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39. Wir mußten, meine
Brüder, die Kunstgriffe der geistigen Bosheit 148), womit wir zu kämpfen haben, nach Gebühr
einer Betrachtung unterwerfen; sie sind für den Glauben notwendig, damit die
Auserwählten offenbar und die Verworfenen entdeckt werden. Darum hat sie auch
ihre Macht und die Gewandtheit im Ersinnen und Lehren von Irrtümern, die jedoch
nicht als etwas - 695 -
Schwieriges und Unerklärliches anzustaunen ist, da Belege derselben
Geschicklichkeit auch bei den profanen Schriften vor Augen liegen. Man kann
noch heutzutage erleben, wie aus dem Vergil ein ganz anderes Gedicht
zusammengesetzt wird, wobei sich der Stoff den Versen und die Verse dem Stoffe
anbequemen müssen. So hat sich z. B. Hosidius Geta sein Trauerspiel
„Medea" vollständig aus dem Vergil herausgeklaubt. Ein Verwandter von mir
hat außer seinen sonstigen Stilübungen unter ändern auch das „Gemälde" von
Cebes weiter ausgeführt, Homerocentonen pflegt man die Leute zu nennen, welche
eigene Werke mit Hilfe der Gedichte des Homer aus vielen Bruchstücken, die sie
wie Flickschneider hierhin und dorthin verteilen, zusammenstoppeln. Und
fürwahr, die heilige Literatur ist ein noch ergiebigerer Boden zur Lieferung
jeglichen Stoffes. Ich nehme nicht einmal Anstand, zu sagen, die Hl. Schrift
sei nach dem Willen Gottes sogar so eingerichtet, damit sie den Häretikern das
Material darbiete; denn ich lese, „daß es Häresien geben müsse", und ohne
die Schrift könnte es keine geben.
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