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Stylianos G. Papadopoulos
Beitrag zur Theologie der Einheit

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  • 2. ZUR THEOLOGIE DER EINHEIT
    • f) "Theologie der Überwindung"
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f) "Theologie der Überwindung

Das erste wesentliche Merkmal der modernen Theologie, die von der Gnade der Dreifaltigkeit zur Hinführung der Kirchen zur Einheit in Christus berufen ist, ist -wie schon gesagt- die Verpflichtung, Ausdruck des Lebens in Christus zu werden. Nur auf diesem Wege kann und darf die Theologie auch das zweite für unsere Zeit notwendige Merkmal, das Merkmal der "berwindung", erlangen. Über das erste Merkmal haben wir schon oben einiges ausgesagt. Vom zweiten soll im folgenden die liede sein

Der Begriff "Theologie der Überwindung", mag er auch konventionell sein, soll einerseits die Wendung der Theologie von der Vergangenheit zur Gegenwart, andrerseits die dynamische Überwindung der zwischen den Kirchen bestehenden Differenzen unterstreichen. Die Wendung zur Gegenwart, mag sie der Vergangenheit auch nicht entfremden und auch nicht ohne eschatologische Ausrichtung zu verwirklichen sein, wird dennoch von den Nöten der Gegenwart hervorgerufen und um der Menschen der Gegenwart willen von der Themen und die Gestalt bestimmt werden, nötig sein. Ohne sie zu akzeptieren, vermag der Theologe nicht echt zu theologisieren. Das Ergebnis seines Werkes wird dann entweder Geschichte oder gehaltloses Gerede und unnütze Mühe sein

Die wahre Wendung der Theologie zur Gegenwart wird um so verständlicher und dringlicher, da in den letzten Jahrzehnten die Notwendigkeit der Einheit bewußter geworden ist, zu deren Erlangung und beständigem Vollzug die einzelnen Glieder der Kirchen in ihren Kirchen berufen sind. Die Einheit in Christus jedoch suchen viele in der Vergangenheit, in der Übereinstimmung der Theologen über die die eine Kirche differenzierenden und schließlich spaltenden historisch- theologischen Probleme oder in der Begegnung auf dem Boden der sieben Allgemeinen Konzilien. Eine derartige Inangriffnahme des Einheitsauftrages jedoch ist von vornherein utopistisch. Wenn wir von "Theologie der Überwindung" sprechen, dann eben wegen des Vorhandenseins dieser Tendenz

Die heilige Sache der Einheit ist ein rein dynamisches Faktum, wie die Heiligkeit selbst, die Vereinigung mit Christus und die Vergöttlichung des Menschen. Die Glieder der Kirchen werden sich nur dynamisch näherkommen. Die ersehnte Einheit wird ein Zusammenfinden der Gläubigen bei der Lösung von Zeitproblemen allgemeiner Bedeutung sein, die unter den unserer Epoche eigenen Lebensbedingungen sich bemühen, heilig und vollkommen zu werden und in Christus ihre Rettung und die Vereinigung mit der Heiligen Dreifaltigkeit zu erlangen. Die Menschen, die seit Jahrhunderten getrennt sind, kann nur die Gegenwart und niemals die Vergangenheit vereinen. Dieselben Menschen können jedoch die Vergangenheit überwinden. Eine solche Überwindung darf natürlich nicht negativ sein, da im Raum der Religion des Kreuzes und der Auferstehung keine Negation zur Bejahung führt. Die Kirchen dürfen daher -und sie können es auch nicht- die Unterschiede zwischen ihnen nicht vergessen, die übrigens sehr bedeutsam sind. 

Das Vergessen ist anderswo am Platz. Dem Vergessen haben wir die leidenschaftliche Erbitterung zu überantworten, die wir alle in gleicher Weise hervorgerufen haben und hinnehmen mußten. Aber weil in der Kirche Christi alles auf das Leben "in ihm" ankommt, das Kraft ist, folgt daraus, daß schließlich auch die Tatsache des Vergessens der Bitterkeit dynamisch überwunden wird, d. h. durch das Einwirken der göttlichen Energie auf den Menschen, der sich, ohne Anstrengungen zu scheuen, darauf vorbereitet, Gefäß der Gnade zu werden. Praktisch ausgedrückt, wird die Tatsache einer solchen Überwindung in unseren Tagen als "Dialog der Liebe" charakterisiert, als beiderseitiger Ausdruck der Liebe. Im Zusammenhang damit muß jedoch bemerkt werden, daß häufig der "Dialog" zwischen den Gliedern der Kirchen als ein in erster Linie menschliches Unterfangen betrachtet oder etwas Ähnliches angedeutet wird. Dabei handelt es sich aber um ein Verbrechen gegen die Sache der Einheit, deren Verwirklichung nicht nur die prophetische und echte Theologie vorausgehen muß, sondern auch die Liebe, die der Mensch als Geschenk Gottes in den Sakramenten der Kirche empfängt und ohne die all dies unverständlich und lächerliche Torheit bleibt

