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Erwin Schader
Geistinnerlichkeit als Trinitätsanalogie

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  • I.
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Ι.

Von  ihren  historischen  Anfängen  her  entwickelte  sich  das neuzeitliche Selbstbewußtsein unter den Bedingungen der Trinitätskritik Bereits 1531 veröffentlichte Michael Servet seine sieben Bücher «De Trinitatis erroribus», welche vor allem die Sozinianer angeregt haben1: eine radikale und umstürzlerische Gruppierung innerhalb der anderen reformatorischen Strömungen. Vom Nominalismus und humanistischen Historismus beeinflußt, wandten sich die Sozinianer energisch  gegen  die  scholastische Theologie; sie  attackierten das Christentum in seiner «Substanz», d.h. in seiner Lehre vom dreieinigen  Gott. Diese Lehre schien  ihnen  einen  «Schandfleck»2  am Christentum  darzustellen, weil  sie, wie  sie meinten, der  Vernuft widerspräche3.

Ιn eben dieser Auffassung aber wurzelt der neuzeitliche Rationalismus. Denn der Sozinianismus, der in unseren Tagen erstaunlich wenig bekannt ist, dehnte sich im 16. Jahrhundert wie ein «Lauffeuer» über ganz Europa hin aus; er übte - bis ins 18. Jahrhundert hinein -auf «infiltrative» Weise einen mächtigen Einfluß auf das geistige Leben und das sog. Allgemeinbewußtsein aus. Es sei hier daran erinnert, daß die  Epoche der rationalistischen Aufklärungsphilosophie auf entscheidende Weise vοn sozinianischen intellektuellen Gruppen initiiert wurde, welche als Exulanten vοn Polen aus nach Westeuropa einströmten4.

Während  der  Entstehung  des  sozinianischen Rationalismus verschwand allmählich -was sich als äußerst folgenreich für die weitere Entwicklung des okzidentalen Denkens erweisen sollte- die metaphysische Konzeption des Seins als eines internen Selbstvollzuges. So leugnete z. B. der schon erwähnte Servet, daß es in Gott irgendwelche reale Bewegungen vor der Erschaffung der Welt gäbe5. Er bezeichnet deshalb auch die geistigen Prozesse, welche als Anologien des triunitären Seins in der Geistinnerlichkeit des Menschen aufgefaßt wurden, als 'illusinäre Träumereien' denen insbesondere Augustinus verfallen sei6. Die geistige Atmosphäre änderte sich dabei auf solche Weise, daß das rationalistische Philosophieren, das vor allem in Descartes repräsentiert ist, seinen Ausgangspunkt nehmen konnte.

Sehr instruktiv ist in diesem Zusammenhang eine Episode aus dem Jahr 1640: Nachdem Descartes erfahren hatte, daß bei Augustinus gewisse Ähnlichkeiten zu seiner eigenen Art der Selbstvergewisserung zu finden seien, las er in der Tat die entsprechende Textstelle (De civ. Dei XΙ, 26), in welcher der Mensch vermittels 'Sein', 'Erkennen' und 'Lieben' als 'Trinitätsabbildung' image de la Trinite») aufgefaßt wird. Descartes versuchte, indes, auf keine Weise, den Sinngehalt dieser Vorgabe zu eruieren. An deren Stelle setzte er vielmehr -kommentarlos und ohne  irgendeine  argumentative Vermittlung- sein «Moy, qui pense»7. Damit aber waren die Weichen für die ihm nachfolgenden Subjektsphilosophien und deren ontologische «Kurzschlüssigkeit» gestellt.

Die nach-cartesianische Tranzendentalphilosophie ist, vοn daher gesehen, nicht blοß durch Seins-, sondern vielmehr und eigentlicher durch Trinitats-Vergessenheit charakterisiert. Dies zeigt sich zunächst im Dialektizismus, für welchen Relativierung des Seins und des Nichts grundlegend ist, an zweiter Stelle im Positivismus, der (wie an den beiden Phasen des Wittgensteinschen Philosophierens zu sehen ist) in Ermangelung des Ontisch - Intergativen die Kluft zwischen Logischem und Empirischen nicht mehr zur überbrücken vermag, und schließlich, drittens im Existentialismus, der die dialektische und positivistische Denkungsart in sich aufnimmt und -als Resultat hiervon- die Verzweiflungserfahrungen, die vom Scheitern alles menschlichen Denkens und Tuns herrühren, zum Ausdruck bringt. Ιn dieser Negativ-Triade «vereinigt» sich gewissermaßen die dreifache Selbstzersplitterung des neuzeitlichen Nihilismus8.

