|
g) In
Richtung einer Theanthropologie
Es ist
jedoch an der Zeit, zum Thema der Theologie der Überwindung
zurückzukehren, die uns vorrangig interessiert. Damit die Diskussion aber
klarer und praktischer<20> wird, gehen wir auf ein altes, doch
immer noch modernes Problem ein, die Frage des Primates des Bischofs von Rom,
der -gleichgültig, ob positiv oder negativ- für die Glieder der Kirchen
eine Gewissensfrage darstellt. Die Neuüberprüfung dieses Problems von
seiten einiger Glieder der Kirche in den letzten Jahren hat gezeigt, daß
die Theologen mit anderen Worten die alten Argumente ihrer Vorgänger zu
diesem Thema wiederholen; wenn sie aber ein neues, und sei es ein noch so
unwesentliches Element hinzufügen, so beeinflußt dieses die
Einstellung und Bereitschaft derer, die anderer Meinung sind, überhaupt
nicht oder kaum. Dieses Phänomen läßt sich seit Jahrhunderten
beobachten, und zwar nicht nur in bezug auf das Primatsproblem, sondern auch
auf fast alle übrigen die Kirchen unterscheidenden und trennenden
Probleme.
Zu
diesem Sachverhalt wagen wir die folgenden Gedanken auszusprechen:
Wie die
Theologen der Kirchen durch Jahrhunderte keine gemeinsame Auffassung von den
Unterschieden erzielten, so können wir auch sagen, daß wir in
Zukunft keine Abstimmung der beiderseitigen Standpunkte erreichen werden, wenn
wir diese Art ihrer Bewältigung beibehalten. Was ist also zu tun, da wir
am Wunsch des Herrn, "daß alle eins seien", nicht vorbeigehen
können?
Der
bestehende, wie auch immer geartete alte Gegensatz kann durch eine neue
Theologie überwunden werden<21>, die neben ihrem Hauptziel
der Lösung der vornehmlichen Gegenwartsprobleme auch die der Vergangenheit
aufhellen müßte. Freilich wird das nur der Fall sein, wenn die
genannte Theologie nicht den Standpunkt irgendeiner Theologengruppe
repräsentiert, sondern lebendiges Fundament des Volkes der Kirchen ist.
Das heißt, wir sprechen von der Theologie eines bestimmten Themas, die
-vielleicht nur von wenigen oder einem einzigen vertreten- als die rechte Lehre
von den theologisierenden Gliedern fürs erste (und später von den
einfacheren Gläubigen) der heute getrennten Kirchen angenommen wird. Dieses
Verfahren, das bis zum neunten Jahrhundert eingehalten wurde, kann heute in
gewissen Punkten mit Hilfe der inzwischen erworbenen pneumatologischen
Erfahrung verbessert werden. Auch die in unseren Tagen erleichterte Begegnung
stellt einen zwar äußerlichen, aber positiven Faktor für den
Austausch geistlicher Erfahrung und die Begründung einer gemeinsamen
Theologie dar.
Die
Theologen der getrennten Kirchen müssen, können und sollten demnach
nicht zur Überprüfung der alten Gegensätze zusammenkommen, sondern
zur Suche nach dem Willen Gottes den Problemen gegenüber, die heute das
Herz der Gläubigen bedrücken. Die Verwirklichung dieser Suche unter
beständigem Gebet, in aufrichtiger Demut, bei häufigem Fasten und
ununterbrochener Betrachtung ist theologisches Werk, das in Christus vom
Heiligen Geist vollbracht wird. Abschluß und Krönung dieses
theologischen Werkes ist die knappe Darlegung der rechten Lehre zu einem
konkreten Thema, die vom Allgemeinen Konzil als dogmatische Formel bestätigt
wird.
Diese allgemeinen
Gedanken wollen wir nun mit der laufenden kirchlichen und theologischen
Wirklichkeit in Verbindung bringen. Die Kirche und die Kirchen haben heute eine
schmerzvolle Krise durchzumachen. Dieses Phänomen gab es unserer Meinung
nach auch früher schon, nicht nur heute. Seit der Mensch der Neuzeit
einigen ungeistlichen Vorbehalten der Kirche zum Trotz beschloß, sich
seinen eigenen geistigen Horizont zu schaffen, der sich wesentlich von jenem
der Kirche unterschied, befindet sich diese in ständiger innerer Krise.
Die nach Autonomie strebende Welt trägt der ausgebrochenen Krise
gegenüber nur die Verantwortung für den Anlaß, während die
Schuld für die Ursache der Leib der Kirche zur Gänze trägt. Der
erste und letzte Grund für die Hauptverantwortung der Kirche an der Krise
findet sich in ihrem Unvermögen zur Beantwortung der anthropologischen
Probleme ihrer eigenen Glieder, die aus Enttäuschung über gewisse
kirchliche Übertreibungen nach Selbstbestimmung verlangen und die
kirchliche Autorität zurückweisen.
Als
Theologen der Kirchen müssen wir eingestehen, daß wir keine klare,
reife und soweit als möglich vollständige Theologie des neuen
Menschen in Christus geschaffen haben. Was ist der "neue" Mensch? Wie
wird er erkannt, wie ist er beschaffen? Das sind einige Fragen, die für
die Notwendigkeit einer konkreten diesbezüglichen Theologie sprechen, wie
auch die alte Kirche analog zum gegebenen Anlaß ihre Theologie von der
Dreifaltigkeit, den beiden Naturen und Willen Christi und über die Ikonen
entfaltet hat.
Die
Lehre und Theologie vom "neuen Menschen" in Christus könnten wir
als Theanthropologie bezeichnen und nicht einfach als Anthropologie, da der
"neue" Mensch, von dem die Rede ist, nicht "natürlich"
im geläufigen Sinne, wie der erbsündige Mensch der Christusferne,
sondern durch Taufe, Firmung und heilige Eucharistie mit der Heiligen
Dreifaltigkeit vereint ist. Dabei handelt es sich um eine reale Vereinigung, da
sie Leben und nicht nur eine Idee ist. Daß ein Mensch mit Gott in
Christus durch den Heiligen Geist vereint ist, bedeutet, daß dieser
Mensch Träger der ungeschaffenen Energien des unzugänglichen und
unsagbaren Wesens Gottes geworden ist. Der in Christus lebende Mensch ist als
Träger der unerschaffenen göttlichen Energien nicht länger ein
Sein, das ein System philosophischer Kategorien allein erforschen könnte,
denn dieser Mensch, mag er auch gewöhnliches Fleisch tragen und mag in
seinen Adern auch natürliches Bluf pulsieren, lebt dennoch ein anderes
Leben, das die gegenwärtige Welt, deren Philosophie immanent in und
für diese Welt bleibt, in ihrer Unkenntnis nur angreifen kann. Dieses von
den Gläubigen in schwerem Mühen mit göttlicher Gnade erworbene
Leben bedeutet eine elementare Verwandlung des Menschen in ein göttliches
Sein, wobei er freilich nicht aufhört, menschliches Wesen zu sein. Als
göttliches Sein kann dem Menschen nur eine Theanthropologie gerecht werden
und niemals Anthropologie allein.
|