Eine
Kultur des Todes und eine von den Mächtigen beherrschte Gesellschaft
63.
Heute scheint sich in Amerika und auch in anderen Teilen der Welt ein
Gesellschaftsmodell herauszukristallisieren, in welchem die Mächtigen
dominieren und die Schwachen an den Rand gedrängt, ja sogar eliminiert werden.
An dieser Stelle denke ich besonders an die ungeborenen Kinder, die wehrlose Opfer
der Abtreibung sind; und ich denke an die alten und unheilbar kranken Menschen,
die mitunter zum Objekt der Euthanasie gemacht werden; auch denke ich an viele
andere Menschen, die durch Konsumhaltung und Materialismus an den Rand gedrängt
werden. Ich kann auch die Augen nicht vor der unnötigen Anwendung der
Todesstrafe verschließen. Wenn andere „unblutige
Mittel hinreichen, um das Leben der Menschen gegen Angreifer zu verteidigen […] und die Sicherheit der Menschen zu schützen,“ wenn man die heutigen Möglichkeiten des Staates, das
Verbrechen effektiv zurückzudrängen, in Betracht zieht, indem er den Täter
außer Gefecht setzt, ohne ihm dadurch endgültig die Möglichkeit zur Reue zu
nehmen, sind die Fälle, in denen es absolut notwendig wäre, den Übeltäter zu
eliminieren, „sehr selten oder praktisch
überhaupt nicht mehr gegeben “ 229. Solche und
ähnliche Gesellschaftsmodelle zeichnen sich durch die Kultur des Todes aus und
stehen daher im Gegensatz zur Botschaft des Evangeliums. Angesichts dieser
trostlosen Wirklichkeit versucht die kirchliche Gemeinschaft immer mehr, sich
für eine Kultur des Lebens einzusetzen.
Daher haben die
Synodenväter, indem sie die jüngsten Dokumente des kirchlichen Lehramtes
übernommen haben, mit aller Deutlichkeit den totalen Einsatz für das
menschliche Leben und dessen bedingungslose Achtung von der Empfängnis bis zum
Augenblick des natürlichen Todes hervorgehoben, und sie bringen ihre Verwerfung
solcher Übel wie Abtreibung und Euthanasie zum Ausdruck. Um diese Lehren des göttlichen
und natürlichen Gesetzes zu erhalten, ist es von wesentlicher Bedeutung, die
Kenntnis der kirchlichen Soziallehre zu fördern und sich dafür einzusetzen, daß
solche Werte wie Leben und Familie auch durch das staatliche Sozialwesen und
die staatliche Gesetzgebung anerkannt und verteidigt werden 230. Außer
der Verteidigung des Lebens muß man auch durch die vielen seelsorglichen
Einrichtungen eine aktive Förderung der Adoptionen intensivieren und ständige
Fürsorgestellen für solche Frauen einrichten, die aufgrund ihrer
Schwangerschaft sowohl vor als auch nach der Geburt des Kindes Probleme haben.
Die Seelsorge muß auch in ganz besonderer Weise auf jene Frauen ausgerichtet
sein, die eine Abtreibung erlitten oder aktiv durchführen haben lassen 231.
Ich danke Gott
und spreche den Glaubensbrüdern und -schwestern in Amerika meine Hochachtung
aus, die vereint mit anderen Christen und Menschen guten Willens sich dafür
einsetzen, das Leben mit legalen Mitteln zu verteidigen und die Ungeborenen, die
unheilbar Kranken und die Behinderten zu schützen. Ihr Einsatz ist auch deshalb
höchst lobenswert, wenn man die Gleichgültigkeit so vieler Menschen, die Fallen
der Euthanasie und die Anschläge auf das Leben und die Menschenwürde bedenkt,
die täglich überall begangen werden 232.
Dieselbe
Fürsorge muß auch für die oftmals vernachlässigten und verlassenen alten
Menschen aufgebracht werden. Sie sind als Personen zu achten, und es ist
wichtig, für sie Initiativen zur Annahme und Pflege zu ergreifen, wodurch auch
gleichzeitig ihre Rechte gefördert und, soweit das möglich ist, ihr
körperliches und geistiges Wohlbefinden sichergestellt werden soll. Die alten
Menschen müssen vor Situationen und vor Ausübung von Druck geschützt werden,
die sie zum Selbstmord treiben könnten. In besonderer Weise müssen sie gegen
die Versuchung des Selbstmordes durch Sterbehilfe und gegen die Euthanasie
unterstützt werden.
Zusammen mit
den Hirten des Gottesvolkes in Amerika richte ich einen Aufruf „an die im medizinisch-gesundheitlichen Bereich tätigen
Katholiken und an alle, die einen öffentlichen Dienst verrichten sowie an alle,
die im Schuldienst tätig sind, daß sie alles in ihrer Macht stehende tun, um
das Leben zu verteidigen, das am meisten gefährdet ist. Hierbei sollen sie nach
ihrem in rechter Weise gemäß der katholischen Lehre gebildeten Gewissen
handeln. Die Bischöfe und Priester tragen in diesem Sinne die besondere
Verantwortung, unermüdlich Zeugnis abzulegen für das Evangelium vom Leben, und
sie sollen die Gläubigen ermahnen, daß sie in Treue zu diesem Evangelium
handeln“ 233. Gleichzeitig
sollte die Kirche in Amerika aber auch durch geeignete Interventionen die
gesetzgebenden Institutionen aufklären, wenn sie Entscheidungen treffen, und
sie sollten die Katholiken und anderen Menschen guten Willens ermutigen,
Organisationen zur Förderung von guten Gesetzesprojekten zu schaffen, denn so
werden jene Projekte verhindert, die Familie und Leben – zwei unzertrennbare Wirklichkeiten – bedrohen. Heutzutage muß ganz besonderes Augenmerk auf alles
gelegt werden, was mit der Embryonenforschung zu tun hat, damit in keiner
Hinsicht die Menschenwürde verletzt wird.
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