Seit Descartes versuchte sich die subjekt-zentrierte Rationalität im Autonomie-Experiment  und in radikaler  Selbstbestimmung  zu verwirklichen. Bisher «ungeahnte» Möglichkeiten wurden hierbei im menschlichen Bewußtsein und -vermittels desselben- in der Natur aufgedeckt und, vor allem durch die Technik, zur Anwendung gebracht. Die vοn daher rührenden positiven Wirkungen des bewußtseins-philosophischen Ansatzes stehen außer Zweifel. Doch wird in der derzeit sich weltweit ausbreitenden ökologischen Krise auch offenkundig, daß ein fundamentales Umdenken vonnöten ist. Ιn diesem geht es nicht so sehr darum, äußere Strukturen zu ändern oder eine irrationale Rationalitätskritik zu liefern. Es soll vielmehr der an sich positive Seinsinn vοn Rationalität gesichtet und vοn daher deren innere Selbst- gefährdung deutlich gemacht werden.

Rationalität ist Wahrheit, solange sie dasjenige was «ist» und «sein» kann, ausdrücklich werden läßt, d.h. solange sie Seins-Möglichkeiten reprasentiert. Ihre «Legitimationsschwierigkeiten» beginnen jedoch damit, daß sie -vermittels einer Hypostasierung des Blοß-Möglichen- jegliche Beziehung zu dem ihr innerlich vorgängigen Wirklich-Sein leugnet. Sie will sich dabei auf unbedingte Weise konstituieren; und das bedeutet, daß sie sich aus nichts -aus «dem Nichts»- selbst hervorzubringen versucht. Damit aber führt sie sich selbst in eine Aporie hinein, welche darin besteht, daß sie der absoluten Selbst-Setzung wegen das Sein, das sich im menschlichen Bewußtsein immer schon ausgedrückt hat, bevor dieses anfängt über dasjenige, was das Sein überhaupt ist, nachzudenken, aus «methodischen» Gründen zum Verschwinden bringt. Dies aber führt zur Selbstüberforderung der menschlichen Rationalität und,  in der Folge  hiervon, zu den im neuzeitlichen Philosophieren wohl bekannten Übersteigerungen und Überspanntheiten. Es treten einerseits (bes. im Deutschen Idealismus, bei Schelling, Fichte und Hegel) die totalitären Systematisierungen und die titanischen Projekte der' 'absoluten Konstruktion' zutage. Andererseits aber kommt es, gewissermaßen als Pendant hinzu, im nihilistischen Philosophieren (z. B. bei Nietzsche, Sartre und neuerdings bei Cioran) zu maßlos-schwelgerischen Beschreibungen der «vοllkοmmenen» AbsurditätNutzlosigkeit und Schalheit des  menschlichen Daseins9.

Inmitten dieses brüsken Umschlagens manifestiert sich der vielberufene «Verlust der Mitte»10. Hierbei scheint es ein unvermeidliches «Geschick» des modernen Menschen zu sein, daß seine Apotheose der Rationalität sich unversehens in eine Apotheose des Nichts und des Chaos wandelt. Nicolai Hartmann versucht die darin sich zeigende Dialektik aufzubrechen, indem er am Idealismus und Neuplatonismus die «angemaßte Zentralstellung11 des menschlichen Bewußtseins kritisiert und die 'kopernikanische  Wende' des Kant umzuwenden trachtet. Doch kann diese seine Kritik die «Mitte» nicht halten und schießt über das (an sich berechtigte) Ziel hinaus. Hartmann proklamiert die Dezentralisierung der Vernunft und spricht hierbei vοn einer «totalen Einbettung des Rationalen in eine gróßere Sphäre des Irrationalen12, welches (ähnlich wie bei Sartre) das Sein-in-sich-selbst sein soll.

Das aber heißt m.a.W., daß die neuzeitliche Rationalität im Versuch ihrer Selbstkritik den cartesianischen Dualismus vοn 'res cogitans' und 'res  extensa'13  keineswegs  zu  eliminieren  vemag.  Am  Ende  der neuzeitlichen Epoche sieht sich der Mensch einer fatalen dialektischen Antithese uberliefert, - der Antithese vοn Vernunft ohne Sein und Sein ohne Vernunft. Von daher aber rührt die Diskrepanz, welche Jaspers ausdrückt, indem er sagt: «Ich bin nicht, was ich erkenne, und ich erkenne nicht, was ich bin»14.

 




1. Vgl. Franciscο Sánchez- Blancο, «Michael Sevets Kritik an der Trinitätslehre: Philosophische Implikationen und historische Auswirkungen», (Europäische Hochschulschr. XX/28), Frankf./Μ.-Bern-Las Vegas 1977.



