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Stylianos G. Papadopoulos
Beitrag zur Theologie der Einheit

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  • 3. GLOSSEN ZU EINZELNEN PUNKTEN DES DEKRETS
    • b) "Renovatio/reformatio" oder "Zunahme des Leibes der Kirche"?
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b) "Renovatio/reformatio" oder "Zunahme des Leibes der Kirche"? 

Im Text des Ökumenismusdekrets werden die Begriffe "renovatio" und "reformatio"<28> synonym<29> gebraucht, da und dort auch das Verb "instauro (instaurentur)"<30>, um die Notwendigkeit zum Ausdruck zu bringen, daß die Kirche fortwährender Erneuerung, der Annahme neuer Formen bedarf, die ihrem Auftrag gemäßer sind, und folglich stetiger Selbstverbesserung. Das erweist sich als notwendig, da die Kirche zwar ein Organ göttlicher Stiftung, aber menschlicher Ausdrudssformen unter bestimmten historischen Gegebenheiten<31> ist, die dem Wandel der Zeit unterworfen sind und sich so von Epoche zu Epoche verändern. 

Die "dauernde Reform"<32> der Kirche wird als erster Grundbegriff und als wichtigste Voraussetzung des Ökumenismus angeführt; damit ist die ihr von der Mehrheit der Konzilsväter zuerkannte Bedeutung zum Ausdruck gebracht. Die römisch-katholische Kirche hat in ihrer langen Geschichte Erfahrung mit dieser Art von renovatio und reformatio gesammelt. Ihr Reformgeist<33> ist für sie Waffe und Ausweg. Wir fragen uns jedoch mit großer Vorsicht, ob es in der Tat das Faktum der reformatio ist, das dem Leib Christi, das heißt der Kirche entspricht. Und wir hätten uns diese Frage nicht zu stellen, wenn nicht das Ökumenismusdekret diese renovatio/reformatio als erste Bedingung für die "Wiederherstellung" der Einheit betrachtete. 

Die Einheit ist Anspruch der Kirche, die in erster Linie geistiger und noch dazu von Gott begründeter Leib ist. Folglich müssen unsere Gedanken und Aussagen über den Leib der Kirche diesem unbedingt angemessen sein. Für einen Leib ist sein Wachstum grundlegend, und jede mögliche Veränderung muß unter diesem Gesichtspunkt untersucht werden. Der geistige Leib "schreitet in gottgewirktem Wachstum voran"<34>, das heißt, er durchschreitet oder besser, er lebt den Vorgang der Zunahme, die vom Dreifaltigen Gott gewährt (der in der Person Christi Haupt des Leibes ist) und mit freier Zustimmung der Menschen vollbracht wird, die Glieder des Leibes sind. Folglich nimmt der Leib der Kirche selbst zu. 

Das bewundernswerte paulinische Bild der Kirche als Leib im Zustande des Wachstums helfen dem orthodoxen theologischen Denken vortrefflich bei der Einsicht und Beschreibung dieses Sachverhaltes, soweit es nur möglich ist. Als Leib also, und noch dazu als geistiger, das heißt authentischer - da er das Leben Christi lebt, "der das Haupt ist"<35> -, läßt er "alles zu Ihm hinwachsen"<36>, ohne daß irgendein äußerer oder künstlicher Eingriff notwendig oder auch nur möglich wäre, unter dem man eine reformatio oder renovatio der Kirche an ihrem Leib verstehen könnte. Die renovatio setzt ein gewisses dialektisches Verhältnis zwischen dem Leib der Kirche, der die renovatio erfährt, und jenem voraus, der die renovatio ins Werk setzt. Ein derartiges Verhältnis ist aber inexistent, da Christus, der Gott ist, zusammen mit den an ihn Glaubenden in Gegenwart und Vergangenheit den realen und lebendigen Leib der Kirche bildet. Wenn nun aber dieses Verhältnis inexistent ist, dann ist auch die renovatio schlechthin unmöglich. 

Der Schluß aus diesen Gedanken ist überaus schmerzlich. Und das daher, weil man die Richtigkeit und Verbindlichkeit einer jeden renovatio/reformatio aberkennen muß, die am Leib der Kirche vorgenommen wurde oder vollzogen werden soll. Die Verwirklichung der reformatio setzt ein statisches und juridisches Kirchenverständnis voraus, obwohl auf den ersten Blick das Gegenteil der Fall zu sein scheint, d. h. daß die reformatio eine dynamische Sicht der Kirche voraussetzt. Das bedeutet natürlich nicht, daß alle Reformen im Schoß der römisch-katholischen Kirche, besonders seit dem Mittelalter bis auf den heutigen Tag, mit mathematischer Schärfe jeder Authentizität entbehrt hätten. Wir glauben, daß viele davon Ausdruck des Wachstums des Leibes der Kirche waren; wenn aber ein Allgemeines Konzil nicht zur Feststellung und gleichzeitigen Bestätigung des Wachstums der Kirche, sondern zur Vornahme von Reformen zusammentritt, begeht es einen fundamentalen Fehler, der zumindest eben dieses Wachstum gefährdet. 

