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ΙΙ.
Im Anschluß
an diese gedrängten Erläuterungen wird es vielleicht möglich,
den Ausgangspunkt der Augustinischen Anthropologie und deren Aktualität
besser einzuschätzen. Augustinus vermeidet wohlweislich die dialektische
Alternative, die für das neuzeitliche Denken charakteristisch ist. Er ist
deshalb -wie sich noch deutlicher zeigen wird
vermittels eines analogisch-integrativen
Wirklichkeitsverständnisses- tatsächlich in der Lage, die
geistige Niedergeschlagenheit, welche dem Nihilismus nachfolgt, zu
überwinden.
Nach Augustinus
ist der Mensch nicht blοß ein zufälliges und
flüchtiges Phänomen am Rande des Universum; er ist aber auch nicht absolute Mitte aller Dinge (so wie man
dies seit der Renaissancezeit bisweilen annahm); er ist vielmehr als relative (bzw. relationale) Mitte zu
umschreiben.
Bei Descartes und
Kant beginnt zwar, ebenso wie bei Augustinus, der Prozeß der
Selbstvergewisserung vermittels einer Rückwendung des Menschen auf sich
selbst hin. Doch ist hierbei freilich eine nicht unerhebliche Differenz
zwischen neuzeitlicher Subjektivität und augustinischer Geistinnerlichkeit
zu beobachten:
Die Subjektivität
schließt sich in sich selbst ein. Da sie die Bedingungen der
Veränderlichkeit und Zeitlichkeit, die sie in sich vorfindet, als
unhintergehbar auffaßt, identifiziert sie das Sein ihres eigenen
Bewußtseins mit dem Sein überhaupt. Auf diese Weise aber entsteht
die Dialektik, welche eine «Theorie des
Seienden sub specie temporis»15 darstellt, d.h. eine Theorie in welcher der Gehalt vοn 'Ewigkeit' auf direkte Weise im
'Zeitlichkeitsprozeß'16 zum Ausdruck kommt. Dies aber
hat, näher besehen, zur Folge, daß Defizienzphänomene sich
vergöttlichen und, in umgekehrter Weise, das Göttliche mit der Inkonsistenz des
Endlichseienden vermischt wird.
Der Mensch, der unter derartiger Seins- «Theorie» nach der Identität seiner selbst und der Dinge
sucht, ist -was spätestens die Existentialisten erkannt haben- «zum
Scheitern verurteilt».
Bei der Innerlichkeit scheint sich die Sache
anders zu verhalten: Augustinus bezieht die Differenz zwischen Sein und
Erkennen, welche er in der Veränderlichkeit des menschlichen Geistes
beobachtet, einzig und allein aufs Menschsein. Er hütet sich davor, sie
zur «schöpferischen» Differenz
umzustilisieren, so wie dies (freilich in ontologisch unzureichender Weise) bei
den Dialektikern geschieht. Jene Differenz markiert für Augustinus
vielmehr eine Werdebedingung des Menschen; sie ist ihm ein Indiz, daß der
'innere Mensch', der im originären Sachverstand nach wirklicher
Selbstforschung trachtet, keineswegs in der Dimension der Zeitlichkeit zu
bleiben vermag. Denn in dieser wäre die fortwährende
Selbstrelativierung unaufhebbar. Das aber heißt: Um im Seinsursprung (der
als überzeitlicher die vollkommene Durchdrungenheit vοn Sein und Erkennen darstellt) die Sinngestalt vοn Seiendem entdecken zu können, muß
sich der zeitliche Mensch zu entzeitlichen versuchen. Wie nämlich sollte
Ursprungserfahrung möglich sein, wenn der Mensch nicht -in sich bleibend- über sich hinausstrebte?
Der Mensch
versteht sich vοn daher als ein Seiendes, das in der Zeit
zugleich auch über der Zeit ist.
Seine Wesenstätigkeit besteht im innerlichen Ek-sistieren (d.h. in einem
geistimmanenten Hervortreten, welches sich innerhalb des Horizonte des 'Deus
interior intimo suo'17 vollzieht). Von daher aber
läßt sich sagen, daß Augustinus, der die Entzeitlichung des
Zeithaften anstrebt, im wörtlichen Sinne 'ek-sistenzialistischer' ist als
die neuzeitlichen Existentialisten, welche Zeit und Geschichte hypostasieren.
