| Index | Wörter: alphabetisch - Frequenz - rückläufig - Länge - Statistik | Hilfe | IntraText-Bibliothek |
| Stylianos G. Papadopoulos Beitrag zur Theologie der Einheit IntraText CT - Text |
|
|
|
|
e) Auf der Suche nach einer neuen Theologie Der Mißerfolg der bisherigen Theologie, alle Christen zur Einheit zu führen, ist ein dramatisches Faktum da die Sache der Einheit von zentraler Bedeutung is und das sichere Merkmal unserer Vereinigung mit Christus darstellt. Je mehr ein jeder von uns in seiner Kirche Christus näherkommt und diesem verbunden wird, desto mehr verringert sich auch der Abstand zwischen uns als Gliedern verschiedener Kirchen und wird unsere Verbundenheit enger. Da das aber gegenwärtig nicht der Fall ist, sind wir zu dem Eingeständnis verpflichtet, daß es eben unsrerseits an Schritten zur Vereinigung mit Christus fehlt, eben am Leben in Chri- stus. Jede Kirche -und vor allem die römisch-katholische und die orthodoxe- ist leicht bereit, durch ihre theologisierenden Vertreter zu erklären, daß die Verantwortung für die Spaltung unter den Christen vor allem die anderen Kirchen treffe, während sie selbst dem Herrn näherstehe. Freilich muß eine der Kirchen den Vorrang beim Herrn, den Primat der größeren Liebe zum Herrn besitzen, aber keine von ihnen allen hat bisher den anderen tätig bewiesen, daß sie den Anspruch auf diesen Vorrang zu Recht erhebt. Der Anspruch einer Kirche auf den Vorrang in Christus oder den Primat der Liebe Christi kann nur von der Tatsache bekräftigt werden, daß diese in Person ihrer Glieder die Forderung des heiligen Paulus: "Denn Christus ist für mich das Leben, und das Sterben ist Gewinn" (Phil 1,21) mehr als die anderen Kirchen verwirklicht. Diese paulinische Realität schenkt, wenn sie im Übermaß oder auch nur ausreichend verwirklicht wird, der Kirche das Leben, das -in Worte gefaßt- die wahre Theologie ergibt. Eine solche Theologie, die das Maß der eucharistischen Vereinigung mit Christus und prophetischer Ausdruck seines göttlichen Willens ist, wird von den Kirchen viel zu wenig gelebt, so daß heute auch keine von ihnen berechtigt ist, den Primat der Liebe des Herrn und den Primat der Theologie für sich in Anspruch zu nehmen. Viel konstruktiver und einsichtiger als alles andere ist es, wenn die Glieder der Kirchen in unumgänglicher und starker Askese ihre Gebete und Anstrengungen vereinen, damit wir mit dem Herrn verbundener sind. Und für die Theologen der verschiedenen Kirchen wird es besser und heilsamer sein, statt ihre sinnlosen und vielgestaltigen Primatansprüche zu stellen, sich in dem Bemühen um die Verwirklichung der einzig wahren Theologie zu vereinen. Jene Kirche, die aus dem Ringen um eine solche Theologie als erste hervorgeht, hat allein Anspruch auf einen Primat, der dann auch, und dessen sind wir gewiß, von allen anerkannt werden wird. Wie steht es aber um diese Theologie? Unser Finger hat den wunden Punkt schon berührt. Die alte traditionelle oder scholastizierende Theologie hat sich seit dem Mittelalter in der Hauptsache mit der Vergangenheit beschäftigt und sich sogar dann noch deren Bewahrung gewidmet, wenn sie zu Zeitfragen Stellung nahm. Die Ergebnisse sind bekannt: Pedanterie, Erstarrung, Traditionalismus, leblose Wiederholung und einige wenige Lichtblicke, die aber allgemein unbekannt und unausgenützt geblieben sind. Wir beziehen uns dabei allerdings nicht auf die protestantische Theologie, die Beachtliches geleistet hat und in neuester Zeit den sich regenden antischolastischen und antitraditionalistischen Tendenzen im Schoße der westlichen Theologie Auftrieb gegeben hat. Diese Tendenzen, die an und für sich bedeutend und heute auf allen Gebieten der theologischen Forschung weit verbreitet sind, haben allgemein nur wegweisenden Charakter, und ihr Beitrag, so nützlich er sich auch erweisen mag, hört nicht auf, nur negativ zu sein. Diese Bestrebungen stellen Befreiungsversuche von der in vielem unfruchtbaren alten Theologie dar, haben sich aber bisher