Die
zunehmende Landflucht
21.
Das Phänomen der Landflucht nimmt auch in Amerika immer mehr zu. Seit einigen
Jahrzehnten erlebt der Kontinent eine kontinuierliche Abwanderung vom Land in
die Stadt. Es handelt sich dabei um ein ziemlich komplexes Phänomen, das
bereits mein Vorgänger Paul VI. beschrieben hat 56. Es gibt
verschiedene Gründe für dieses Phänomen, doch sticht dabei hauptsächlich die Armut
und die Unterentwicklung der ländlichen Gegenden hervor, wo häufig öffentliche
Einrichtungen, Verkehrsmöglichkeiten und Einrichtungen des Bildungs- und
Gesundheitswesens fehlen. Außerdem übt die Stadt durch ihr Unterhaltungsangebot
und den Wohlstand – ein Bild, das häufig von den
Medien vermittelt wird – eine besondere
Anziehungskraft auf die einfachen ländlichen Bevölkerungsschichten aus.
Die häufig
ausbleibende Planung bei diesem Prozeß ist der Grund vieler Übel. Die
Synodenväter hoben hervor, „daß in gewissen Fällen
einige Stadtbereiche regelrechte Inseln sind, wo sich Gewalt und
Jugendkriminalität häufen und sich eine Atmosphäre der Verzweiflung breit macht“ 57. Das Phänomen der Landflucht stellt auch eine
große Herausforderung an die Seelsorge der Kirche dar, die sich mit der
kulturellen Entwurzelung, mit dem Verlust vertrauter Bräuche und der Abkehr von
den eigenen religiösen Traditionen auseinanderzusetzen hat. All das führt nicht
selten zu einem Scheitern des Glaubens, der nämlich so seiner Äußerungsformen
beraubt wurde, die ihm als dessen Stütze dienten.
Es ist also
eine drängende Herausforderung für die Kirche, die städtische Kultur zu
evangelisieren. Sie ist heutzutage aufgerufen, durch Katechese, Liturgie und
die eigenen seelsorglichen Strukturen die Städte systematisch und
flächendeckend zu evangelisieren, wie sie es auch jahrhundertelang verstanden
hat, die ländliche Kultur zu evangelisieren 58.
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