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8. Damit komme ich auf
die Bibelstelle, die einerseits die Unserigen als Vorwand gebrauchen, um
Grübeleien anzufangen, und womit andererseits die Häretiker den Leuten in den
Ohren liegen, um ihnen beunruhigende Zweifel aufzudrängen. Es steht
geschrieben, sagen sie; „Suchet und ihr werdet finden" 35). ---- Erinnern wir uns an den Zeitpunkt,
wann der Herr diesen Ausspruch getan hat. Mich dünkt, gerade beim ersten Anfang
seines Lehramtes, als es noch für alle zweifelhaft war, ob er Christus sei, zu
einer Zeit, da ihn Petrus noch nicht als den Sohn Gottes bekannt und auch
Johannes 36) sogar seine frühere
Überzeugung in Betreff Christi verloren hatte. Mit Recht hieß es also damals:
„Suchet und ihr - 661 -
werdet finden", zu einer Zeit, als der noch gesucht werden mußte, der
noch nicht erkannt worden war. Auch galt das nur in Bezug auf die Juden. Denn
nur an sie, die im Besitz der Mittel waren, Christus zu suchen, ist jene ganze
Zurechtweisung gerichtet. Sie haben, heißt es, Moses und Elias 37), d. h. das Gesetz und die Propheten, welche
Christum verkündigten. Demgemäß wird anderwärts mit klaren Worten gesagt:
„Forschet in den Schriften, in welchen ihr das Heil zu finden hoffet, sie sind
es, die von mir reden" 38). Das wäre
das: „Suchet, und ihr werdet finden."
Auch die
folgende Aufforderung: „Klopfet an und es wird euch auf getan werden"
39) geht offenbar auf
die Juden. Die Juden waren vorher in Gottes Hause gewesen, darnach wurden sie
hinausgeworfen und fingen an, draußen zu sein. Die Heiden aber waren niemals
bei Gott, sie waren nur das Überlaufende vom Eimer, der Staub von der Tenne
40) und waren immer
draußen gewesen. Wer also immer draußen gewesen, wie wird der dort anklopfen,
wo er niemals war? Wie kennt er denn die Tür, durch die er niemals eingelassen
oder hinausgeworfen worden war? Wird nicht vielmehr der, welcher weiß, daß er
drinnen gewesen und hinausgebracht worden ist, es sein, der die Türe kennt und
anzuklopfen hat? Auch die Worte: „Bittet und ihr werdet erhalten" passen
nur auf den, der wußte, von wem er es erbitten muß, und von wem etwas
versprochen worden war, nämlich vom Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, Die
Heiden aber kannten ihn ebensowenig, als irgendeine seiner Versprechungen,
Deshalb sagte Christus auch zu Israel: „Ich bin nur gesendet zu den verlorenen
Schafen des Hauses Israel" 41). Noch hatte er den Hunden das Brot der Kinder nicht
hingeworfen, noch hatte er den Weg zu den Heiden nicht zu gehen befohlen. Denn
erst am Ende befiehlt er, sie sollen die - 662 -
Heiden lehren und taufen, da sie bald den Hl. Geist, den Tröster erhalten
würden, der sie in alle Wahrheit einführen werde. Und somit tut er dies zu
jenem Zweck 42). Wenn nun
die zu Lehrern der Heiden bestimmten Apostel selbst erst noch den Paraklet als
Lehrer erhalten sollten, so hatte das: „Suchet und ihr werdet finden" noch
viel weniger eine Beziehung auf uns, denen ohne unser Zutun die Lehre durch die
Apostel zukommen sollte, wie den Aposteln wiederum durch den Hl. Geist. Alle
Aussprüche des Herrn sind zwar für alle hingestellt ---- durch das Ohr der
Juden sind sie bis zu uns gelangt ---- aber viele an Personen gerichtete
stellen für uns keine uns angehende Ermahnung, sondern nur ein Beispiel
43) auf.
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