrangige
Neubeurteilungen historischer Fakten verspricht, wird freilich bei einem
zukünftigen gemeinsamen Studium der Vergangenheit die vermehrte Reinheit
der Absichten der die Kirchen vertretenden Forscher darstellen, die bemüht
sein werden, alle Vorurteile und Mißverständnisse auf ein
Mindestmaß zu beschränken.
Aber auf
diese Weise wird auch dem einfachsten Gläubigen verständlich,
daß dabei keine Fortschritte in Richtung der ersehnten Einheit erzielt
werden, sondern daß wir im Gegenteil zum Rückschritt verurteilt
sind, da eine neue Erforschung der Vergangenheit ungeachtet ihrer
eindrucksvollen positiven Ergebnisse ebenso die Gefahr der Entdedsung neuer,
bisher unbekannter Unterschiede in sich birgt, wie wir das schon andernorts
dargelegt haben. Daher muß man die Frage stellen: Ist das besorgte Wort
unseres Herrn, "daß alle eins seien", nichts als ein leeres
Wort? Die Antwort kann nur verneinend ausfallen. Was aber dann? Dann tragen wir
Gläubigen die Schuld. Nachdem der Weg, den wir eingeschlagen haben, nicht
zur Einheit aller geführt hat, müssen wir nach einem neuen Weg, einer
neuen Theologie Ausschau halten. Konkret gesagt: nach einer neuen
Methode.
Die
Behauptung, daß die Theologie nicht den richtigen Weg eingeschlagen hat,
daß sie nicht die ihr gemäße Methode gefunden hat, leugnet
nicht die Existenz rechter und im allgemeineren Sinne rechtgläubiger
Theologie, obwohl gleichzeitig die Mehrheit der Theologen die obige Behauptung
rechtfertigt. Würden wir das vollständige Fehlen rechtgläubiger,
das heißt dieses Namens würdiger Theologie behaupten, gerieten wir
in Gefahr, das Wirken des Heiligen Geistes in der Kirche zu leugnen, da diese
doch vom Heiligen Geist erhalten und geführt wird. Das um so mehr, als das
Leben der Kirche nirgends als Ergebnis einer erworbenen Lebendigkeit verständlich
wird. Jedenfalls, da die Kirche immer existieren wird ("die Pforten der
Hölle werden sie nicht überwältigen")<18>,
verfügt sie sicherlich auch über treue, erprobte Glieder. So wenige
sie auch sein mögen, stellen sie den verbleibenden auserwählten Rest
und den "kleinen Sauerteig" dar, der verpflichtet und imstande ist,
den ganzen "Teig"<19> zu durchsäuern, was auch
tatsächlich, wie und wann immer Gott will, eintreten wird.
Die
Geschichte der Kirche ist ein unwiderlegbarer Zeuge dafür. Mehr als einmal
machte die heilige und rettende Arche den Eindruck eines den heftigen Wogen
überlassenen oder untergehenden Schiffes. Als Beispiel diene die Zeit des
Vorherrschens des Arianismus und des Bilderstreites. In diesen langfristigen Prüfungszeiten
der Kirche fanden sich einige, um als auserwählte Gefäße zu
dienen, als Propheten zur Durchsäuerung des gesamten Kirchenvolkes und zur
Verherrlichung der rechten Lehre.
Allerdings
stellen der Arianismus und der Bilderstreit beileibe keine Parallelen zu der in
vielem nicht rechtgeratenen Theologie der Gegenwart dar. Wir müssen jedoch
eingestehen, daß aus einer nicht rechtgeratenen Theologie Übel aller
Art hervorgehen können. Wenn uns eine schwer zu ertragende Besorgnis
erfaßt hat, so ist diese auf das im Laufe der Zeit erworbene
Bewußtsein der Folgen einer nicht wohlgeratenen und ständig
differenzierenden Theologie zurückzuführen, die wir nach
vorausgegangener Verchristlichung unser selbs zur Verherrlichung der rechten
Lehre zu verchristlichen haben, denn nichts anderes bedeutet Einheit der
Kirchen.
Aber
zurück zum auserwählten Rest der Theologie von dem wir oben
gesprochen haben. Seine Existenz in der Periode nach dem 9. Jahrhundert
erkennen wir nicht nur theoretisch an, sondern finden ihn in bestimmten
Persönlichkeiten wieder, wie im Osten z. B. in Symeon, dem neuen
Theologen, im 11. und in Gregorios Palamas im 14. Jahrhundert, die
-zuallererst Heilige in der Kirche und dann erst Theologen- ein Werk
hervorbrachten, das Ausdruck ihres Lebens in Christus ist.
Ein
bedeutender Teil des Werkes von Palamas unc die Mehrzahl der Schriften Symeons
stellen fürwahr rechtgeratene und somit auch richtungweisende
Theologie dar, die, obgleich sie auf Grund ihrer überwältigenden
Authentizität Sauerteig der späteren scholastizistischen und
unglücklich nur die Vergangenheit konservierenden Theologie hätte
werden können, aber mißverstanden und verachtet oder, wie es
gewöhnlich der Fall war, einfach ignoriert und vergessen wurde, was zur
Folge hatte, daß sie bis heute eine Potenz und ein wertvoller Rest blieb,
aus Gründen, die letztlich nur der Herr kennt.
|