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Theanthropologie und Einheit
Das
Betreiben der Theanthropologie setzt als goldenen Grundstein den Gottmenschen
Christus voraus, den Gott, der Mensch geworden ist, "um uns zu
vergöttlichen"<22>, damit wir gnadenvoll in Christus
"erneuert" und als Träger der ungeschaffenen Energien Gottes mit
ihm vereint leben. Die Alte Kirche hat sich zum Gottmenschen Christus und zu
allen diesbezüglichen Problemen des langen und breiten
geäußert, was wir allgemein mit dem Sammelbegriff Christologie
zusammenfassen. Aber während im Schoß der Kirche -wie es auch zu
erwarten war- die Gottmenschheit Christi betont und ausführlich dargelegt
wurde<23>, hat sich die Kirche noch nicht theologisch verbindlich
zu dem durch Christus "neuen" Menschen geäußert. Es ist
zwar bekannt, daß Glieder der alten wie der getrennten Kirchen wiederholt
und häufig zum Thema des Menschen das Wort ergriffen haben und davon
hervorragende Texte in der Ost- und Westkirche erhalten sind. Dennoch
müssen wir eingestehen, daß die Kirche nicht ad hoc über den
"neuen" Menschen theologisch reflektiert hat, wofür das Fehlen
einer anerkannten diesbezüglichen Theologie-Lehrmeinung Beweis ist. Als
Beispiel diene nochmals die große Verwirrung, welche kürzlich die
durch ihre Reaktionen berühmte päpstliche Enzyklika "Humanae
vitae" hervorgerufen hat.
Die
Glieder der römisch-katholischen Kirche widersetzen sich unter
Vorwänden oder offen, aber fast einmütig der von der Enzyklika
vertretenen Lehre des Papstes und seiner unmittelbaren Mitarbeiter, wie man an
der Fülle diesbezüglicher Publikationen leicht ablesen kann.
Gleichzeitig zeichnet sich jedoch ab, daß der Widerstand nicht
theologisch fundiert ist, sondern soziologisch, psychologisch oder
demographisch. Aber auch der Papst hat sich nicht reicher an theologischen
Argumenten erwiesen. Der Vorsteher der römisch-katholischen Kirche konnte
dem Widerspruch nichts Wesentliches entgegensetzen, da die Kirche einfach noch
über keine nennenswerte und schon gar nicht über eine verbindliche
Theanthropologie verfügt.
Die
Tatsache des päpstlichen Abenteuers ist überaus bezeichnend für
die Notwendigkeit der Schaffung einer Theanthropologie im Schoß der
Gesamtkirche. Die bedeutsamen und weltweiten kulturellen, philosophischen,
wissenschaftlichen, politischen und anderweitigen Umwälzungen unserer Zeit
stellen für uns Glieder der Kirche, besonders aber für uns Theologen,
eine dramatische und ultimative Forderung dar, so daß wir unbedingt uns
selbst und allen Gliedern der Kirche theologisch klarmachen und verkünden
müssen, was der "neue" Mensch in Christus ist, damit jedes der
Glieder in einer sich rasch wandelnden und sich von Grund auf umgestaltenden
Welt die richtige und sichere Ausrichtung erhält. Die sich
fortwährend wandelnde und umgestaltende Welt hat auf die Kirche zweifache
Auswirkung: 1. Da die Gesamtheit ihrer Glieder dieser Welt angehört, wirkt
diese Welt auf sie ein. 2. Die außerhalb der Kirche befindlichen Menschen
sind für die Gläubigen das Objekt ihrer Verkündigung.
Im
Unvermögen der Kirche, klar auf den Anruf der Welt zu antworten, mit
anderen Worten im Fehlen einer Theanthropologie, liegt die Krise der
Kirche.
In
welchem Verhältnis steht jedoch diese Krise der Kirche zu der heiligen
Forderung nach Einheit der Kirchen? So gewagt es auch klingen mag, scheuen wir
nicht vor der Feststellung zurück, daß die Aufhebung der Krise die
Ankunft der ersehnten Einheit ankündigen wird. Die Schaffung der
Theanthropologie also bestimmt die Art und den Ort der Begegnung der Glieder
der Kirchen. Diese Begegnung aber ist die einzige wesentliche Kraft, um die
Gegensätze zwischen den Kirchen zu überwinden.
Ein
reales gemeinsames Verständnis und Handeln der Glieder der Kirchen im
Hinblick auf die Probleme, die mit dem "neuen" Menschen
zusammenhängen, wird eine ganze Kette zweitrangiger zeitgenössischer
Probleme beleuchten, aber vor allem alte Gegensätze wie die dornige Frage
des Jurisdiktionsprimats des Bischofs von Rom. Wenn also einmal die Glieder der
Kirche unter dem Licht der ungeschaffenen göttlichen Energien recht und
zureichend Theologie des "neuen" Menschen betreiben werden, dann werden
wir alle, Orthodoxe, römische Katholiken und Protestanten, erkennen,
welchen Sinn und welche Bedeutung das für den "neuen" Menschen
in Christus haben kann, mag er auch Bischof und vor allem römischer
Vorsitzender des christlichen Liebesbundes sein. Die damit zusammenhängenden
Ansprüche werden dann im Licht der Theanthropologie erhellt und betrachtet
werden. Wenn sie zum gemeinsamen Besitz der jetzt getrennten Bruderkirchen und
deren Überzeugung wie offizieller Lehre geworden ist, werden sich ihre Gesetze
rückwirkend allem aufprägen.
