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Was soll ich aber erst von ihrer Art, das Wort Gottes zu verwalten, sagen, da
es nicht ihr Geschäft ist, Heiden zu bekehren, sondern die Unserigen zum Abfall
zu verlocken? Sie jagen mehr der Ehre nach, die Stehenden zum Falle zu bringen,
als der, die Gefallenen aufzurichten, da ja auch das Gebäude selbst, das ihnen
gehört, nicht ihrer eigenen Bautätigkeit sein Dasein - 698 -
verdankt, sondern der Zerstörung der Wahrheit. Das Unsrige untergraben
sie, um das Ihrige aufzubauen. Nimm ihnen das Gesetz Moses, die Propheten und
Gott den Schöpfer, darüber haben sie keine Klage auszustoßen 157). So kommt es, daß sie es leichter zustande
bringen, stehende Gebäude in Trümmer zu legen, als am Boden liegende
aufzurichten. Zu diesem Zwecke ganz allein spielen sie die Demütigen, die
Liebenswürdigen, die ergebensten Diener. Sonst kennen sie nicht einmal ihren
Vorstehern gegenüber Ehrerbietung. Und das ist auch der Grund, warum es bei den
Häretikern sozusagen keine Kirchenspaltungen gibt, weil solche, auch wenn sie
vorhanden sind, nicht zutage treten. Im Schisma besteht gerade ihre Einheit.
Ich will ein Lügner sein, wenn sie nicht unter sich sogar von ihren
Glaubensregeln abweichen, indem ein jeder ebenso das, was ihm gelehrt wurde,
nach seinem Gutdünken modelt, wie sein Lehrer es nach seinem Gutdünken
geschaffen hat. Eine Sache verleugnet in ihrer Entwicklung ihre Natur und die
Beschaffenheit ihres Ursprungs nicht. Dasselbe Recht wie Valentinus haben die
Valentinianer auch, die Marcioniten dasselbe wie Marcion, nämlich nach eigenem
Gutdünken einen neuen Glauben zu machen. Schließlich, wenn man die Häresien
gründlich betrachtet, so findet man, daß sie alle von ihren Stiftern in vielen
Punkten abgewichen sind. Sehr viele haben nicht einmal Kirchen; ohne Mutter,
ohne Heimat, des Glaubens bar, irren sie als Verbannte ohne eigenen Herd umher
158).
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