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b)
"Renovatio/reformatio" oder "Zunahme des Leibes der
Kirche"?
Im Text
des Ökumenismusdekrets werden die Begriffe "renovatio" und
"reformatio"<28> synonym<29> gebraucht,
da und dort auch das Verb "instauro
(instaurentur)"<30>, um die Notwendigkeit zum Ausdruck zu
bringen, daß die Kirche fortwährender Erneuerung, der Annahme neuer
Formen bedarf, die ihrem Auftrag gemäßer sind, und folglich stetiger
Selbstverbesserung. Das erweist sich als notwendig, da die Kirche zwar ein
Organ göttlicher Stiftung, aber menschlicher Ausdrudssformen unter
bestimmten historischen Gegebenheiten<31> ist, die dem Wandel der
Zeit unterworfen sind und sich so von Epoche zu Epoche verändern.
Die
"dauernde Reform"<32> der Kirche wird als erster
Grundbegriff und als wichtigste Voraussetzung des Ökumenismus angeführt;
damit ist die ihr von der Mehrheit der Konzilsväter zuerkannte Bedeutung
zum Ausdruck gebracht. Die römisch-katholische Kirche hat in ihrer langen
Geschichte Erfahrung mit dieser Art von renovatio und reformatio gesammelt. Ihr
Reformgeist<33> ist für sie Waffe und Ausweg. Wir fragen uns
jedoch mit großer Vorsicht, ob es in der Tat das Faktum der reformatio
ist, das dem Leib Christi, das heißt der Kirche entspricht. Und wir
hätten uns diese Frage nicht zu stellen, wenn nicht das Ökumenismusdekret
diese renovatio/reformatio als erste Bedingung für die
"Wiederherstellung" der Einheit betrachtete.
Die
Einheit ist Anspruch der Kirche, die in erster Linie geistiger und noch dazu
von Gott begründeter Leib ist. Folglich müssen unsere Gedanken und Aussagen
über den Leib der Kirche diesem unbedingt angemessen sein. Für einen
Leib ist sein Wachstum grundlegend, und jede mögliche
Veränderung muß unter diesem Gesichtspunkt untersucht werden. Der
geistige Leib "schreitet in gottgewirktem Wachstum voran"<34>,
das heißt, er durchschreitet oder besser, er lebt den Vorgang der
Zunahme, die vom Dreifaltigen Gott gewährt (der in der Person Christi
Haupt des Leibes ist) und mit freier Zustimmung der Menschen vollbracht wird,
die Glieder des Leibes sind. Folglich nimmt der Leib der Kirche selbst
zu.
Das
bewundernswerte paulinische Bild der Kirche als Leib im Zustande des Wachstums
helfen dem orthodoxen theologischen Denken vortrefflich bei der Einsicht und
Beschreibung dieses Sachverhaltes, soweit es nur möglich ist. Als Leib
also, und noch dazu als geistiger, das heißt authentischer - da er das
Leben Christi lebt, "der das Haupt ist"<35> -,
läßt er "alles zu Ihm hinwachsen"<36>, ohne
daß irgendein äußerer oder künstlicher Eingriff notwendig
oder auch nur möglich wäre, unter dem man eine reformatio oder
renovatio der Kirche an ihrem Leib verstehen könnte. Die renovatio setzt
ein gewisses dialektisches Verhältnis zwischen dem Leib der Kirche, der
die renovatio erfährt, und jenem voraus, der die renovatio ins Werk setzt.
Ein derartiges Verhältnis ist aber inexistent, da Christus, der Gott ist,
zusammen mit den an ihn Glaubenden in Gegenwart und Vergangenheit den realen
und lebendigen Leib der Kirche bildet. Wenn nun aber dieses Verhältnis
inexistent ist, dann ist auch die renovatio schlechthin unmöglich.
Der
Schluß aus diesen Gedanken ist überaus schmerzlich. Und das daher,
weil man die Richtigkeit und Verbindlichkeit einer jeden renovatio/reformatio
aberkennen muß, die am Leib der Kirche vorgenommen wurde oder vollzogen
werden soll. Die Verwirklichung der reformatio setzt ein statisches und
juridisches Kirchenverständnis voraus, obwohl auf den ersten Blick das
Gegenteil der Fall zu sein scheint, d. h. daß die reformatio eine dynamische
Sicht der Kirche voraussetzt. Das bedeutet natürlich nicht, daß alle
Reformen im Schoß der römisch-katholischen Kirche, besonders seit
dem Mittelalter bis auf den heutigen Tag, mit mathematischer Schärfe jeder
Authentizität entbehrt hätten. Wir glauben, daß viele davon
Ausdruck des Wachstums des Leibes der Kirche waren; wenn aber ein Allgemeines
Konzil nicht zur Feststellung und gleichzeitigen Bestätigung des Wachstums
der Kirche, sondern zur Vornahme von Reformen zusammentritt, begeht es einen
fundamentalen Fehler, der zumindest eben dieses Wachstum gefährdet.