Ergebnis
dieses Verfahrens wird einerseits die Uberzeugung von der Existenz einer
Verständigungsmöglichkeit der getrennten Brüder über alle
Probleme, auf der anderen Seite Anstoß zur Verwirklichung der
sakramentalen Einheit zur "Mehrung" des Leibes der Kirche sein.
Nach dem
heiligen Paulus geschieht die "Zunahme des Leibes der Kirche" durch
seine "physiologische" Entfaltung und Entwicklung, in deren Verlauf
der Leib der Kirche -wie der menschliche Organismus, z. B. ein fremdes Herz -
jedes Element zurückweist und abstößt, das sich nicht als
gleichbegründet, gleichartig und wesensgleich mit dem Leib der Kirche
herausstellt, deren Haupt Jesus Christus ist. Dem Leib der Kirche nicht
entsprechende und fremde Elemente sind Häresien und Irrlehren, Schismen
und theologische Differenzen und Streitigkeiten. Nur wenn wir die
Theanthropologie an den ihr gebührenden Platz rücken, das
heißt, sie zum realen Ausdruck und Zeichen der Zunahme des Leibes der
Kirche machen, werden wir ihre gewaltige Bedeutung für die heilige Sache
der Einheit abschätzen können. Der Leib der Kirche Christi ist einer
und nur einer, aber parasitäre Fremdkörper, die mit ihm nicht
organisch und wesentlich vereint sind, haben die heute am Leib der Kirche festzustellende
betrübliche Disharmonie hervorgerufen. Diese Disharmonie ist so weit
verbreitet, daß nur eine kräftige Selbstzunahme und Selbstentfaltung
des Leibes sie zu überwindsn vermag.
Der Leib
der Kirche also wird von diesen Fäulniserregern befreit werden, indem er
sie abwirft und bloßlegt. Ein anderes Verfahren, eine andere
Handlungsweise zur Bereinigung dieser Disharmonie, wie zum Beispiel
Anstrengungen zur Entfernung der Fäulnisherde von außen, bleibt
nicht nur ohne Erfolg, sondern verstärkt noch die Disharmonie und die Unterschiede
und Probleme aus vielen Gründen, deren bedeutsamster das Fehlen
authentischer Kriterien ist, auf deren Basis diese Elemente abgestoßen
und der von ihnen befallene Teil abgetrennt werden könnte.
Man
könnte sogar die gewagte Ansicht vertreten, daß sogar zuerst die
Einheit der Kirchen verwirklicht und dann erst die Ausscheidung dieser
trennenden Elemente erfolgen wird, nachdem der Ausscheidung der
Fremdkörper die Zunahme des Leibes vorangegangen ist. Das wäre jedoch
eine Schematisierung des kirchlichen Lebens, welches sich in Wirklichkeit jedem
Schema entzieht, da es sich um geistliches Leben handelt. Dennoch wohnt auch
diesem Schema eine gewisse Wahrheit inne. Um sich leichter mit seinem
Mitmenschen verständigen zu können, führt der Mensch auch dort
Unterscheidungen ein, wo diese schwer zu erkennen sind. Die Tatsache der
"Mehrung" als Energie geht dem Abstoßen der fremden Elemente
nur begrifflich und konventionell voraus, denn in Wirklichkeit stellen die
Vorgänge in einem Leib eine Einheit dar und müssen auch so betrachtet
werden.
So
erfordert das Fortschreiten der Glieder der Kirchen zur Glaubenseinheit ein im
wesentlichen paralleles Verfahren der Verwerfung der einen oder anderen
falschen Lehre durch die Glieder der Kirche. Zusammenfassend gesagt, werden
gleichzeitig mit der Zunahme des Leibes der Kirche auch dessen Zwiespalte und
Mißverständnisse ausgeschaltet. Je fruchtbarer das Bemühen um
eine Theanthropologie wird, desto mehr werden die alten Differenzen der Kirchen
abgestumpft, bis sie völlig verschwinden oder in andere Ausdrucksweisen
umgewandelt werden, so daß sie nicht mehr als trennende Unterschiede zu
betrachten sind. Welche der beiden Möglichkeiten als Folge der
theanthropologischen Bemühungen eintreten wird, kann nicht gesagt werden,
ehe nicht eine echte Theologie vorliegt, die einerseits ihren Ausgang vom
vollen Vertrauen in den Heiligen Geist nimmt, aus dem sie jederzeit Erleuchtung
zur Einigung und Rettung der Gläubigen empfangen kann, und die andrerseits
mit aller Treue zur Überlieferung akzeptiert, was von der "einen,
heiligen, katholischen und apostolischen Kirche" geglaubt, dogmatisch
formuliert und verkündet wurde.
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