2. Vgl. Daniel  Ζwicker, De contradictione, s.l. 1666, S. 3:  «...Est vero animus, probare, Ecclesias commemoratas (i. e. Romanam, Graecam, Lutheranam & Calvinianam) in re capitali & gravissimi momenti, puta, sententia de Trinitate, adeo sese contradictionis reas fecisse, ut, nisi protinus maculam hanc eluant, nοn videam, quomodo Deum sibi habere possint propitium faventemque» [Hervorh. E.S.].



3. Vgl. Ludοvicus Wο1zοgenius , «De unο deo patre». Ιn: Bibliotheca fratrum Pοlonorum. Vol. 8, Irenopoli 1656, Anhang S.15-40, bes. S.39: «Sententia ista de Triunο Deo... manifestae veritati naturali, cujus fundamentum à Deo in humana ratione est positum, adeo est contraria, ut jure dici queat, numquam quicquam in ulla religione prolatum & confictum esse, quod humanum intellectum ita per tortuosos inextricabilium diificultatum maeandros circumducat, omniaque prorsus adminicula... ei adimat».



4. Vgl. hierzu vor allem Günter  Μühlpfοrdt,  «Arianische Exulanten als Vorboten der Aufklärung. Zur Wirkungsgeschichte des Frührationalismus polnischer und deutscher Arianer. Ιn:Johannes Irmscher» (Hrsg.), Renaissance und humanismus in Mittel - und Osteuropa, Bd. 2, Berlin 1962, S. 220-240; Gοttfried Schramm , «Antitrinitarier in Pοlοn 1556-1658». Ιn: Bibliothèque d'Humansime et Renaissance 21 (1959) 473-511; Erwin  Schade1, «Antitrinitarischer Sozinianismus als Motiv der Aufklärungsphilosophie».  Ιn:  Klaus  Schaller  (Hrsg.),  Zwanzig  Jahre  Comeniusforschungsstelle in Bochum», St. Augustin 1990, S. 1260-287; Ferner die 12 Beiträge in Wolfgang Deppert/ Werner Erdt/ Aart de Groot (Hrsgg.), Der Einfluß der Unitarier auf die europäisch-amerikanische Geistesgeschichte. Vorträge der ersten deutschen wissenschaftlichen Tagung zur Unitarismusforschung vom 13-14,Juni 1985 in Hamburg (Unitarismusforschung. Bd. 1), Frankf. /Μ. -Bern-New York-Paris 1990.



5. Vgl. Μ .Servetus, De Christianismi restitutio, s. l. 1553, Repr. Frankf. /Μ. 1966, S. 189: «Vere ante creationem nec erant Dei in se ipsum motus, nec erat actio, nec passio. Nec realis generatio, nec emanatio, nec sufflatio, nec spiratio, nec productio. Nemo spirabat, nemo spirabatur».



6. Vgl. Ebd., S.32: «Augustinus ...internas... de trinitate nobis esse mentis illusiones somniat». Ιn diesem Satz ist eine hastige Kritik eingeflochten. Ιn entzerrter Form müßte er wohl lauten: 'Augustinus internas der trinitate nobis esse mentis [processiones] somniat [quas ego M.S.] illusiones [esse puto]'.



7. Vgl. René Descartes , OEuvres, publ. par Ch. Adam et P.Tannery.VolΙΙ: Correspondance, Paris 1956, S. 247.



8. Vgl. dazu die detaillierteren Erläuterungen in  E. Schadel (Hrsg.) Bibliotheca Trinitariorum. Vol.1, Paris - München -New York-London 1984, S.VII-XX.



9. E. Schadel, «Sartres Dialektik vοn Sein und Freiheit. Existenzialistische Absurditätserfahrung  als Konsequenz  positivistischen Wirklichkeitsverständnisses».  Ιn: Theologie und Philosophie 62 (1987) 196-215; vοn E.Μ. Ciοran z.B: Die verfehlte Schöpfung, Frankf/Μ.1979; Sylogismen der Bitterkeit, ebd. 1980.



10. Vgl. Hans Sedlmayr , Verlust der Mitte. Die bildende Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts als Symptom und Symbol der Zeit, Darmstadt 1961.



11. Vgl. N. Hartmann , Das Problem des geistigen Seins Berln 21962, S. 115.



12. Vgl. ders. , Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis Berlin 21965, S.285.



13. Vgl. R. Descartes , Meditationes de prima philosophia VI, § 9.



14. Vgl. Κarl Jaspers , Die geistige Situation der Zeit, Berlin 21955, S. 163






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