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8. Wenden wir uns
nun zu unserem eigenen Gesetze, d. h. zum Evangelium, was für Beispiele warten
unser da erst, bevor wir zu den festen Bestimmungen 75) vorgedrungen sind! Siehe,
sogleich auf der Schwelle treten uns die beiden Wächterinnen der christlichen
Heiligkeit, die Monogamie und die Enthaltsamkeit, entgegen, die eine in ihrer
Ehrbarkeit in dem Priester Zacharias, die andere in ihrer Unversehrheit
76) in Johannes, dem Vorläufer; die eine versöhnt Gott, die
andere verkündet Christum; die eine verkündet den vollkommenen Priester, die
andere stellt mehr vor als einen Propheten, jenen nämlich, der Christum nicht
bloß verkündete oder vor aller Augen auf ihn hinwies, sondern auch ihn taufte.
Denn wer wäre würdiger gewesen, dem Leibe des Herrn jene Weihe zu erteilen, als
ein Leib, der demjenigen glich, der ihn empfing und gebar! Und Christum gebar
die Jungfrau, die sich nur einmal nach seiner Geburt verheiraten sollte
77), damit - 840 -
die beiden Titel der Heiligkeit in
der Abstammung Christi sich vollenden sollten 78) durch eine Mutter, die
einerseits Jungfrau und anderseits eine nur einmal Vermählte war. Bei der
Darstellung des Kindes im Tempel, wer nimmt es in seine Hände? Wer erkannte es
im Geiste zuerst? Ein gerechter und keuscher Mann, der gewiß kein Digamus war
und es schon um deswillen nicht sein durfte, damit nicht Christus gleich darauf
von einem Weibe in würdigerer Weie gepriesen werde, die eine alte und
eingattige Witwe war, die, ganz dem Tempel sich widmend, genugsam an sich zu
erkennen gab, wie die beschaffen sein müssen, die dem geistigen Tempel, d. i.
der Kirche, eingegliedert sind.
Solche Zeugen fand
der Herr als Kind; als Erwachsener hatte er keine anderen. Nur von Petrus finde
ich, dadurch daß er eine Schwiegermutter hatte, daß er verheiratet gewesen; daß
er in Monogamie lebte, darf ich annehmen wegen seiner Stellung zur Kirche
79), die, auf ihn erbaut, alle Grade ihrer Weihen aus
Monogamischen errichten sollte. Da ich nicht finde, daß die übrigen verheiratet
gewesen seien, so muß ich sie entweder für geistig Verschnittene 80) oder für Enthaltsame halten.
Denn wenn auch die Weiber und die Gattinnen bei den Griechen mit einem
gemeinschaftlichen Namen benannt werden, entsprechend dem kürzeren
Sprachgebrauch 81) ---- übrigens gibt es eine eigene
Bezeichnung für Gattin ----, so werden wir darum Paulus doch nicht so
verstehen, als wolle er sagen, die Apostel hätten Gattinnen gehabt. Wenn er von
ehelichen Verhältnissen hätte sprechen wollen, was er im folgenden tut, wo er
eher ein Beispiel hätte namhaft machen können, so hätte er sich, wie es
scheint, richtig so ausdrücken müssen: „Hätten wir nicht - 841 -
auch das Recht, Gattinnen mit uns
umherzuführen, so gut wie die übrigen Apostel und Kephas?" 82) Aber da, wo er seinen Verzicht
auf Gewährung des Lebensunterhaltes 83) klarlegt, sagt er: „Haben
wir nicht auch Erlaubnis, zu essen und zu trinken?" 84) Damit zeigt er, daß die
Apostel keine Ehefrauen mit sich herumgeführt haben, da die Erlaubnis, zu essen
und zu trinken, auch Leute haben, welche deren keine besitzen, sondern daß es
nur Weiber schlechthin waren, welche ihnen in derselben Art wie die
Begleiterinnen des Herrn dienten.
Wenn Christus gegen
die Schriftgelehrten und Pharisäer, die auf dem Lehrstuhl des Moses saßen und
nicht handelten, wie sie lehrten, seine Mißbilligung ausspricht, in welchem
Lichte würde er uns erscheinen, wenn er auf seinen eigenen Lehrstuhl Leute
setzte, welche mehr darauf bedacht wären, die Heiligkeit des Leibes
vorzuschreiben, als sie selbst zu üben, eine Heiligkeit, in Betreff derer er
ihnen auf alle Weise eingeschärft hatte, sowohl sie zu lehren als sie zu
betätigen, vor allem durch sein eigenes Beispiel, sodann durch die übrigen
ihnen vorgeführten Lehrbeispiele, wie z. B., wenn er das Reich Gottes den
Kleinen zuspricht 85), wenn er diesen als desselben
Reiches teilhaftig andere Kinder zugesellt, solche, die es auch nach der Heirat
noch sind 86), wenn er sie zur Einfalt der Tauben auffordert 87), eines nicht bloß
unschuldigen, sondern auch keuschen Vögleins, bei denen immer nur ein Männchen
ein Weibchen nimmt; wenn er es in Abrede stellt, daß die Samariterin einen
Ehemann habe, um jeden ihrer zahlreichen Ehemänner als Ehebrecher hinzustellen
88), wenn er bei der Offenbarung seiner Herrlichkeit von
all den vielen Heiligen lieber den Moses und Elias bei sich sehen wollte, wovon
der eine nur einmal, der andere keinmal vermählt war, - 842 -
---- denn bei Elias war es nicht
anders als bei Johannes 89), der da in der Kraft und im Geiste
des Elias kam; ----wenn ferner er, jener „Fresser und Säufer" 90), er, der die Früh- und die
Hauptmahlzeiten bei den Zöllnern und Pharisäern so häufig besucht, doch nur
einmal bei einer einzigen Hochzeit mitißt, obwohl sicherlich noch viele andere
Leute Hochzeit hielten! Er wollte sie eben nur so oft besuchen, als er wollte,
daß sie sein sollen 91).
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