Die vorzüglich theologischen Differenzen müssen wir positiv und dynamisch überwinden. Die positive Überwindung bedeutet entweder Aufhebung eines Gegensatzes, was nach gemeinsamer Annahme der richtigen Anschauung über das betreffende Thema oder das Schaffen eines Klimas und eines Bewußtseins erfolgen kann, demzufolge die zur Frage stehende Differenz nicht die entscheidende Bedeutung hat, die sie zu einem die Gläubigen differenzierenden und trennenden Element gemacht hat. Offizielle Aufhebung der Gegensätze ist der Kirche auf den sieben Allgemeinen Konzilien gelungen, wo die rechte Lehre durchgesetzt wurde, die in der Regel in den letzten Jahren vor jedem Konzil tiefschürfende Ausprägung und weite Verbreitung gefunden hatte. Die ersten neun Jahrhunderte bestätigen andrerseits, daß die Unterschiede nicht alle von derselben Ordnung sind und vor allem -ungeachtet ihrer Schärfe- die Einheit der Kirche nur selten erschüttert haben. Die Einheit der ersten Jahrhunderte war einerseits ein Zustand des Zusammenfindens der Gläubigen in der erlösenden Kirche oder vielmehr ihre Begegnung am gemeinsamen Kelch des Lebens Christi, andrerseits aber ein Zustand der Toleranz der verschiedenen Arten von Annäherung an den gemeinsamen Kelch und des Ausdruckes der Begegnung in diesem. 

Im zwanzigsten Jahrhundert, auf der Suche nach dieser verlorenen Einheit wie nach einem anderen verlorenen Paradies, wenden wir uns heimwehtrunken der Einheit der ersten neun Jahrhunderte zu, da die christliche Erfahrung und die Energie des Heiligen Geistes keine andere Art von Einheit geoffenbart haben, daß wir von einer anderen Einheit sprechen könnten. Mit diesen Überlegungen nahmen wir keineswegs -denn das wäre Blasphemie- das Einwirken des Heiligen Geistes auf die künftige Art der Einheit voraus, die aus den Gebeten und der Einkehr unseres Suchens hervorgehen wird. Wir streben jedoch etwas an, das früher Wirklichkeit war und das wir deswegen zumindest nach den Gesetzen der formalen Logik und der Phanomenologie kennen. Wenn wir auch die Einheit durch Christus und im Heiligen Geist als Geschenk von Gott erwarten, so wird diese doch von uns errungen und ausgedrückt werden, das heißt, mit unseren konkreten Gefühlszuständen und geistigen Fähigkeiten innerhalb konkreter kultureller, philosophischer und metaphysischer Gegebenheiten. Das ist der Grund dafür, daß wir jetzt von Einheit sprechen und dabei von Vorstellungen ausgehen, die wir aus Nachrichten über das kirchliche Leben der ersten neun Jahrhunderte bilden

Dieses Verfahren könnten wir vielleicht einerseits als Vertrauen in die bisher in der Kirche zum Ausdruck gebrachte Erfahrung des Lebens in Christus charakterisieren, andrerseits als Bereitschaft zur Annahme der neuen Einwirkungen, d. h. der neuen Offenbarungen des Heiligen Geistes. Das letztere setzt das erste voraus. Das zweite empfiehlt den Stempel der "Mehrung" des Leibes der Kirche und ist Merkmal jeder echten Theologie. Schon befinden wir uns, wie wir meinen, auf der Linie, die von den großen Vätern und Theologen der Kirche befolgt und gelebt wurde, in deren Schoß sie Theologie und "Mehrung" ihres Leibes vollbrachten. Es ist charakteristisch, daß die großen Väter und Theologen der Alten Kirche sich nicht nur bei jeder Gelegenheit ihres vollen Vertrauens in die Tradition rühmen, d. h. in die geistliche Erfahrung der ihnen vorausgegangenen Männer der Kirche, sondern auch der Entsprechung ihres Glaubens, d. h. ihrer Theologie, mit dem "rechten Glauben" der Kirche, wie ihn die "Väter" geprägt haben, d. h. ihre theologischen Vorgänger, die in der Regel Heilige waren, die von der Kirche als solche bestätigt worden sind. Gleichzeitig aber leben und formulieren sie die Mehrung des Leibes der Kirche, welche Zunahme in der Theologie erstens als Formulierung neu geoffenbarter Wahrheiten, die immer als Fortsetzung und Entwicklung in der Kette der in der Kirche festgelegten Wahrheiten zu verstehen sind, kenntlich wird, dann aber auch als Klärung und Erklärung der verschiedenen Perspektiven des ersten und allumfassenden Sakraments, des Sakraments der Kirche

Unsere häufige Bezugnahme auf das Leben der Alten Kirche, vor allem der geeinten, ist nicht zufällig; ihr Ziel ist die Aufhellung gewisser Züge des an sich pneumatologischen Lebens in Christus, die zum Fundament und Gipfel all unserer Bemühungen als Glieder der Kirchen werden muß, wenn wir wirklich die Einheit ersehnen und in Christus um sie ringen wollen. Wenn wir aus dem Geist der Alten Kirche, vor allem der ersten neun Jahrhunderte, leben, werden wir uns auch ihre trinitarische Erfahrung zu eigen machen.  

 




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