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Auf der Suche nach einer neuen Theologie
Der
Mißerfolg der bisherigen Theologie, alle Christen zur Einheit zu
führen, ist ein dramatisches Faktum da die Sache der Einheit von zentraler
Bedeutung is und das sichere Merkmal unserer Vereinigung mit Christus
darstellt. Je mehr ein jeder von uns in seiner Kirche Christus näherkommt
und diesem verbunden wird, desto mehr verringert sich auch der Abstand zwischen
uns als Gliedern verschiedener Kirchen und wird unsere Verbundenheit enger. Da
das aber gegenwärtig nicht der Fall ist, sind wir zu dem
Eingeständnis verpflichtet, daß es eben unsrerseits an Schritten zur
Vereinigung mit Christus fehlt, eben am Leben in Chri- stus. Jede Kirche -und
vor allem die römisch-katholische und die orthodoxe- ist leicht bereit,
durch ihre theologisierenden Vertreter zu erklären, daß die
Verantwortung für die Spaltung unter den Christen vor allem die anderen Kirchen
treffe, während sie selbst dem Herrn näherstehe. Freilich muß
eine der Kirchen den Vorrang beim Herrn, den Primat der größeren
Liebe zum Herrn besitzen, aber keine von ihnen allen hat bisher den anderen
tätig bewiesen, daß sie den Anspruch auf diesen Vorrang zu Recht
erhebt. Der Anspruch einer Kirche auf den Vorrang in Christus oder den Primat
der Liebe Christi kann nur von der Tatsache bekräftigt werden, daß
diese in Person ihrer Glieder die Forderung des heiligen Paulus: "Denn
Christus ist für mich das Leben, und das Sterben ist Gewinn" (Phil
1,21) mehr als die anderen Kirchen verwirklicht. Diese paulinische
Realität schenkt, wenn sie im Übermaß oder auch nur ausreichend
verwirklicht wird, der Kirche das Leben, das -in Worte gefaßt- die wahre
Theologie ergibt. Eine solche Theologie, die das Maß der eucharistischen
Vereinigung mit Christus und prophetischer Ausdruck seines göttlichen
Willens ist, wird von den Kirchen viel zu wenig gelebt, so daß heute auch
keine von ihnen berechtigt ist, den Primat der Liebe des Herrn und den Primat
der Theologie für sich in Anspruch zu nehmen.
Viel
konstruktiver und einsichtiger als alles andere ist es, wenn die Glieder der
Kirchen in unumgänglicher und starker Askese ihre Gebete und Anstrengungen
vereinen, damit wir mit dem Herrn verbundener sind. Und für die Theologen
der verschiedenen Kirchen wird es besser und heilsamer sein, statt ihre
sinnlosen und vielgestaltigen Primatansprüche zu stellen, sich in dem
Bemühen um die Verwirklichung der einzig wahren Theologie zu vereinen.
Jene Kirche, die aus dem Ringen um eine solche Theologie als erste hervorgeht,
hat allein Anspruch auf einen Primat, der dann auch, und dessen sind wir
gewiß, von allen anerkannt werden wird. Wie steht es aber um diese
Theologie?
Unser
Finger hat den wunden Punkt schon berührt. Die alte traditionelle oder
scholastizierende Theologie hat sich seit dem Mittelalter in der Hauptsache mit
der Vergangenheit beschäftigt und sich sogar dann noch deren Bewahrung
gewidmet, wenn sie zu Zeitfragen Stellung nahm. Die Ergebnisse sind bekannt:
Pedanterie, Erstarrung, Traditionalismus, leblose Wiederholung und einige
wenige Lichtblicke, die aber allgemein unbekannt und unausgenützt
geblieben sind. Wir beziehen uns dabei allerdings nicht auf die protestantische
Theologie, die Beachtliches geleistet hat und in neuester Zeit den sich
regenden antischolastischen und antitraditionalistischen Tendenzen im
Schoße der westlichen Theologie Auftrieb gegeben hat. Diese Tendenzen,
die an und für sich bedeutend und heute auf allen Gebieten der
theologischen Forschung weit verbreitet sind, haben allgemein nur wegweisenden
Charakter, und ihr Beitrag, so nützlich er sich auch erweisen mag,
hört nicht auf, nur negativ zu sein. Diese Bestrebungen stellen
Befreiungsversuche von der in vielem unfruchtbaren alten Theologie dar, haben
sich aber bisher zu keiner klaren und reifen Theologie entwickelt, d. h. sie
sprechen nicht das Leben der Kirche in Christus als Antwort auf ein konkretes
Problem aus.