Das vorher Gesagte legt es aber auch nahe, die Feuerbach-These, welche lautet: «Das Geheimnis der Theologie ist die
Anthropologie»18 umzukehren in:
'Das Geheimnis der Anthropologie ist die Theologie'19.
Diese Umdrehung
hat wichtige Konsequenzen hinsichtlich der Selbstvergewisserung des Menschen.
Dieser versteht sich nun nicht mehr als absolutes Zentrum «in anima», vermittels des inneren Emporstrebens rührt
er vielmehr an
das wahrhaft Absolute
«supra animam»20 Er befindet sich nicht mehr, wie im
dialektischen Idealismus, unter dem «Leistungsdruck»
der absoluten Konstruktion; er ist m.a.W. vοn der Emanzipationsideologie emanzipiert.
Ohne
Verkrampfungen und Übersteigerungen kann der Augustinische Mensch sein «experimentum medietatis»21 vollziehen. Als zeitliches Zentrum ist
er in seiner Geistinnerlichkeit offen für alles: sowohl für
raum-zeitlich veränderliche Sinnenwelt als auch für deren Sinngrund,
das ewige und unvergängliche Göttliche, das er in sich wahrzunehmen
vermag. Augustins Konzeption der Geistinnerlichkeit stellt vοn daher einen deutlichen Gegensatz zum Solipsismus
des rationalistischen Denkansatzes dar. Denn dem 'inneren Menschen' steht es
frei, sich allem mitzuteilen und vοn allem seine 'Informationen' zu empfangen. Er bildet
sich nicht ein, -in sich und vοn sich her- die
schlechthinnige Allheit vοn Seiendem zu sein. Eben deswegen aber
vermag er es, sich in einem lebendig - freien Wechseltausch mit allem «Anderen» zu realisieren.
Die Augustinische
'Innerlichkeit' charakterisiert sich vermittels der Paulinischen Frage «Was hast du, das du nicht empfangen hast»22 im Horizont seiner Mitteilsamkeit. Im
ihrer Selbstvergewisserung kann sie
daher auch das Sein «sein» lassen.
Ihr liegt nicht daran, Sein -im dem sie immer schon ist, bevor sie anfängt zu erkennen, was ihr Sein und das Sein
überhaupt ist- zu verdrängen oder zu verschleiern.
Das heißt
mit anderen Worten: Im Augustinischen Philosophieren ist das Sein als innere
Voraussetzung des Erkennens aufgefaßt, worin (wie es scheint) der
wesentliche Unterschied zum neuzeitlichen Selbstbewußtsein markiert ist.
Wir können dies deutlicher einsehen, wenn wir uns vergegenwärtigen,
was Descartes zu Beginn seiner dritten Meditation sagt; es heißt hier: «Ich werde jetzt meine Augen
schließen, meine Ohren verstopfen und alle meine Sinne ablenken, auch die
Abbilder körperlicher Dinge sämtlich aus meinem Bewußtsein
tilgen oder, da dies wohl kaum möglich ist, sie doch als eitel und falsch
für nichts achten»23.
Ιn dieser Passage äußert sich
ein Denken, das sich in der abstrakten
Leere seiner selbst
zu konstituieren versucht
und welches deswegen (mit
Heidegger) als 'seinsvergessen' zu charakterisieren ist.