Die Tatsache der Einberufung eines Konzils muß sowohl die Bewußtmachung des im Laufe der Zeit eingetretenen authentischen Wachstums des Leibes der Kirche wie die offizielle und formelle Ablehnung -denn die wesensmäßige und reale ist schon vorausgegangen- der angefaulten Teile dieses Leibes und das ebenfalls formelle Abstoßen jedes fremden und charakteristisch zeitbedingten Elementes zum Ziel haben, das nicht zum lebendigen und authentischen Organismus des Leibes der Kirche gehört. 

Zu einer gewissen Erklärung der obigen Ansichten über das Wachstum des Leibes der Kirche mögen die folgenden zwei Beispiele dienen: a) Der menschliche Organismus, der auch im vollen Lebensalter wächst und reift, kennt einen inneren Prozeßvorgang, der sowohl in der Reifung -vom Säugling zum Kind, vom Kind zur Pubertät, von der Pubertät zur vollen Reife usw.- wie in der Ausscheidung toter Zellen und der Absonderung vieler Substanzen durch die Körperporen seinen Ausdruck findet, die unnütz und daher auch für den Organismus schädlich sind. Und das ist der Fall, obwohl die heute abgesonderten Elemente vielleicht früher -aber eben nur eine Zeitlang- dem Körper dienlich waren oder in diesen in Verbindung mit anderen, bekömmlichen Speisen eingedrungen waren. Dasselbe spielt sich im geheiligten Leib der Kirche ab. b) Der stämmige Baum, die Fichte z. B., hat in jungen Jahren einen Stamm mit glatter Oberfläche, mit der Zeit jedoch, unter günstigen Umständen herangewachsen, weist der Stamm eine unregelmäßige Oberfläche auf, der die deutliche und äußerst dynamische Tendenz innewohnt, inzwischen entstandene Auswüchse und Ecken abzuwerfen, die einmal dem Stamm unentbehrliche Rinde waren, nun aber nach dessen Wachstum abgeworfen werden, da der Baum in einer anderen Phase lebt, in der er neue Rinde zu bilden bestrebt ist und darin nur seinem neuen inneren Zustand entspricht. Nach diesem Verfahren vollzieht sich das Wachstum und die Entfaltung des Baumes, der bei alledem wesentlich, aber auch morphologisch derselbe bleibt. Dieselbe Entwidilung ist auch am Leibe der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche zu beobachten. 

Der genannte Vorgang erlangt gewaltige Bedeutung für die heilige Sache der Einheit der Kirchen, besonders aber die in hervorragendem Maße charakteristische Tatsache, daß eine tiefe Kausalbeziehung zwischen der Vermehrung des Organismus oder des Baumes und der Abstoßung oder dem Abwurf der unnützen oder schädlichen Elemente besteht. Und wenn wir -wie es auch tatsächlich ist- nicht behaupten können, daß das Wachstum dem Abwerfen vorausgeht, genügt es festzustellen, daß das Wachstum das ursprüngliche Faktum ist, das äußerlich nur durch den Vorgang des Abwerfens und der Bildung neuer Hüllen ausgedrückt und erkennbar wird. Keine reformatio ist möglich, wenn kein Wachstum vorhanden ist. Es gibt kein Wachstum ohne reformatio. Wir können sagen, daß es sich um gleichzeitige Tatsachen handelt, vermögen aber nicht zu behaupten, daß das Wachstum mit der reformatio/renovatio anhebt. Das wäre ein großer Fehler. 

Das muß unserer Ansicht nach jede zwischenkirchliche Bestrebung mit dem Ziel der Beseitigung der der Einheit im Weg stehenden Gegensätze vor Augen haben. Damit wir uns also jemals in der freudigen Lage befinden werden, uns als Überwinder der Gegensätze und zu einer Herde vereint zu sehen, müssen wir in unermüdlichem Ringen und mit unermüdlicher Hoffnung auf das Wachstum des Leibes der Kirche bedacht sein. Wenn der Leib der Kirche nicht zunimmt, wird dieser niemals positiv die eingedrungenen Mißverständnisse/ Differenzen überwinden können. 

Daher also erscheint es uns eine gefährliche Utopie, wenn die Kirche die renovatio/reformatio zu einem ihrer Ziele macht. Die Sache der reformatio wird im Ökumenismusdekret als positives Werk dargestellt, während sie in Wirklichkeit negativ ist und sich als Folgeerscheinung des Wachstums einstellt, das allein eine positive Bejahung des Lebens darstellt. 

 




28 Siehe das Memorandum von Prof. J. Feiner zu "De oecumenismo", in: "Das Zweite Vatikanische Konzil", Lexikon für Theologie und Kirche II, Herder 1967, S. 71, Anm. 23 mit Literaturverzeichnis. 



29 Art. 4, 6 und an anderen Stellen. Vgl. "Einführung" in: "De oecumenismo" von W. Becker, a. a. O., S. 31-32. 



30 Art. 6. 



31 A. a. O. 



32 A. a. O. 



33 A. a. O. 



34 Kol 2,19; vgl. auch Eph 4,15-16. 



35 Eph 4,15. 



36 A. a. O. 






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