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14. Wofern aber nur ihre
Form in ihrer Ordnung bestehen bleibt, magst du untersuchen und verhandeln,
soviel du willst, und aller Lust des For-schens ihren freien Lauf lassen, wenn
dir etwas unbestimmt gelassen oder an Dunkelheit zu leiden scheint. Jedenfalls
ist ein Mitbruder da, ein Lehrer, der mit der Gnade der Wissenschaft begabt ist,
einer, der sich des Verkehrs mit solchen erfreut, die besser bewandert sind,
einer, der dann mit dir ---- aber mit mehr Sorgfalt ---- untersucht.
Schließlich ist es besser, unwissend zu sein, um nicht kennen zu lernen, was - 667 -
man nicht
soll; denn, was du wissen mußt, daß weißt du ja. Dein Glaube, heißt es, hat dir
geholfen 53), nicht die
Vertrautheit mit der Hl. Schrift. Der Glaube ist in der Glaubensregel
niedergelegt; er umschließt das Gesetz und, infolge der Beobachtung des
Gesetzes, das Heil. Die Vertrautheit mit der Schrift aber wurzelt im
Grübelgeiste und erwirbt nichts weiter als Berühmtheit infolge des Strebens
nach Kenntnissen. Die Wißbegierde weiche dem Glauben, die Ruhmsucht weiche dem
Seelenheil! Wenigstens sollen sie ihm nicht hinderlich sein, oder wenigstens
Ruhe halten. Nichts gegen die Glaubensregel wissen, heißt alles wissen. Gesetzt
wirklich, die Häretiker wären keine Feinde der Wahrheit, gesetzt, wir wären
nicht gewarnt worden, sie zu fliehen, was soll es heißen, sich mit Menschen zu
besprechen, die gestehen müssen, daß sie selber noch suchen? Denn wenn sie
wirklich noch suchen, so haben sie ja noch nichts Gewisses gefunden, und was
sie mithin auch immer vorläufig fest zu besitzen scheinen ---- sie verraten
ihre eigene Unsicherheit, so lange sie noch suchen. Du also, der du ebenso
suchest und auf solche schaust, die selber auch noch suchen, ein Zweifelnder
auf Zweifelnde, ein Schwankender auf Schwankende 54), du wirst notwendig als ein Blinder von den
Blinden in die Grube geführt werden. Da sie jedoch, nur um zu täuschen,
vorgeben, noch untersuchen zu wollen, um uns in unruhige Spannung zu versetzen
und uns so ihre Lehren beizubringen, schließlich aber, sobald sie Zutritt zu
uns erlangt haben, sofort die vorgeblich erst noch zu untersuchenden Dinge als
gewiß verteidigen, so müssen wir sie gleich so zurückweisen, daß sie wissen,
wir seien nur ihnen, nicht Christus gegenüber Leugner. Denn so lange sie noch
suchen, besitzen sie noch nicht; wenn sie aber noch nicht besitzen, so haben
sie den Glauben noch nicht; wenn sie aber den Glauben noch nicht haben, so sind
sie keine Christen. Allein sie geben vor, sie müßten, obgleich sie besitzen und
glauben, doch noch der Verteidigung halber untersuchen. Bevor es zur Verteidigung
kommt, - 668 -
leugnen sie das, wovon sie ja eingestehen, daß sie es noch gar nicht im
Glauben angenommen haben, so lange sie suchen. Da sie also noch nicht einmal
für sich selber Christen sind, um wieviel weniger werden sie es für uns sein!
Welchen Glauben mögen Leute vortragen, die gleich mit einer Täuschung ankommen.
Welche Wahrheit mögen die vertreten, welche sich einer Lüge bedienen, um sie
einzuführen? Aber sie verhandeln doch auch auf Grund der Hl. Schrift und suchen
auf Grund der Schrift zu überzeugen, ---- Freilich, wie könnten sie auch anders
über Gegenstände des Glaubens sprechen, als nur wenn sie aus den hl, Schriften
des Glaubens schöpfen?
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