Die
Tatsache der Einberufung eines Konzils muß sowohl die Bewußtmachung
des im Laufe der Zeit eingetretenen authentischen Wachstums des Leibes der
Kirche wie die offizielle und formelle Ablehnung -denn die wesensmäßige
und reale ist schon vorausgegangen- der angefaulten Teile dieses Leibes und das
ebenfalls formelle Abstoßen jedes fremden und charakteristisch
zeitbedingten Elementes zum Ziel haben, das nicht zum lebendigen und
authentischen Organismus des Leibes der Kirche gehört.
Zu einer
gewissen Erklärung der obigen Ansichten über das Wachstum des Leibes
der Kirche mögen die folgenden zwei Beispiele dienen: a) Der menschliche
Organismus, der auch im vollen Lebensalter wächst und reift, kennt einen
inneren Prozeßvorgang, der sowohl in der Reifung -vom Säugling zum
Kind, vom Kind zur Pubertät, von der Pubertät zur vollen Reife usw.-
wie in der Ausscheidung toter Zellen und der Absonderung vieler Substanzen
durch die Körperporen seinen Ausdruck findet, die unnütz und daher
auch für den Organismus schädlich sind. Und das ist der Fall, obwohl
die heute abgesonderten Elemente vielleicht früher -aber eben nur eine
Zeitlang- dem Körper dienlich waren oder in diesen in Verbindung mit
anderen, bekömmlichen Speisen eingedrungen waren. Dasselbe spielt sich im
geheiligten Leib der Kirche ab. b) Der stämmige Baum, die Fichte z. B.,
hat in jungen Jahren einen Stamm mit glatter Oberfläche, mit der Zeit
jedoch, unter günstigen Umständen herangewachsen, weist der Stamm
eine unregelmäßige Oberfläche auf, der die deutliche und
äußerst dynamische Tendenz innewohnt, inzwischen entstandene
Auswüchse und Ecken abzuwerfen, die einmal dem Stamm unentbehrliche Rinde
waren, nun aber nach dessen Wachstum abgeworfen werden, da der Baum in einer
anderen Phase lebt, in der er neue Rinde zu bilden bestrebt ist und darin nur
seinem neuen inneren Zustand entspricht. Nach diesem Verfahren vollzieht sich
das Wachstum und die Entfaltung des Baumes, der bei alledem wesentlich, aber
auch morphologisch derselbe bleibt. Dieselbe Entwidilung ist auch am Leibe der
einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche zu beobachten.
Der
genannte Vorgang erlangt gewaltige Bedeutung für die heilige Sache der
Einheit der Kirchen, besonders aber die in hervorragendem Maße
charakteristische Tatsache, daß eine tiefe Kausalbeziehung zwischen der
Vermehrung des Organismus oder des Baumes und der Abstoßung oder dem
Abwurf der unnützen oder schädlichen Elemente besteht. Und wenn wir
-wie es auch tatsächlich ist- nicht behaupten können, daß das
Wachstum dem Abwerfen vorausgeht, genügt es festzustellen, daß das
Wachstum das ursprüngliche Faktum ist, das äußerlich nur durch
den Vorgang des Abwerfens und der Bildung neuer Hüllen ausgedrückt
und erkennbar wird. Keine reformatio ist möglich, wenn kein Wachstum
vorhanden ist. Es gibt kein Wachstum ohne reformatio. Wir können sagen,
daß es sich um gleichzeitige Tatsachen handelt, vermögen aber nicht
zu behaupten, daß das Wachstum mit der reformatio/renovatio anhebt. Das
wäre ein großer Fehler.
Das
muß unserer Ansicht nach jede zwischenkirchliche Bestrebung mit dem Ziel
der Beseitigung der der Einheit im Weg stehenden Gegensätze vor Augen
haben. Damit wir uns also jemals in der freudigen Lage befinden werden, uns als
Überwinder der Gegensätze und zu einer Herde vereint zu sehen,
müssen wir in unermüdlichem Ringen und mit unermüdlicher
Hoffnung auf das Wachstum des Leibes der Kirche bedacht sein. Wenn der Leib der
Kirche nicht zunimmt, wird dieser niemals positiv die eingedrungenen
Mißverständnisse/ Differenzen überwinden können.
Daher
also erscheint es uns eine gefährliche Utopie, wenn die Kirche die
renovatio/reformatio zu einem ihrer Ziele macht. Die Sache der reformatio wird
im Ökumenismusdekret als positives Werk dargestellt, während sie in
Wirklichkeit negativ ist und sich als Folgeerscheinung des Wachstums einstellt,
das allein eine positive Bejahung des Lebens darstellt.
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