Zur
Bestätigung dieser schmerzlichen Feststellung diene die persönliche
Agonie des Papstes, aber auch der Bischöfe, der Theologen und sogar der
Gläubigen der römisch-katholischen Kirche, die von der Enzyklika
"Humanae vitae" ausgelöst wurde. Wenn der Bischof von Rom, der
bei weitem nicht nur formal und ehrenamtlich an der Spitze der lateinischen
Kirche steht, nur mit größter Schwierigkeit und knapper Not der
Erregung Herr werden kann, die seine Enzyklika gegen die Geburtenkontrolle
durch Präservativmittel ausgelöst hat, so ist das in der Hauptsache
darauf zurüdizuführen, daß weder der Papst selbst und seine
Umgebung noch die gegen die Enzyklika opponierende Mehrheit der
römisch-katholischen Kreise noch auch die mit dem Inhalt der Enzyklika
Einverstandenen eine klare, reife und echte theologische Lehre der Kirche
Christi vom "neuen" Menschen in Christus voraussetzen. Das Fehlen
einer solchen Theologie des "neuen" Menschen hat die Erregung
hervorgerufen, zu der -und das wollen wir nicht übersehen- auch wir
Orthodoxen und die Protestanten, so wie die Dinge jetzt liegen, nichts anderes
als unsere eigene analoge Verwirrung hinzufügen können. Wenn wir eine
derartige reife und echte Theologie des "neuen" Menschen aufzuweisen
hätten, wäre diese von den römisch-katholischen Brüdern
sehr wohl bemerkt und mit einigen Abänderungen übernommen und
vertreten worden. Aber wie soll man von dem nehmen, der selbst nichts hat? Was
ist das Ergebnis? Einerseits beharrt der Papst auf seinem Standpunkt, ohne aber
wesentlich überzeugen zu können, weshalb er in anderen Angelegenheiten
unverständliche Nachgiebigkeit zeigt, andrerseits setzt die Mehrheit der
Katholiken den Widerstand unter Berufung auf vorwiegend soziologische,
psychologische und philosophische Kriterien fort, da es ihr an zureichenden
theologischen Argumen- ten fehlt.
Um jedes
Mißverständnis auszuschließen, möchten wir feststellen,
daß wir mit der Diagnose des Fehlens einer Theologie des
"neuen" Menschen nicht behaupten, daß im Evangelium, bei den
Kirchenvätern und den neueren wie gegenwärtigen Theologen nicht
Anschauungen, Theorien, ja ganze Werke anzutreffen sind, die sich auf den
"neuen" Menschen beziehen. Wir wünschen nur zu unterstreichen,
daß das Problem des Wesens des "neuen" Menschen vom Leib der
Kirche nicht ausreichend studiert und niemals von einem Konzil ad hoc
bewältigt wurde. Diese These wird durch Bezugnahme auf die Epoche der
sieben Allgemeinen Konzilien verständlich. So stützen wir uns z. B.
bei Problemen, die mit den beiden Naturen Christi zusammenhängen, der
göttlichen und der menschlichen, auf die Theologie des IV. Allgemeinen
Konzils von Chalzedon, das nur die richtige Theologie dieses Problems aus den
letzten Jahren vor 451 n. Chr. in dogmatische Begriffe faßte. Es ist
jedoch bekannt, daß schon Jahrhunderte vor der Einberufung dieses Konzils
Ansichten und Meinungen über die beiden Naturen des Herrn
geäußert wurden, die jedoch zu keiner klaren und reifen Theologie
führten, wie sie dann erst der Heilige Geist vor und auf dem IV.
Allgemeinen Konzil von 451 zustandekommen ließ. So fehlt auch bis heute,
mag auch viel Richtiges und Erleuchtetes über den "neuen"
Menschen geschrieben worden sein, die vollständige und klare Theologie
sowie deren Bestätigung durch ein Konzil.
Unsere
Bezugnahme auf den Fall der päpstlichen Enzyklika "Humanae
vitae" war nicht zufällig. Dieser ist besonders bezeichnend und kann
daher zum Ausgangspunkt der Suche nach der rechten Ausrichtung der Theologie
von heute werden.
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