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"Theologie der Überwindung"
Das
erste wesentliche Merkmal der modernen Theologie, die von der Gnade der
Dreifaltigkeit zur Hinführung der Kirchen zur Einheit in Christus berufen
ist, ist -wie schon gesagt- die Verpflichtung, Ausdruck des Lebens in Christus
zu werden. Nur auf diesem Wege kann und darf die Theologie auch das zweite
für unsere Zeit notwendige Merkmal, das Merkmal der
"berwindung", erlangen. Über das erste Merkmal haben wir schon
oben einiges ausgesagt. Vom zweiten soll im folgenden die liede sein.
Der
Begriff "Theologie der Überwindung", mag er auch konventionell
sein, soll einerseits die Wendung der Theologie von der Vergangenheit zur
Gegenwart, andrerseits die dynamische Überwindung der zwischen den Kirchen
bestehenden Differenzen unterstreichen. Die Wendung zur Gegenwart, mag sie der
Vergangenheit auch nicht entfremden und auch nicht ohne eschatologische
Ausrichtung zu verwirklichen sein, wird dennoch von den Nöten der
Gegenwart hervorgerufen und um der Menschen der Gegenwart willen von der Themen
und die Gestalt bestimmt werden, nötig sein. Ohne sie zu akzeptieren,
vermag der Theologe nicht echt zu theologisieren. Das Ergebnis seines Werkes
wird dann entweder Geschichte oder gehaltloses Gerede und unnütze
Mühe sein.
Die
wahre Wendung der Theologie zur Gegenwart wird um so verständlicher und
dringlicher, da in den letzten Jahrzehnten die Notwendigkeit der Einheit
bewußter geworden ist, zu deren Erlangung und beständigem Vollzug
die einzelnen Glieder der Kirchen in ihren Kirchen berufen sind. Die Einheit in
Christus jedoch suchen viele in der Vergangenheit, in der Übereinstimmung
der Theologen über die die eine Kirche differenzierenden und
schließlich spaltenden historisch- theologischen Probleme oder in der
Begegnung auf dem Boden der sieben Allgemeinen Konzilien. Eine derartige
Inangriffnahme des Einheitsauftrages jedoch ist von vornherein utopistisch.
Wenn wir von "Theologie der Überwindung" sprechen, dann eben
wegen des Vorhandenseins dieser Tendenz.
Die
heilige Sache der Einheit ist ein rein dynamisches Faktum, wie die
Heiligkeit selbst, die Vereinigung mit Christus und die Vergöttlichung des
Menschen. Die Glieder der Kirchen werden sich nur dynamisch näherkommen.
Die ersehnte Einheit wird ein Zusammenfinden der Gläubigen bei der
Lösung von Zeitproblemen allgemeiner Bedeutung sein, die unter den unserer
Epoche eigenen Lebensbedingungen sich bemühen, heilig und vollkommen zu
werden und in Christus ihre Rettung und die Vereinigung mit der Heiligen
Dreifaltigkeit zu erlangen. Die Menschen, die seit Jahrhunderten getrennt sind,
kann nur die Gegenwart und niemals die Vergangenheit vereinen. Dieselben
Menschen können jedoch die Vergangenheit überwinden. Eine
solche Überwindung darf natürlich nicht negativ sein, da im Raum der
Religion des Kreuzes und der Auferstehung keine Negation zur Bejahung
führt. Die Kirchen dürfen daher -und sie können es auch nicht-
die Unterschiede zwischen ihnen nicht vergessen, die übrigens sehr
bedeutsam sind.
Das
Vergessen ist anderswo am Platz. Dem Vergessen haben wir die leidenschaftliche
Erbitterung zu überantworten, die wir alle in gleicher Weise hervorgerufen
haben und hinnehmen mußten. Aber weil in der Kirche Christi alles auf das
Leben "in ihm" ankommt, das Kraft ist, folgt daraus, daß
schließlich auch die Tatsache des Vergessens der Bitterkeit dynamisch
überwunden wird, d. h. durch das Einwirken der göttlichen Energie auf
den Menschen, der sich, ohne Anstrengungen zu scheuen, darauf vorbereitet,
Gefäß der Gnade zu werden. Praktisch ausgedrückt, wird die
Tatsache einer solchen Überwindung in unseren Tagen als "Dialog der
Liebe" charakterisiert, als beiderseitiger Ausdruck der Liebe. Im
Zusammenhang damit muß jedoch bemerkt werden, daß häufig der
"Dialog" zwischen den Gliedern der Kirchen als ein in erster Linie
menschliches Unterfangen betrachtet oder etwas Ähnliches angedeutet wird.
Dabei handelt es sich aber um ein Verbrechen gegen die Sache der Einheit, deren
Verwirklichung nicht nur die prophetische und echte Theologie vorausgehen
muß, sondern auch die Liebe, die der Mensch als Geschenk Gottes in den
Sakramenten der Kirche empfängt und ohne die all dies unverständlich
und lächerliche Torheit bleibt.
