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Stylianos G. Papadopoulos
Beitrag zur Theologie der Einheit

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1. ZUR EINFÜHRUNG 

Die vorliegende Untersuchung ist sowohl eine freie Formulierung von Gedanken, die durch das Konzilsdekret "De Oecumenismo" angeregt wurden, wie eine durchgängige Kritik dieses Dekrets. Dieser Kritik geht es zugleich um die Diskussion allgemeiner Prinzipien, die das Ökumenismusdekret aufstellt oder voraussetzt. Diese Diskussion wird aber nur im Zusammenhang mit dem im ersten Teil der vorliegenden kleinen Studie Enthaltenen verständlich. 

Doch bevor wir uns an diese schwierige Aufgabe machen, sei hier im Vorwort folgendes unterstrichen: Eingestandenermaßen fällt es uns schwer auszusagen, was im Zusammenhang mit der heiligen Sache der Einheit der Herde Christi unser Herz bedrückt. Wir bitten die Brüder um Verzeihung, die vielleicht durch unsere bescheidenen Gedanken gekränkt werden. Wir versichern diesen Brüdern, daß wir so geschrieben haben, weil wir die Einheit überaus geliebt und an ihrem Fehlen gelitten haben. Bei Abfassung dieser Schrift befallen uns "Furcht und Schrecken" (1 Kor 2,3), daß wir uns vielleicht "unbewährt im Glauben" (2 Tim 3,8) erweisen und unser "Wandel in Christus als nicht gut" befunden wird (1Petr 3,16), weil wir bei diesem Unterfangen nicht genügend bemüht sind, nach der Ermahnung des Apostels Petrus zu handeln: "Seid vielmehr in eurem ganzen Wandel heilig, es steht ja geschrieben: Seid heilig, weil ich heilig bin" (1 Petr 1,15-16). 

Das Konzilsdekret "De Oecumenismo", das von Papst Pau1 VI. am 21. November 1964 verkündet wurde, ist die Komponente der Tendenzen, die innerhalb der beiden letzten Jahrzehnte in dem wahrhaft weiten Schoß der römisch-katholischen Kirche in Zusammenhang mit dem Problem der Einheit<1> der Kirchen vorherrschten. Vorkämpfer und Wegbereiter der Abfassung dieses Konzilsdokuments, denen der Vatikan noch wenige Jahre vor der Einberufung des Zweiten Vatikanums die kirchliche Lehr- und Publikationserlaubnis entzogen hatte, hätten in dem Dekret gerne ermutigendere Ansätze gesehen. Derselben Meinung war eine große Zahl von Bischöfen auf dem Konzil. Aber eine andere Gruppe von Bischöfen hielt das vorliegende Dokument für liberal in gefährlichem Ausmaß, weil ihre Kirche darin -so argumentierten sie- das "mea culpa" spreche und den anderen Kirchen entgegenkomme. Die römische Kirche hat in dieser Notlage, die gegensätzlichen Strömungen in ihrem lebendigen Schoß zu bewältigen, wieder einmal ihr Talent bewiesen, zu vermitteln und ihre Zuflucht zum Gemeinsamen beider Richtungen und zu einem Mittelweg zu nehmen. 

Wir wollen hier nicht zum Kritiker dieser Tendenz und Neigung der römisch-katholischen Kirche werden. Was immer aber auch ein Orthodoxer am Ökumenismus- dekret zu bemängeln hat, beharren wir doch darauf, daß es sich um ein einsichtsvolles Dokument handelt, um so mehr, als es sich an die Glieder der römisch- katholischen Kirche richtet, von denen heute viele, sei es aus konservativer Einstellung, sei es aus dem Drängen nach größerer Freiheit, in Aufruhr geraten sind und sich -im engeren oder weiteren Sinne spielt keine Rolle- in einander bekämpfende Gruppen gespalten haben, zu deren verschiedenartigster Befriedung der Vatikan keine Mühe scheut. Und vielleicht handelt er damit auch richtig, da er genau weiß, was kirchlicher Liberalismus und in seiner Folge der Protestantismus, und was Traditionalismus und auf dessen Boden die altkatholische Kirche für Rom bedeuten. 