zu keiner klaren und reifen Theologie entwickelt, d. h. sie sprechen nicht das Leben der Kirche in Christus als Antwort auf ein konkretes Problem aus. Zur Bestätigung dieser schmerzlichen Feststellung diene die persönliche Agonie des Papstes, aber auch der Bischöfe, der Theologen und sogar der Gläubigen der römisch-katholischen Kirche, die von der Enzyklika "Humanae vitae" ausgelöst wurde. Wenn der Bischof von Rom, der bei weitem nicht nur formal und ehrenamtlich an der Spitze der lateinischen Kirche steht, nur mit größter Schwierigkeit und knapper Not der Erregung Herr werden kann, die seine Enzyklika gegen die Geburtenkontrolle durch Präservativmittel ausgelöst hat, so ist das in der Hauptsache darauf zurüdizuführen, daß weder der Papst selbst und seine Umgebung noch die gegen die Enzyklika opponierende Mehrheit der römisch-katholischen Kreise noch auch die mit dem Inhalt der Enzyklika Einverstandenen eine klare, reife und echte theologische Lehre der Kirche Christi vom "neuen" Menschen in Christus voraussetzen. Das Fehlen einer solchen Theologie des "neuen" Menschen hat die Erregung hervorgerufen, zu der -und das wollen wir nicht übersehen- auch wir Orthodoxen und die Protestanten, so wie die Dinge jetzt liegen, nichts anderes als unsere eigene analoge Verwirrung hinzufügen können. Wenn wir eine derartige reife und echte Theologie des "neuen" Menschen aufzuweisen hätten, wäre diese von den römisch-katholischen Brüdern sehr wohl bemerkt und mit einigen Abänderungen übernommen und vertreten worden. Aber wie soll man von dem nehmen, der selbst nichts hat? Was ist das Ergebnis? Einerseits beharrt der Papst auf seinem Standpunkt, ohne aber wesentlich überzeugen zu können, weshalb er in anderen Angelegenheiten unverständliche Nachgiebigkeit zeigt, andrerseits setzt die Mehrheit der Katholiken den Widerstand unter Berufung auf vorwiegend soziologische, psychologische und philosophische Kriterien fort, da es ihr an zureichenden theologischen Argumen- ten fehlt. Um jedes Mißverständnis auszuschließen, möchten wir feststellen, daß wir mit der Diagnose des Fehlens einer Theologie des "neuen" Menschen nicht behaupten, daß im Evangelium, bei den Kirchenvätern und den neueren wie gegenwärtigen Theologen nicht Anschauungen, Theorien, ja ganze Werke anzutreffen sind, die sich auf den "neuen" Menschen beziehen. Wir wünschen nur zu unterstreichen, daß das Problem des Wesens des "neuen" Menschen vom Leib der Kirche nicht ausreichend studiert und niemals von einem Konzil ad hoc bewältigt wurde. Diese These wird durch Bezugnahme auf die Epoche der sieben Allgemeinen Konzilien verständlich. So stützen wir uns z. B. bei Problemen, die mit den beiden Naturen Christi zusammenhängen, der göttlichen und der menschlichen, auf die Theologie des IV. Allgemeinen Konzils von Chalzedon, das nur die richtige Theologie dieses Problems aus den letzten Jahren vor 451 n. Chr. in dogmatische Begriffe faßte. Es ist jedoch bekannt, daß schon Jahrhunderte vor der Einberufung dieses Konzils Ansichten und Meinungen über die beiden Naturen des Herrn geäußert wurden, die jedoch zu keiner klaren und reifen Theologie führten, wie sie dann erst der Heilige Geist vor und auf dem IV. Allgemeinen Konzil von 451 zustandekommen ließ. So fehlt auch bis heute, mag auch viel Richtiges und Erleuchtetes über den "neuen" Menschen geschrieben worden sein, die vollständige und klare Theologie sowie deren Bestätigung durch ein Konzil. Unsere Bezugnahme auf den Fall der päpstlichen Enzyklika "Humanae vitae" war nicht zufällig. Dieser ist besonders bezeichnend und kann daher zum Ausgangspunkt der Suche nach der rechten Ausrichtung der Theologie von heute werden.
|
Index | Wörter: alphabetisch - Frequenz - rückläufig - Länge - Statistik | Hilfe | IntraText-Bibliothek |
Best viewed with any browser at 800x600 or 768x1024 on Tablet PC IntraText® (V89) - Some rights reserved by EuloTech SRL - 1996-2007. Content in this page is licensed under a Creative Commons License |