Dieser Tadel der
'Seinsvergessenheit' kann sicherlich nicht auf die Augustinische Konzeption der
Geistinnerlichkeit bezogen werden. Denn nach Augustinus kann das Sein außerhalb, innerhalb und oberhalb der menschlichen
Geist-Innerlichkeit erfahren werden. Anders als Descartes versucht er daher
nicht, die 'Abbilder der körperlichen Dinge', welchen er im
Gedächtnis begegnet, zu tilgen. Im Gegenteil, er gewahrt und bewahrt sie
mit großem Erstaunen und Bewunderung in der transzendentalen Weite seines
Geiste. So ruft er etwa aus: «Grοß ist die Kraft des Gedächtnisses! Ich
weiß nicht, mein Gott, welch gewaltige Macht es ist. Ich weiß nicht,
welch tiefe und unbegrenzte Vielheit es darstellt. Und eben dies ist der Geist,
eben dies bin ich selbst. Was bin ich also, mein Gott? Was bin ich für ein
Wesen? Ein Leben, so mannigfach und vielgestalt und völlig
unermeßlich!»24.
Sobald der Mensch
den inneren Überfluß und die Fülle seines Gedächtnisses
aufdeckt, wird ein bedeutsamer Schritt vollzogen, der vοn Menschen in der Welt zur
Welt im Menschen hinüber
-bzw. hineinführt. Dank der 'Schatzkammer des Gedächtnisses'25,
in welcher die ausgedehnten Dinge in unausgedehnt- intensiver Weise versammelt
sind, gewinnt der Mensch eine legitime Souveränität hinsichtlich der
raum-zeitlichen Welt. Doch haben wir hier zu beachten, daß unser Erkennen
-inhaltlich betrachtet- nicht aus Nichts entsteht, sondern aus dem «Etwassein unseres Geistes»26. (Das genannte Nichts -das Nichts der
Indifferenz- ist lediglich Werdebedingung, aber nicht Seinsgrund unseres
Erkennens.) Und geradeso, als ob er den idealistischen Konstruktivismus
zurückweisen wollte, sagt Augustinus: «Das
Erkennbare bringt die Erkenntnis hervor, es wird nicht durch die Erkenntnis
hervorgebrach»27.
Das Erkennen
realisiert sich ma.W. nicht «a solu intellectu»,
wie es Descartes formuliert28. Es ist vielmehr eine
Tätigkeit des Menschseins, welches vermittels des Gedächtnisse die
Erfahrungen der Welt, seiner selbst und des Göttlichen in sich
vorausenthält und diese Erfahrungen im Erkenntnisakt intellektuell
ausformt. Das Erkennen stellt unter diesem Aspekt eine «Selbstzeugung»
des Seins29 oder einen Hervorgang des Seins aus sich
selbst dar. (Damit aber zeigt sich, daß sich die Rehabilitierung der
ontologischen Frage, um welche sich Nicolai Hartmann angesichts der
subjektozentrischen Rationalität bemüht, im Horizont des augustinischen Philosophierens erübrigt.
Denn die menschliche Geistinnerlichkeit, welche im Sein der
Gedächtnisinhalte begründet ist, stellt eine spezielle Dimension dar,
in welcher die Frage nach dem 'Sein an sich' gestellt und aufgehellt werden
kann30.)
Weil das Sein
selbst kein «Jenseits» aufzuweisen
hat -was nämlich sollte «jenseits des Seins sein können, wenn nicht das Nichts ist?-, ergibt sich,
daß auch die menschliche Selbsterkenntnis, welche wesenhaft in der
Realität des Seins gründet, nicht als eine 'Entfremdung' oder eine
'Dekomposition' des Seinsgehaltes erläutert werden kann. Sie stellt
vielmehr einen geistimmanenten Hervorgang im Sinne der reinen Relation dar31.
Dies alles wird
deutlicher, wenn wir unseren Denkakt als 'inneres Wort' bzw. als ein
'Sich-Aussprechen' des Gedächtnis-Seins verstehen, so wie es Augustinus im
15. Band vοn 'De Trinitate' ausführt; er sagt
hier: «Es muß, wenn wir die
Wahrheit sprechen, das heißt, wenn wir sprechen, was wir wissen, aus eben
dem Wissen, welches wir im Gedächtnis haben, das Wort geboren werden, das
gänzlich vοn
jener Art ist, vοn
der auch das Wissen ist, vοn
dem es geboren wird. Der vοn
der gewußten Sache geformte Gedanke ist nämlich das Wort, das wir im
Herzen sprechen»32.