Die
vorzüglich theologischen Differenzen müssen wir positiv und dynamisch
überwinden. Die positive Überwindung bedeutet entweder Aufhebung
eines Gegensatzes, was nach gemeinsamer Annahme der richtigen Anschauung
über das betreffende Thema oder das Schaffen eines Klimas und eines
Bewußtseins erfolgen kann, demzufolge die zur Frage stehende Differenz
nicht die entscheidende Bedeutung hat, die sie zu einem die Gläubigen differenzierenden
und trennenden Element gemacht hat. Offizielle Aufhebung der Gegensätze
ist der Kirche auf den sieben Allgemeinen Konzilien gelungen, wo die rechte
Lehre durchgesetzt wurde, die in der Regel in den letzten Jahren vor jedem
Konzil tiefschürfende Ausprägung und weite Verbreitung gefunden
hatte. Die ersten neun Jahrhunderte bestätigen andrerseits, daß die
Unterschiede nicht alle von derselben Ordnung sind und vor allem -ungeachtet
ihrer Schärfe- die Einheit der Kirche nur selten erschüttert haben.
Die Einheit der ersten Jahrhunderte war einerseits ein Zustand des
Zusammenfindens der Gläubigen in der erlösenden Kirche oder vielmehr
ihre Begegnung am gemeinsamen Kelch des Lebens Christi, andrerseits aber ein
Zustand der Toleranz der verschiedenen Arten von Annäherung an den
gemeinsamen Kelch und des Ausdruckes der Begegnung in diesem.
Im
zwanzigsten Jahrhundert, auf der Suche nach dieser verlorenen Einheit wie nach
einem anderen verlorenen Paradies, wenden wir uns heimwehtrunken der Einheit
der ersten neun Jahrhunderte zu, da die christliche Erfahrung und die Energie
des Heiligen Geistes keine andere Art von Einheit geoffenbart haben, daß
wir von einer anderen Einheit sprechen könnten. Mit diesen
Überlegungen nahmen wir keineswegs -denn das wäre Blasphemie- das Einwirken
des Heiligen Geistes auf die künftige Art der Einheit voraus, die aus den
Gebeten und der Einkehr unseres Suchens hervorgehen wird. Wir streben jedoch
etwas an, das früher Wirklichkeit war und das wir deswegen zumindest nach
den Gesetzen der formalen Logik und der Phanomenologie kennen. Wenn wir auch
die Einheit durch Christus und im Heiligen Geist als Geschenk von Gott
erwarten, so wird diese doch von uns errungen und ausgedrückt werden, das
heißt, mit unseren konkreten Gefühlszuständen und geistigen
Fähigkeiten innerhalb konkreter kultureller, philosophischer und
metaphysischer Gegebenheiten. Das ist der Grund dafür, daß wir jetzt
von Einheit sprechen und dabei von Vorstellungen ausgehen, die wir aus
Nachrichten über das kirchliche Leben der ersten neun Jahrhunderte
bilden.
Dieses
Verfahren könnten wir vielleicht einerseits als Vertrauen in die bisher in
der Kirche zum Ausdruck gebrachte Erfahrung des Lebens in Christus
charakterisieren, andrerseits als Bereitschaft zur Annahme der neuen
Einwirkungen, d. h. der neuen Offenbarungen des Heiligen Geistes. Das letztere
setzt das erste voraus. Das zweite empfiehlt den Stempel der
"Mehrung" des Leibes der Kirche und ist Merkmal jeder echten
Theologie. Schon befinden wir uns, wie wir meinen, auf der Linie, die von den
großen Vätern und Theologen der Kirche befolgt und gelebt wurde, in
deren Schoß sie Theologie und "Mehrung" ihres Leibes
vollbrachten. Es ist charakteristisch, daß die großen Väter
und Theologen der Alten Kirche sich nicht nur bei jeder Gelegenheit ihres
vollen Vertrauens in die Tradition rühmen, d. h. in die geistliche
Erfahrung der ihnen vorausgegangenen Männer der Kirche, sondern auch der
Entsprechung ihres Glaubens, d. h. ihrer Theologie, mit dem "rechten
Glauben" der Kirche, wie ihn die "Väter" geprägt
haben, d. h. ihre theologischen Vorgänger, die in der Regel Heilige waren,
die von der Kirche als solche bestätigt worden sind. Gleichzeitig aber
leben und formulieren sie die Mehrung des Leibes der Kirche, welche Zunahme in
der Theologie erstens als Formulierung neu geoffenbarter Wahrheiten, die immer
als Fortsetzung und Entwicklung in der Kette der in der Kirche festgelegten
Wahrheiten zu verstehen sind, kenntlich wird, dann aber auch als Klärung
und Erklärung der verschiedenen Perspektiven des ersten und allumfassenden
Sakraments, des Sakraments der Kirche.
Unsere
häufige Bezugnahme auf das Leben der Alten Kirche, vor allem der geeinten,
ist nicht zufällig; ihr Ziel ist die Aufhellung gewisser Züge des an
sich pneumatologischen Lebens in Christus, die zum Fundament und Gipfel all
unserer Bemühungen als Glieder der Kirchen werden muß, wenn wir
wirklich die Einheit ersehnen und in Christus um sie ringen wollen. Wenn wir
aus dem Geist der Alten Kirche, vor allem der ersten neun Jahrhunderte, leben,
werden wir uns auch ihre trinitarische Erfahrung zu eigen machen.
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