|
a)
"Wiederherstellung" oder Scha ffung der Einheit?
Das
Ökumenismusdekret ist mit seinen Anfangsworten "Unitatis
redintegratio" bekannt. Dem Sinn des zweiten Wortes entsprechen an vielen
Stellen des Textes die Ausdrücke
"restaurandam"<24> und
"instaurationem"<25>, die zusammen mit der "redintegratio",
auf deutsch mit "wiederherstellen/Wiederherstellung" übersetzt
werden<26>. Was die anonymen Verfasser des Dekrets damit betonen
wollen, wenn sie den Begritf "redintegratio" anwenden, ist sicher ihr
brennendes Verlangen nach Wiederherstellung, nach Wiedererstehen der
Einheit unter den Christen, die früher bestanden hatte, jetzt aber den
christlichen Kirchen fehlt.
Die Idee
und der Begriff der "Wiederherstellung" jedoch setzt, so
fürchten wir, eine statische Theologie voraus, die in einer lebendigen und
wachsenden Kirche mit ihrer verlebendigenden göttlichen Gnade keinen Platz
finden kann. Im pneumatischen Leben der Kirche haben und leben wir nichts, was
von einem alten oder sonstwie vorausgegangenen Zustand übernommen worden
wäre. Wenn unser kirchliches Leben, das seinem Wesen nach Realität
und besonders authentische Realität ist, echt orthodox ist, dann ist die
Idee jeder Wiederholung oder Anleihe ausgeschlossen. Das in Christus durch die
Sakramente erfüllte Leben wird im Augenblick des Einwirkens der
göttlichen Energien auf uns geschafFen und geboren und nicht durch
Übernahme einer älteren Lebensform, so geistlich sie auch sein mag.
Wenn die göttliche Gnade in uns nach entsprechender Vorbereitung Leben in
Christus erweckt, aber manchmal ohne entsprechende Vorbereitung aus
menschlicher Sicht, so bedeutet das die Schaffung von etwas Neuem, uns vorher
Unbekanntem. Der Zustand des Lebens in Christus war in den vergangenen
Jahrhunderten Wirklichkeit, doch da dieses in letzter Analyse ein geheimnisvolles
Geschenk Gottes darstellt, welches das begriffliche Fassungsvermögen des
Menschen übersteigt, nützt dieses Leben der Alten in Christus dem
Glied der Kirche von heute nicht wesentlich, wenn dieses nicht selbst von Gott
begnadet ist, die Göttlichkeit dieser Erfahrung anzuerkennen, von der er
in den kirchlichen Büchern liest.
Für
jene, denen Gottes Gnade fehlt, berührt alles über die
natürlichen Grenzen Hinausgehende den Menschen und sein Wesen nicht.
Folglich können der rechte Glauben der Väter und weiter die gesamte
heilige Überlieferung, die wie der Glaube Wirken Gottes im Menschen ist,
nur dann dynamische Gegenwart sein, wenn das Glied der Kirche von heute
Träger der Gnade des rechten Glaubens ist. Mit anderen Worten werden der
rechte Glaube und die Realität der heiligen Überlieferung letztlich
nicht aus irgendeiner menschlichen Schatzkammer oder aus Väterschriften
genommen, sondern sie stammen direkt vom Heiligen Geist. Die
Übereinstimmung zwischen dem rechten Glauben der uns vorausgegangenen
Christen, wie er in den diesbezüglichen Vätertexten vorliegt, und dem
rechten Glauben des Gliedes der Kirche von heute stellt aus menschlicher Sicht
einen starken, wenn nicht den einzigen Beweis dafür dar, daß auch
die heute für recht befundene Lehre in der Tat göttliches Geschenk
und Einwirkung auf den Gläubigen unserer Zeit ist. Die rechte Lehre in der
Tradition erlangt nur für jene Bedeutung, die schon über gottgewirkte
Empfängnisbereitschaft und Aufnahmefähigkeit für die geoffenbarten
Wahrheiten verfügen. Die echten Glieder der einen, heiligen, katholischen
und apostolischen Kirche leben oder sollen zumindest die Vergangenheit in einem
Guß mit der Gegenwart leben. Der Gläubige betrachtet als Gegenwart,
was der außenstehende Historiker als Vergangenheit erforscht, weil der
Gläubige nichts tut, als zu leben, da sich nach dem Evangelisten Johannes
die Liebe Gottes zu uns darin gezeigt hat, daß er seinen eingeborenen
Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn
leben<27>
Leben
aber ist ein rein dynamischer Sachverhalt. Der Beitrag der Vergangenheit zum
Faktum des religiösen Lebens, d. h. zum Leben in Christus, ist eher
morphologisch. Das Leben entlehnt häufig Form und Gewand von der
Vergangenheit, um sich in bestimmter Zeit und Umgebung auszuprägen,
mögen diese äußerlichen Elemente auch mehr als
Anleitungskomponenten denn zur getreuen Nachahmung und Wiederholung
herangezogen werden.
Obiges
gilt auch für die heilige Sache der Einheit, da diese Einheit letztlich ein
Faktum ist, das den brennend nach ihr verlangenden Gläubigen als Geschenk
Gottes gewährt wird. Als göttliches Geschenk ist die Einheit aber
Auszeichnung für die um sie ringenden Kirchen, wie sie auch
Äußerung und Ausdruck ihres regen Lebens in Christus ist, das in der
Brust eines jeden Gliedes der einen, heiligen katholischen und apostolischen
Kirche zu pulsieren hat.
Da sich
die Dinge aber so verhalten, hätten wir von dem an Bischöfen und
Theologen reichen Zweiten Vatikanischen Konzil erwartet, daß es von der Schaffung
der Einheit der Kirchen oder von deren Erweckung in den Herzen der
Gläubigen von heute und nicht von der Wiederherstellung der Einheit
gesprochen hätte. Freilich ist dem Konzil die dynamische theologische
Betrachtungsweise der Einheit nicht verborgen geblieben, doch hat es diese nur
zweitrangig berücksichtigt, obwohl es die Voraussetzung alles
theologischen Denkens und kirchlichen Handelns wäre.
|