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30. Wo war damals
Marcion, der Schiffsreeder aus Pontus, der Verehrer der Stoa? Wo Valentinus,
der Anhänger des Platonismus? Es ist ja eine bekannte Sache, daß sie unlängst
erst gelebt haben, etwa unter der Regierung des Antoninus, und in der römischen
Gemeinde unter dem Episkopat des lobwürdigen 108) Eleutherius sich erst zu der katholischen Lehre bekannt
haben, bis sie wegen ihrer unruhigen Zweifelsucht, womit sie oftmals auch die Brüder
ansteckten, mehrfach exkommuniziert ---- Marcion, trotz seiner - 683 -
zweihunderttausend Sesterzien, die er der Kirche eingebracht hatte ---- zuletzt
zu einer beständigen Ausschließung verurteilt, das Gift ihrer Lehren
ausgebreitet haben. Späterhin übernahm Marcion die Kirchenbuße, aber als er
sich der ihm auferlegten Bedingung ---- er sollte nämlich die Gemeinschaft
alsdann wieder erhalten, wenn er auch die übrigen durch seine Lehre ins
Verderben Geführten der Kirche wiedergewänne ---- unterziehen wollte, wurde er
vom Tode überrascht. Denn es mußte ja Häresien geben. Doch sind die Häresien
darum, weil es deren geben muß, noch nicht etwas Gutes. Das würde klingen, als
wenn es nicht auch Übles hätte geben müssen. Der Herr mußte auch verraten werden,
---- aber wehe dem Verräter! So kann mir daher niemand die Häresien
verteidigen.
Sollen wir
auch des Apelles Stammbaum durchgehen, so gehörte er so wenig der alten Zeit an
als Marcion, sein Lehrer und Bildner, sondern sich an eine Frauensperson hängend,
lief er, der marcionitischen Enthaltsamkeit 109) untreu geworden, aus den Augen seines so heiligmäßigen
Lehrmeisters weg nach Alexandrien. Von da kam er nach Jahren zurück, um nichts
gebessert als darin, daß er kein Marcionite mehr war, und geriet an eine andere
Weibsperson, jene bekannte, obengenannte 110) Jungfrau Philumene, die nachher auch eine entmenschte
Hure wurde, durch deren Zauberkünste umgarnt er die Offenbarungen, die er von
ihr enthielt, niederschrieb 111). Noch leben
Leute in der Welt, die sich ihrer entsinnen können, sogar ihre eigenen Schüler
und Nachtreter, so daß sie nicht leugnen können, daß sie später sind 112). Jedoch sie werden auch, wie der Herr
gesagt hat, durch ihre Werke widerlegt 113). Denn wenn Marcion das Neue Testament von dem Alten
absondert, - 684 -
so ist er später als das, was er absonderte, da er ja nicht hätte trennen
können, was nicht vorher vereint war. Die ehemalige Vereinigung vor
stattgefundener Trennung und die nachmalige Trennung beweist, daß der Trennende
später lebte. Ebenso wenn Valentinus eine andere Deutung und ohne Zweifel eine
Verbesserung (der Hl. Schrift) lieferte, so beweist er durch eben diese
Verbesserung, daß das, was er, als vorher fehlerhaft, verbesserte, das Eigentum
eines anderen war 114).
Wir führen
gerade die Genannten auf, da sie als Verfälscher der Wahrheit die
hervorragendsten sind und die meisten Anhänger haben. Aber auch ein gewisser
Nigidius, Hermogenes und viele andere laufen noch jetzt herum und verderben die
Wege des Herrn. Möchten sie mir doch angeben, von welcher Autorität sie
ausgegangen sind! Wenn sie einen ändern Gott verkünden, wie sind sie imstande,
sich der Geschöpfe, Schriften und Namen des Gottes zu bedienen, gegen den sie auftreten?
Predigen sie denselben Gott, warum denn auf eine ganz andere Weise? Mögen sie
es beweisen, daß sie neue Apostel sind, und vorgeben, Christus sei wiederum
herabgestiegen, habe wiederum gelehrt, sei wiederum gekreuzigt, wiederum
gestorben und auferstanden. Denn auf diese Weise pflegt er, wie der Apostel es
beschreibt 115), Apostel zu machen
und ihnen außerdem auch die Macht zu geben, die Zeichen zu tun, die er selbst
tat. Ich verlange also auch ihre Wunderkraft zu sehen. Als ihre größte Wunderkraft
bemerke ich aber nur, daß sie die Apostel in umgekehrter Weise nachahmen. Jene
pflegten aus Toten Lebendige zu machen, sie machen aus Lebendigen Tote.
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