Durch
Maria begegnen wir Jesus
11.
Als Jesus geboren wurde, kamen die Weisen aus dem Orient nach Betlehem und „sahen das Kind und Maria, seine Mutter“ (Mt 2,11). Als der Sohn Gottes zu Beginn seines
öffentlichen Wirkens auf der Hochzeit von Kana sein erstes Zeichen wirkte, so
daß seine Jünger an ihn glaubten (vgl. Joh 2,11), da war es Maria, die
vermittelte und die Diener mit folgenden Worten auf ihren Sohn verwies: „Was er euch sagt, das tut“ (Joh
2,5). Diesbezüglich habe ich bei einer anderen Gelegenheit geschrieben: „Die Mutter Christi zeigt sich vor den Menschen als Sprecherin
für den Willen des Sohnes, als Wegweiserin zu jenen Voraussetzungen, die
erfüllt sein müssen, damit sich die erlösende Macht des Messias offenbaren kann“ 17. Daher ist Maria ein sicherer Weg, um
Christus zu begegnen. Die der Mutter des Herrn entgegengebrachte Frömmigkeit
hilft – wenn sie echt ist – stets, das eigene Leben nach dem Geist und den Werten
des Evangeliums auszurichten.
Es ist daher
nur folgerichtig, wenn der Stellenwert Marias hervorgehoben wird, den sie
hinsichtlich der Begegnung der Kirche Amerikas mit dem Herrn einnimmt. In der
Tat ist ja die allheilige Jungfrau „in
besonderer Weise mit dem Entstehen der Kirche in der Geschichte der […] Völker Amerikas verbunden, die durch Maria dem Herrn
begegneten“ 18.
In allen Teilen
des Kontinents war die Präsenz der Gottesmutter durch das Wirken der Missionare
seit den Tagen der ersten Evangelisierung sehr intensiv. Bei der Verkündigung „des Evangeliums stellten sie die Jungfrau Maria als
dessen höchste Erfüllung dar. Seit den Ursprüngen ihrer Erscheinung und
Anrufung in Guadalupe stellte Maria das große Zeichen, das mütterliche Antlitz
voller Erbarmen für die Nähe des Vaters und des Sohnes dar, mit denen zusammen
sie uns einlädt, in die Gemeinschaft einzutreten“
19.
Die
Marienerscheinung, die der Indio Juan Diego im Jahr 1531 auf dem Hügel von
Tepeyac hatte, war für die Evangelisierung von entscheidender Bedeutung
20. Dieser Einfluß geht über die Grenzen Mexikos hinaus und erreicht
den ganzen Kontinent. Amerika war im Lauf der Geschichte der Schmelztiegel der
Völker und ist es auch heute noch. Man hat „in dem
Mestizengesicht der Jungfrau von Tepeyac“, in
U.Lb. Frau von Gua-dalupe „ein bedeutsames Beispiel
einer vollkommen inkulturierten Evangelisierung“
21 erkannt. Daher wird U.Lb. Frau von Guadalupe nicht nur in Zentral-
und Südamerika, sondern auch im Norden des Kontinents als Königin ganz Amerikas
verehrt 22.
Im Lauf der
Zeit sind sich sowohl Hirten als auch Gläubige immer mehr der Rolle bewußt
geworden, die Maria bei der Evangelisierung des Kontinents eingenommen hatte.
Bei dem für die Sonderversammlung der Bischofssynode für Amerika verfaßten
Gebet wird die Gottesmutter von Guadalupe als „Patronin
ganz Amerikas und Stern der ersten und der neuen Evangelisierung“ angerufen. In diesem Sinne nehme ich gerne den Vorschlag
der Synodenväter auf, den 12. Dezember auf dem ganzen Kontinent als das Fest
U.Lb. Frau von Guadalupe, der Mutter Amerikas und Verkünderin des Evangeliums
einzurichten 23, und ich hoffe fest, daß sie, deren Fürsprache die
ersten Jünger ihre Stärkung im Glauben verdankten (vgl. Joh 2,11), die
Kirche auf diesem Kontinent durch ihre mütterliche Fürsprache leitet, auf daß
sie – wie schon in der Urkirche – die Herabkunft des Heiligen Geistes erwirkt (vgl. Apg
1,14). So wird die Neuevangelisierung eine wunderbare Blüte des
christlichen Lebens hervorbringen.
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