Vom
Heiligen Geist zu einer neuen Lebensweise angeleitet
29.
Der Vorschlag zu einer neuen Lebensweise gilt nicht nur für die Hirten, sondern
vielmehr für alle in Amerika lebende Christen. Von allen wird erwartet, daß sie
eine echte christliche Spiritualität annehmen und vertiefen. „In der Tat versteht man unter dem Begriff Spiritualität
die Art und Weise der Lebensführung, wie sie von uns Christen verlangt wird.
Spiritualität bedeutet ›leben in Christus‹ und ›leben im Geiste‹. Sie wird im Glauben angenommen, findet in der Liebe
ihren Ausdruck, wird durch die Hoffnung belebt und im täglichen Leben der
kirchlichen Gemeinschaft umgesetzt.“
77 In diesem Sinne versteht man unter Spiritualität – welche das Ziel ist, zu der die Umkehr führt – nicht nur „einen
Teil des Lebens, sondern das ganze Leben unter der Leitung des Heiligen Geistes“. 78 Von all den Ausdrucksformen der
Spiritualität, die der Christ sich zu eigen machen soll, überwiegt das Gebet.
Es „führt dazu, daß man allmählich
einen kontemplativen Blick für die Realität bekommt, was einem gestattet, Gott
immer und in allem zu erkennen, ihn in allen Menschen zu suchen und zu finden
und seinen Willen in allem, was geschieht, zu suchen“. 79
Jeder Christ
ist sowohl zum persönlichen als auch zum liturgischen Gebet verpflichtet. „Jesus Christus, das Evangelium des Vaters, macht uns
darauf aufmerksam, daß wir ohne ihn nichts vermögen (vgl. Joh 15,5). Er
selbst hat sich in den entscheidenden Augenblicken seines Lebens bevor er
handelte, an einen einsamen Ort zurückgezogen, um sich ganz dem Gebet und der
Betrachtung hinzugeben, und er verlangte von den Aposteln, dasselbe zu tun“. 80 Auch seinen Jüngern rief er ohne Ausnahme in
Erinnerung: „Du aber geh in deine Kammer,
wenn du betest, und schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im
Verborgenen ist“ (Mt 6,6). Eine solche,
durch das Gebet geprägte, intensive Lebensweise muß den Fähigkeiten und
Bedingungen eines jeden Christen angepaßt sein, so daß er stets in den
verschiedenen Lebenssituationen „zur Quelle der Begegnung
mit Jesus Christus zurückkehren kann, um mit dem einen Geist getränkt zu werden
(1 Kor 12,13)“ 81 . In
diesem Sinne ist die kontemplative Dimension kein Privileg einiger weniger in
der Kirche; im Gegenteil: in den Pfarreien, Gemeinschaften und Bewegungen soll
eine offene und an der Betrachtung der fundamentalen Glaubenswahrheiten
ausgerichtete Spiritualität gefördert werden. Gemeint sind hier die
Glaubensgeheimnisse der Dreifaltigkeit, der Menschwerdung des Wortes, der
Erlösung der Menschen und weitere große Heilswerke Gottes. 82
Die Männer und
Frauen, die sich ausschließlich der Betrachtung hingeben, haben in der
amerikanischen Kirche eine fundamentale Sendung. Sie sind – so drückt es das Zweite Vatikanische Konzil aus – „eine Zier der Kirche und
verströmen himmlische Gnaden“. 83 Daher
müssen die Klöster, die weit und breit auf dem ganzen Kontinent verstreut sind,
„den Hirten ganz besonders am
Herzen liegen, deren tiefste Überzeugung es sei, daß die Seelen, die sich ganz
dem kontemplativen Leben hingeben, durch Gebet, Buße und Betrachtung – denn dafür weihen sie ihr Leben – reiche Gnaden erwirken. Die in kontemplativen Klöstern
lebenden Ordensleute müssen sich darüber bewußt sein, daß sie in die Mission
der Kirche in dieser Welt integriert sind und daß sie durch ihr eigenes
Lebenszeugnis zum Seelenheil der Gläubigen beitragen; denn so suchen diese in
ihrem täglichen Leben nach dem Antlitz Gottes“.
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Christliche
Spiritualität wird vor allem durch einen häufigen Sakramentenempfang genährt,
da die Sakramente die Wurzel und unversiegbare Quelle der Gnade Gottes sind.
Ihrer bedürfen die Gläubigen, um sich auf ihrer irdischen Pilgerschaft zu
laben. Eine solche Lebensweise muß auch durch die Werte der Volksfrömmigkeit
geprägt sein, die durch die sakramentale Praxis bereichert werden und so weit
davon entfernt sind, zu bloßer Routine zu erstarren. Jedoch steht die
Spiritualität der sozialen Dimension des christlichen Engagements nicht
entgegen, im Gegenteil: die Gläubigen werden sich durch ihr Gebetsleben mehr
der Anforderungen des Evangeliums und der Verpflichtung ihren Brüdern und
Schwestern gegenüber bewußt, denn durch das Gebet erlangen sie die unerläßliche
Gnadenkraft, um im Guten auszuharren. Damit der Christ zu geistiger Reife
gelangt, soll er auf den Rat und die geistige Leitung der geweihten Diener oder
anderer, in diesem Bereich erfahrener Personen, hören. Dies ist eine Praxis,
die seit alters in der Kirche ausgeübt wird. Die Synodenväter hielten es für
notwendig, den Priestern diesen so wichtigen Dienst ans Herz zu legen.
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