Die
Herausforderung durch die Sekten
73.
Der Proselytismus, den die Sekten und neuen religiösen Gruppierungen in vielen
Teilen Amerikas betreiben, ist ein ernsthaftes Hindernis für die
Evangelisierung. Der Begriff „Proselytismus“ ist mit einer negativen Bedeutung behaftet, wenn damit
zum Ausdruck gebracht wird, daß man auf eine Weise um Anhänger wirbt, die die
Freiheit derer nicht beachtet, an die sich eine bestimmte religiöse Propaganda
richtet 280. Die Kirche in Amerika verachtet den Proselytismus der
Sekten aus eben diesem Grund, und ihre Evangelisierungstätigkeit schließt die
Anwendung von Methoden dieser Art aus. Will man den Menschen das Evangelium
Christi in seinem ganzen Umfang nahe bringen, muß die Evangelisierung das
Heiligtum des Gewissens eines jeden Einzelnen respektieren, wo sich der
entscheidende und absolut persönliche Dialog zwischen Gnade und menschlicher
Freiheit entwickelt.
Das muß man
sich besonders im Hinblick auf die christlichen Brüder und Schwestern von
Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften vor Augen halten, die von der
katholischen Kirche getrennt und vor langer Zeit in bestimmten Gegenden
Amerikas ansässig geworden sind. Die Bande wahrer, wenn auch unvollkommener
Gemeinschaft, die gemäß der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils 281
zwischen diesen Gemeinschaften und der katholischen Kirche bestehen, müssen
ihre Haltung und die ihrer Mitglieder hinsichtlich dieser Gemeinschaften
erleuchten 282. Aber deswegen darf diese Haltung dennoch nicht die
feste Überzeugung in Zweifel stellen, daß sich nur in der katholischen Kirche
die Fülle der von Jesus Christus gestifteten Mittel zur Erlangung des Heils
befindet 283.
Den
proselytistischen Vorstößen der Sekten und neuen religiösen Gruppierungen in
Amerika darf man nicht gleichgültig zusehen. Sie fordern der Kirche auf diesem
Kontinent ein vertieftes Studium ab, welches in jedem Land, aber auch auf
internationalem Niveau verwirklicht werden muß, um die Gründe herauszufinden,
warum nicht wenige Katholiken aus der Kirche austreten. Im Lichte der daraus
resultierenden Schlußfolgerungen wird es wohl angebracht sein, eine Revision
der bisher angewandten Seelsorgemethoden vorzunehmen, so daß jede Teilkirche
der Religiosität ihrer Gläubigen mehr persönliche Aufmerksamkeit schenkt, die
Strukturen der Gemeinschaft und der Mission konsolidiert, und sich der bei der
Evangelisierung sich bietenden Möglichkeiten bedient, die eine geläuterte
Volksfrömmigkeit hervorbringen, damit durch das Gebet und die Meditation des
Wortes Gottes der Glaube aller Katholiken an Jesus Christus lebendiger werde
284. Niemandem bleibt die Dringlichkeit einer angemessenen
Evangelisierungsaktion bezüglich jener Bereiche des Volkes Gottes verborgen,
die dem Proselytismus der Sekten am meisten ausgesetzt sind, wie die
Emigranten, die Menschen in den Randzonen der Städte oder in jenen ländlichen
Siedlungen, denen die organisierte Gegenwart eines Priesters abgeht und die von
daher durch eine diffuse religiöse Unwissenheit geprägt sind, aber auch die
Familien einfacherer Bevölkerungsschichten, die unter diversen materiellen
Schwierigkeiten leiden.
Auch unter
diesem Gesichtspunkt zeigen sich die Basisgemeinschaften, die Bewegungen, die
familiären Gruppen und andere assoziierende Gemeinschaften, in denen es
leichter fällt, zwischenmenschliche Beziehungen zur gegenseitigen Unterstützung
zu pflegen, sowohl im spirituellen als auch im wirtschaftlichen Bereich, als
sehr nützlich. Andererseits, so haben einige Synodenväter hervorgehoben, muß
man sich fragen, ob eine fast ausschließlich auf die materiellen Nöte der
Bedürftigen ausgerichtete Seelsorge nicht dazu führt, daß das Verlangen nach
Gott, das diese Völker haben, mißachtet wird, indem man sie so hinsichtlich
angeblich spiritueller Angebote in einer verletzlichen Situation beläßt.
Deshalb „ist es unerläßlich, daß alle mit
Christus durch die kerygmatische, erbauliche und verwandelnde Verkündigung,
ganz besonders aber durch die Predigt während der Liturgie verbunden sind“ 285. Eine Kirche, die intensiv in einer
spirituellen und kontemplativen Dimension lebt und die sich großzügig dem
Liebesdienst widmet, wird auf immer beredtere Weise glaubwürdige Zeugin Gottes
vor den Menschen sein, die auf der Suche nach einem Sinn ihres eigenen Lebens
sind 286. Deswegen ist es notwendig, daß die Gläubigen von ihrer
Glaubensroutine, die sie vielleicht auch nur dank ihres Umfeldes bewahrt haben,
zu einem bewußten und persönlich gelebten Glauben übergehen. Die
Glaubenserneuerung wird stets der beste Weg sein, um alle zur Wahrheit zu
führen, die Christus ist.
Eine wirklich
effektive Antwort auf die Herausforderungen der Sekten erfordert auch eine
angemessene Koordinierung der Initiativen auf überdiözesanem Niveau mit dem
Ziel, eine Zusammenarbeit zu schaffen durch gemeinsame Projekte, die so noch
fruchtbarer sein können 287.
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