Nur dann, wenn wir Orthodoxen das Ökumenismus- dekret im Licht der obigen Faktoren sehen, werden wir bei all unserem Kummer Verständnis für verschiedene ernste Merkmale und Tatsachen zeigen, wie z.B., daß nirgendwo in dem Dokument die heilige, katholische und apostolische orthodoxe Kirche apostolisch<2> oder orthodox genannt wird, sondern allgemeine, herabsetzende und unglücklich gewählte Begriffe wie "orientalische Kirchen"<3> oder "patriarchale Kirchen"<4> zur Anwendung kommen. Gleichzeitig freuen wir uns aber über die Vielzahl von Aussagen des Dokuments, in denen der "Reichtum"<5> der "orientalischen Kirchen" bejaht, und daß nirgends -zumindest unmittelbar- die alte einheitsfeindliche Phrase anzutreffen ist: die Mutter Kirche (= Rom) öffnet ihre Arme, um die Schismatiker aufzunehmen. Viele Konzilsväter sprachen mit tiefer Aufrichtigkeit ergreifende Ansichten über die orthodoxe Kirche aus -viel weitgehender als das, was sich im Text des Ökumenismusdekrets findet- und brachten direkt ihre Unzufriedenheit mit dem kirchenrechtlichen Charakter des Dokuments zum Ausdruck<6>. 

Man könnte zu Recht sagen, daß die Orthodoxen mit dem ihnen gegenüber herrschenden Geist vieler Bischöfe und Konzilsteilnehmer zufriedener sein können als mit dem Ökumenismusdekret als solchem. 

Weiters haben wir auch darauf hinzuweisen, daß wir Orthodoxen noch nicht in der Lage sind, wenn wir es auch wünschen, unsrerseits einem positiveren Beitrag zu entsprechen, zu dem sich jedenfalls die römisch- katholische Kirche auf ihrem letzten Konzil als unvermögend erwiesen hat. 

Allgemein beurteilt, haben wir aber auch nicht mehr erwartet, denn ein Konzil bestätigt nur und besiegelt einfach in Form allgemein anerkannter Schemata die von den Söhnen der das Konzil einberufenden Kirche in den letzten Jahren aufgestellten Formulierungen. Das genannte Konzil faßte überdies mit glücklicher Hand einfach zusammen, was von den Theologen gelehrt und vom römisch-katholischen Volk zur Zeit des Konzils geglaubt wurde. Eingestandenermaßen stellt diese Zusammenfassung ohne Übertreibung einen gewaltigen Schritt nach vorne dar, wenn wir ihren Inhalt zwar nicht an den orthodoxen Erwartungen, wohl aber an dem messen, was von den offiziellen vatikanischen Kreisen aus römisch-katholischer Sicht vor dem verewigten Papst Johannes XXÜI. gelehrt, geschrieben und behauptet wurde. 

So liegt der Wert des Dekrets in letzter Analyse hauptsächlich in der Tatsache, daß es in fester und klarer Weise die vor Papst Johannes XXÜI. anzutreffende offizielle Haltung des Vatikan zum Thema der christlichen Einheit überwunden hat. 

Nach Festlegung dieser grundsätzlichen orthodoxen Sicht von Inhalt und Bedeutung des Ökumenismus- dekrets gehen wir zu den Gedanken über, die sich uns bei dessen sorgfältigem Studium aufgedrängt haben. 

 




1 Wir werden unter den Begriff "Einheit" immer auch zugleich den Begriff "Wiedervereinigung" subsumieren. 



2 Dennoch wird die apostolische Sukzession der "Orientalischen Kirchen" anerkannt: "Da nun diese Kirchen trotz ihrer Trennung wahre Sakramente besitzen, vor allem aber in der Kraft der apostolischen Sukzession das Priestertum und die Eucharistie . . . " (Art. 15). Ungeachtet der Anerkennung der apostolischen Sukzession in der Orthodoxen Kirche haben die Konzilsväter des II. Vatikanums jedoch die direkte Aussage vermieden, daß einige der orthodoxen Gliedkirchen von den Aposteln begründet wurden, und begnügten sich mit der Erklärung, daß sich unter den "Patriarchalen Kirchen" "nicht wenige ihres apostolischen Ursprungs rühmen" (Art. 14). Als gäbe es z. B. Zweifel an der apostolischen Gründung der Kirche von Jerusalem! 



3 Überall im Dekret, wo von der Orthodoxen Kirche die Rede ist. 



4 Art. 14 und andernorts. 



5 Art. 15. 



6 So vertrat z. B. Kardinal Liénard den Standpunkt, daß das Ökumenismusdekret "mit seiner juristischen Sprache nur ein Hindernis auf dem Wege zur Wiedervereinigung sein könne" (Das Zweite Vatikanische Konzil, Lexikon für Theologie und Kirche II, Freiburg 1967, S. 16). 






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