Dieses Wort ist nicht
griechisch, auch nicht lateinisch oder hebräisch; es gehört
überhaupt nicht zu irgendeiner Einzelsprache. Es ist vielmehr «das
wahre Wort vοn der wahren Sache, das Wort, das nichts vom
Eigenen her besitzt, sondern alles vοn
jenem Wissen her, vοn
dem es geboren wird»33.
Das heißt:
Während die neuzeitliche Denkungsart vornehmlich auf Beherrschung und
sogar auf die Konstruktion vοn Wirklichkeit
abzielt, stellt das Erkennen, so wie es Augustinus versteht, in erster Linie
eine Hingabe und einen Rückbezug auf den Seins-Grund, der es immer schon
ermöglicht hat, dar. Erkennen bedeutet demnach weniger einen
Bemächtigungsakt als vielmehr ein Dienen. Dieses und nicht jener ist das «Höchste».
Welch ein Dienen aber? - Ein Dienen, das dem dienenden Sich-Verströmen
des göttlichen Ursprungs dient.
Dieser Ursprung
tritt «nach» der Zeugung des Wortes
-was im konstitutiven, nicht aber temporalen Sinn verstanden werden will- noch
einmal aus sich hervor, und zwar auf solche Weise, daß er das aus ihm
Hervorgetretene als Geschenk entgegennimmt34. Während
sich nämlich der Ursprung in sein 'Wort' hinein ausdehnt und dieses sich
auf jenen hin zurückbeugt [jenen «re-flektiert»),
eröffnet sich inmitten der intellektualen Distanz, in welcher beide
bestehen, die Möglichkeit zur totizipativen Liebes-Begegnung. Durch diese
und in dieser repräsentiert sich die Güte des Seins als
subsistierendes Zusammenfluten vοn 'Ursprung' und
'Wort', -als wechselseitige sich bestätigende Bezogenheit vοn 'Realität' und 'Idealität'.
Damit aber sind
die Fundamentalstruktur und der Bewegungsrythmus angedeutet, welche das
'Innere' des Augustinischen Innerlichkeitskonzeptes ausmachen. Jeder Mensch hat
daran Anteil, wenn er -unter der Bedingung der Zeitlichkeit- aus dem Gedächtnis -Inhalt das Erkenntnis- Abbild hervortreten
läaßt und die Reziprozität dieser beiden Geistmomente als
einigende Liebe realisiert. Hierbei
handelt es sich freilich nicht um zufällige oder beliebig auswechselbare
menschliche Akte. Es ist vielmehr eine (im Selbstvollzug des Seins
begründete) «apriοrische» Struktur vorgestellt, welche in der lebendigen Aktualität seiner
'koinzidentalen Selbstdurchdringung'35 die
unerschöpfliche Fülle des Göttlich-Absoluten manifestiert.
Augustinus gibt
sich nicht der Illusion hin, daß er die Tiefe des Trinitäts-Mysteriums
durch seine Begrifflichkeit definitiv «ausloten»
könne. Ιn zahlreichen Triaden36
versucht er immer wiede aufs neue das Trinitarische als integrative
Grundwirklichkeit alles Seienden auszulegen37.
Hierbei bevorzugt
er zweifellos Trinitätsanalogien, welche sich im 'inneren Menschen'
aufweisen lassen. Die Bedeutsamkeit dieses seines Verfahrens liegt
hinsichtlich der desolaten
Situation nihilistischer
Subjektozentrik deutlich vor Augen. Denn der Mensch, der sorgfältig den
Prozeß und die Selbstentfaltung seiner Geistinnerlichkeit beobachtet,
gewinnt hierin ein ontologisches Selbstverständnis, das innere
Beständigkeit gewährt. Dank dieses Verständnisses ist er in der
Lage, sowohl der abgründigen Leerheit subjektivistischer Formalität
als auch der absurden Blockade durch objektivistisch-irrationale Inhaltlichkeit
zu entgehen. Jenseits dieser beiden Extreme läßt er in sich das originäre
Licht, das über ihm ist, aufscheinen: - den Ursprung, der alles Seiende
-indem er in sich bleibt- «vοn innen heraus» zu erneuern vermag.
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